Schachgenie Magnus Carlsen "Man will seinen Gegner erlegen"

Er ist 22 Jahre alt, gilt aber schon als bester Schachspieler des Planeten. Zum ersten Mal kann Magnus Carlsen jetzt Weltmeister werden, er fordert den deutlich älteren Inder Viswanathan Anand heraus. Im Kampf zwischen Talent und Erfahrung ist Carlsen der Favorit.

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Der Junge sitzt mit verbundenen Augen auf einem Holzstuhl, in seinem Rücken, aufgereiht an einem langen Tisch, schwitzen zehn Männer über je einem Schachbrett. "Springer auf f6", sagt der Junge, "Bauer auf c6. Läufer auf d4." Er verlagert sein Gewicht auf die andere Pobacke, lässt das Kinn zur Brust sinken. Eine Weile sitzt er noch so, dann ist alles vorbei. Magnus Carlsen hat wieder gewonnen, auf zehn Schachbrettern gleichzeitig, in seinem Kopf. Er lächelt kurz.

Magnus Carlsen war 13 Jahre, vier Monate und 27 Tage alt, als er 2004 hinter Sergei Alexandrowitsch Karjakin (zwölf Jahre, sieben Monate) der bis dahin zweitjüngste Großmeister in der Geschichte des Schachs wurde. Sechs Jahre später war Carlsen die Nummer eins der Welt.

Heute ist er 22 Jahre alt, und zum ersten Mal kann er Weltmeister werden. Im indischen Chennai fordert er ab Samstag Viswanathan Anand heraus (Bei SPIEGEL ONLINE können Sie alle Partien im Liveticker verfolgen). Der Inder ist 43 Jahre und damit fast doppelt so alt wie Carlsen, er verteidigt den Titel seit 2007.

Und er ist der Außenseiter bei diesem Turnier in seiner Heimatstadt.

"Ich halte mich immer für den Favoriten", sagt Carlsen. Die Selbstsicherheit hat Gründe. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Norweger der 16. Weltmeister des Schachspiels wird. Anand liegt auf dem achten Platz der Weltrangliste, er hat einen Elo-Wert von 2775. Die Punktzahl gibt die Stärke eines Schachspielers wieder, Carlsen erreicht aktuell 2870. Es ist der höchste Wert, der im Schach bislang gemessen wurde.

Vom Adjutanten zum Kontrahenten

2010 half Carlsen Anand bei dessen Vorbereitung auf die zweite Titelverteidigung. Damals hatte der Weltmeister das außergewöhnliche Talent des Jüngeren, der ihn jetzt herausfordert, längst erkannt. Aber der spricht nicht gern über sein Können, Carlsen spricht überhaupt nicht gern. "Ich kann nicht sagen, warum ich mit noch nicht einmal zwei Jahren ein Puzzle aus 50 Teilen legen wollte. Warum wollte ich mit zweieinhalb alle gängigen Automarken wissen? Warum habe ich mit fünf Bücher über Geografie gelesen? Ich weiß nicht, warum ich alle Länder der Erde mit Hauptstadt und Einwohnerzahl auswendig gelernt habe", sagte er mal dem SPIEGEL. Vielleicht sei Schach bloß eine weitere Beschäftigung gewesen.

Für Carlsens Eltern ist es bis heute ein Rätsel, wie der Sohn so gut geworden ist. Kurz vor seinem neunten Geburtstag schlug er das erste Mal den Vater, einen ambitionierten Clubspieler. "Wir haben früh gemerkt, dass Magnus ein selektives Gedächtnis hat. Aber ich muss mich noch immer in den Arm kneifen, um das alles zu glauben", sagte der Vater kürzlich einem norwegischen Fernsehteam. Die Schwester erklärte: "Dinge, die Magnus interessieren, merkt er sich. Alles andere vergisst er sofort wieder. Wenn ich ihn bitte, etwas zu machen, weiß er es fünf Minuten später nicht mehr."

Carlsen interessiert sich für Schach mehr als für alles sonst. Aber er wehrt sich mit erstaunlicher Vehemenz dagegen, als Besessener zu gelten, als einer, der sich in dem verkopften Kosmos des Spiels verirrt. "Schach darf keine Obsession werden. Sonst besteht die Gefahr, dass man in eine Parallelwelt abrutscht, dass man den Bezug zur Realität verliert", sagt Carlsen. Auf seiner Facebookseite kann jeder sehen, dass er Tennis spielt und Beachvolleyball, dass er klettert und gern Musik hört. Auch seinen Waschbrettbauch zeigt er dort.

1000 Spiele im Gedächtnis gespeichert

Vor einigen Jahren ließ er sich sogar als Model für die Modemarke G-Star ablichten, gemeinsam mit der Schauspielerin Liv Tyler. Auf den Plakaten, die in Großstädten auf der ganzen Welt hingen, sieht er aus wie ein Teeniestar aus einem der Twilight-Filme. Carlsen wird auf der Straße erkannt, er muss dann für Fotos posieren, manche rufen ihm "Schachmatt!" zu.

Ganz geheuer ist ihm das nicht. Denn trotz aller weltlichen Anpassung: Am liebsten ist Magnus allein mit sich in seinem Kopf. "Ich habe das Schachbrett immer vor Augen, ich denke die ganze Zeit über Züge nach. Auch wenn ich mit Leuten rede", sagt er. Etwa 1000 Spiele hat er in seinem Gedächtnis gespeichert, er kann jede Bewegung mit ihren Konsequenzen abrufen. So gelingt es ihm, während eines Spiels 15 bis 20 Züge im Voraus zu berechnen und zu bewerten. "In meinem Kopf passiert vieles automatisch, die Intuition weiß an der Kreuzung von alleine, welche Abzweigung sie nehmen muss", sagt Carlsen.

Duell zwischen Erfahrung und Jugend

Vor dem Kampf gegen Anand hat er sich mehrere Monate ins Trainingslager nach Kragerø in Südnorwegen zurückgezogen, er schaute alle bisherigen Spiele des Inders an und legte sie in seinem großen Speicher ab. "Ich habe versucht, eine Besonderheit zu erfassen, eine kleine Schwäche", sagt er. Im Schachspiel bereitet man sich gezielt auf seinen Gegner und dessen Spielweise vor. Es gehe nicht darum, zu gewinnen, sagt Carlsen. "Man will seinen Gegner erlegen."

Anand hat deshalb versucht, seine Kondition zu verbessern, um gegen den 20 Jahre Jüngeren mitzuhalten. Denn das ist eine der bisherigen Strategien Carlsens: Partien bis zum äußersten Ende auszuspielen, den Gegner mit immer neuen Antworten zu zermürben. Über zwölf Runden, wie sie der WM-Modus vorsieht, hat Carlsen aber noch nie gespielt. Anand schon.

Es wird ein Duell zwischen Erfahrung und Jugend, zwischen Weisheit und Talent. Vielleicht wird es sogar der aufregendste Titelkampf seit der legendären Weltmeisterschaft 1972 zwischen dem Russen Boris Spasski und dem Amerikaner Bobby Fischer im Kalten Krieg. Sicher ist wohl: Es wird das Turnier des Magnus Carlsen. "Ich werde alles tun, um Weltmeister zu werden", sagte er einmal.

Da war er 13 Jahre alt.

SCHACH-WM @ SPIEGEL ONLINE
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    Ab dem 9. November steigt in Chennai (Indien) die Schachweltmeisterschaft. SPIEGEL ONLINE berichtet von allen Partien im Liveticker. Außerdem:

    Exklusive Video-Analysen der spannendsten Partien vom englischen Großmeister Daniel King

    Der internationale Meister Jonathan Carlstedt schreibt regelmäßig über die wichtigsten Züge der WM-Kontrahenten



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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
xxbigj 08.11.2013
1. optional
Crazy Typ. Habe soch einiges von ihm gelesen! Das wäre wahnsinn gegen ihn mal eine Partie zu spielen. Auch wenn ich natürlich keine Chance hätte könnte er bestimmt Super Tipps geben!!
cs01 08.11.2013
2.
Ich gehe davon aus, das Anand noch einmal gewinnt. Sicher ist jedoch, dass Carlsen irgendwann Weltmeister wird. Das bisher interessanteste WM- Duell war aus meiner Sicht Karpow gegen Kasparrow, wobei ich das abgebrochenen und das letztendlich ausgespielte Duell als einen Wettkampf sehe. Kann aber auch daran liegen, dass ich damals als Kind zum ersten mal Schach wirklich wahrgenommen habe.
Harveyffm 08.11.2013
3. Endlich wieder Schach in den Medien
Es ist schön zu sehen, dass Schach wieder im Spiegel, einem wohl nicht ganz unbekannten Medium, auftaucht. Es wird endlich wieder Zeit, dass Schach populärer wird, und ich habe mir während des ganzen Poker-Hypes gedacht, warum wird nicht Schach statt Poker im Fernsehen (Sport 1 bzw. DSF gezeigt). Dort hätte man mit Hilfe eines guten Moderators, der von Schach was versteht (Helmut Pfleger in modern) leicht den interessierten Laien zeigen können, dass Schach ein sehr interessantes Spiel ist.
ls451 08.11.2013
4. SICHER ist das keineswegs, wenn
Zitat von cs01Ich gehe davon aus, das Anand noch einmal gewinnt. Sicher ist jedoch, dass Carlsen irgendwann Weltmeister wird. Das bisher interessanteste WM- Duell war aus meiner Sicht Karpow gegen Kasparrow, wobei ich das abgebrochenen und das letztendlich ausgespielte Duell als einen Wettkampf sehe. Kann aber auch daran liegen, dass ich damals als Kind zum ersten mal Schach wirklich wahrgenommen habe.
man die Geschichte der Schach-WMs kennt weiss man, dass es einige Spieler von Weltmeisterformat gab, die es nie schafften. Allen voran vielleicht Keres und Kortschnoi, aber auch Schlechter, Fine, Rubinstein, ... evtl auch ein Hübner-Clone mit besseren Nerven. Aber Carlsen wird es schaffen, da bin ich mir auch sicher.
gewgaw 08.11.2013
5.
Anand liegt auf dem achten Platz der Weltrangliste, er hat einen Elo-Wert von 2817. Tut mir leid, stimmt nicht: Live Chess Ratings - 2700chess.com (http://www.2700chess.com/) Ansonsten: MC wird Anand vom Brett fegen.
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