Schach-Weltmeister Carlsen Das Wunderkind ist müde geworden

Es war eine Titelverteidigung, ohne zu überzeugen. Erst im Tiebreak spielte Magnus Carlsen seine Qualitäten bei der Schach-WM aus. Der Norweger hat seinen Schwung aus früheren Jahren eingebüßt.

Magnus Carlsen, Herausforderer Fabio Caruana (r.)
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Magnus Carlsen, Herausforderer Fabio Caruana (r.)

Von André Schulz


Es war der Wettkampf der beiden derzeit besten Schachspieler der Welt: Magnus Carlsen, Nummer Eins der Weltrangliste, Fabiano Caruana, die Nummer zwei. Das hört sich nach Spektakel an. Carlsen glaubte daher auch vor dem Duell, dass es viele entschiedene Partien geben werde. Doch mit seiner Vorhersage lag der Weltmeister komplett falsch: Alle zwölf regulären Partien endeten Remis. Das hat es in der Geschichte der Schachweltmeisterschaften noch nicht gegeben. Erst der Tiebreak musste die Entscheidung bringen.

Carlsen hat damit seinen vierten Wettkampf um die Weltmeisterschaft gewonnen und bleibt mindestens zwei weitere Jahre Schach-Weltmeister. Caruana war gut, aber nicht gut genug. Überzeugend war aber auch Carlsens Vorstellung nicht. Außer im Stichkampf wirkte der Weltmeister gehemmt und spielte fast ängstlich.

In einer der Pressekonferenzen wurden die Spieler gefragt, welchen großen Schachspieler sie zum Vorbild hätten. "Mein Vorbild bin ich selbst vor vier Jahren. Ich würde gern so spielen, wie ich damals gespielt habe", antwortete Magnus Carlsen. Was wie ein Witz klang, war ernst gemeint.

Schon mit 13 Jahren hatte Carlsen begonnen, als Schach-Wunderkind die Spitzenspieler das Fürchten zu lehren. Mit 20 Jahren übernahm er die Führung in der Weltrangliste. Mit 22 Jahren wurde er Weltmeister. Jetzt ist er 28 Jahre alt, seit zehn Jahren in der Weltspitze. Jetzt, in London, wirkte er müde. "Ich habe in den letzten zwei Jahren nicht gut gespielt", sagte er auf der Abschlusspressekonferenz selbstkritisch. "Ich muss an meinem Schach arbeiten."

Das hatte sich im Verlauf der vergangenen Wochen mehrmals gezeigt, dabei hätte der Norweger schon in der ersten Partie in Führung gehen können. Mit den schwarzen Steinen hatte der Weltmeister seinen Herausforderer in der Sizilianischen Rossolimo-Variante überspielt, doch Carlsen ließ mehrere Gewinnmöglichkeiten ungenutzt. Caruana befreite sich, am Ende gab es ein Remis. Bei einem Sieg Carlsens hätte der Kampf sicher einen ganz anderen Verlauf genommen.

Schon bald zeigte sich, dass beide Spieler Probleme mit ihrem Weiß-Repertoire hatten. Normalerweise hat Weiß mit dem Anzugsvorteil das bessere Spiel, und Schwarz muss um den Ausgleich kämpfen. Nicht bei diesem Wettkampf. Mit den weißen Steinen ging Carlsen allen eröffnungstheoretischen Diskussionen aus dem Weg. Wenn möglich, strebte er mit dem Damentausch ein frühes Endspiel an.

Doch der Plan, Caruana dort zu überspielen, ging nicht auf. Der US-Amerikaner kämpfte in seinen Weißpartien zwar mit konkreten Varianten um einen Eröffnungsvorteil, doch auch seine Strategie verfing nicht. Carlsen war in seinem Schwarz-Repertoire einfach zu gut vorbereitet und wusste auf jeden neuen Versuch eine gute Antwort.

Mini-Vorteile blieben ungenutzt

In der zweiten und siebten Partie eröffnete Carlsen mit dem Damengambit und holte dort nichts heraus. In der vierten und neunten Partie wählte Carlsen die Englische Eröffnung. Caruana antwortete in einer Stellung, die man mit vertauschten Farben aus der Sizilianischen Verteidigung kennt, nicht unerwartet mit dem Modezug 6Lc5, doch Carlsen hatte dagegen überraschenderweise kein wirksames Rezept zur Hand.

In der neunten Partie vergab Carlsen durch einen ungeduldigen Zug einen kleinen Vorteil. In der sechsten und elften Partie eröffnete Carlsen mit dem Königsbauer. Mit einem merkwürdigen Springerzug (4.Sd3) wich er in der sechsten Partie den Hauptvarianten der Russischen Verteidigung ängstlich aus, kam in Nachteil und musste lange um das Remis kämpfen. Mit einer Minusfigur konnte er sich in eine Festung retten. Der norwegische Supercomputer "Sesse" errechnete während der Partie zwar einen Vorteil für Caruana, doch für einen Menschen war das kaum zu sehen.

Caruana eröffnete ausschließlich mit dem Königsbauern, und Carlsen antwortete stets mit der Sizilianischen Verteidigung. In seinen ersten drei Weißpartien probierte Caruana die Rossolimo-Variante, erzielte damit jedoch keine positive Wirkung. Dann wechselte er in den Partien acht, zehn und zwölf zur Offenen Variante, traf aber auch hier auf einen ausgezeichnet präparierten Weltmeister, der die Sweschnikow-Variante vorbereitet hatte. Diese drei Partien waren die interessantesten des ganzen Wettkampfs.

In der achten Partie konnte Caruana eine chancenreiche Position erreichen, übersah aber einen prinzipiellen Zug, und sofort glich Carlsen aus. Der Weltmeister entwickelte dann in Partie zehn eine gefährliche Königsflügel-Initiative und zwang Caruana zu aufmerksamer Verteidigung.

Im Tiebreak ein völlig anderes Bild

Die zwölfte und letzte reguläre Partie verlief selbst für Experten sehr merkwürdig. Carlsen hatte sich bereits nach der elften Partie vorgenommen, die letzte Partie Remis zu spielen und die Entscheidung im Stichkampf zu suchen. Schon in den ersten Zügen machte Carlsen ein stilles Remisangebot durch Stellungswiederholung. Caruana wich ab und wollte weiterspielen. Dann fand der Herausforderer aber keinen guten Plan und geriet in eine ungünstige Stellung. Carlsen nutzte dies jedoch nicht aus, ließ eine sehr starke Möglichkeit ungenutzt liegen und bot stattdessen in überlegener Stellung Remis an. Ein Angebot, das Caruana nicht ablehnen konnte.

Es folgte der Tiebreak, in dem zunächst vier Partien mit 25 Minuten Grundbedenkzeit und zehn Sekunden Zeitzugabe pro Zug angesetzt waren. Und hier bot sich ein völlig anderes Bild. Ein vor Selbstvertrauen strotzender Carlsen zerlegte seinen Gegner förmlich. In der ersten Partie half der Gegner etwas, aber nachdem Carlsen diese gewonnen hatte, war sie wieder da, die große Leichtigkeit, mit der Carlsen früher so dominiert hatte.

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eltajin 29.11.2018
1. Hauptproblem sind Computer!
Wie sieht denn die typische Matchvorbereitung in der heutigen Zeit aus: Supercomputer laufen 24 Stunden am Tag und spucken abertausende von komplizierten Varianten aus. Der Output wird von Spitzensekundanten vorsortiert und auf praktische Tauglichkeit überprüft, um die Kandidaten damit zu füttern. So häufen die Spieler eine, im Vergleich zu früher, riesige Menge von Variantenwissen an. Dieses Wissen verringert zwar die Fehleranfälligkeit, führt aber auch dazu, dass in Schlüsselmomenten nicht mehr die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Partie 8, Zug 24 von Caruana ist ein Extrembeispiel dafür. Frühere Meister dagegen mussten fast mit jedem Zug eine eigenständige Entscheidung fällen. Natürlich gibt es auch Charakterunterschiede. Ein Mann wie Kasparow wollte seine Gegner zerstören und nicht brav auf zwei Ergebnisse spielen. Die hervorragenden Kommentatorinnen Judit Polgar und Anna Rudolf von Worldchess.com brachten es während einer Übertragung auf den Punkt: „We want to see blood“. Was wir stattdessen gesehen haben, war Schattenboxen auf hohem Niveau. Ich fand das extrem enttäuschend und hoffe, dass zukünftige Weltmeisterschaften in einem optimierten Modus ausgetragen werden. Warum zum Beispiel ist der aktuelle Weltmeister immer gesetzt? Man stelle sich vor, der amtierende Fußballweltmeister ist beim nächsten Turnier automatisch im Endspiel…
ellereller 29.11.2018
2. Wenn also der zweitbeste Schachspieler der Welt
den besten auch dann in 15 Partien kein einziges Mal besiegen kann, wenn der beste Schachspieler müde, ängstlich und gehemmt ist und sich dazu noch während des Wettkampfs eine Platzwunde am Kopf und ein blaues Auge holt, dann muss von der Schach-Begabung her ja ein Klassenunterschied zwischen den beiden liegen.
DerAndereZauberer 29.11.2018
3.
In anderen Sportarten würde man sagen: Kein überzeugendes Spiel des amtierenden Weltmeisters, aber Respekt vor der Titelverteidigung! Denn letztlich ist gewonnen eben gewonnen, und im Tie Break war es ja auch klar und überzeugend. Ich fand - als mitlesender Laie - aber das Kandidatenturnier deutlich spannender, da gab es Auf- und Absteiger, Zusammenbrechen, und so weiter. Dieser Modus erscheint mir geeignet, da aufzusetzen: die besten Herausforderer qualifizieren sich, der amtierende Weltmeiser nimmt mit teil... und die besten zwei werden ausgespielt und treffen sich dann nach Erholung und Vorbereitung zur WM. Damit ist der amtierende Weltmeister nur in der Turnier-Teilnahme gesetzt, aber dort eben einer im Kandidatenfeld.
StefanXX 29.11.2018
4. Man spielt so gut wie der Gegner es zulässt
Ich seh das etwas anders, ich freue mich dass die Spieler sich so respektvoll begegnen und nicht versuchen sich durch unfaire Spielchen wie es das in der Vergangenheit auch schon mal gab Vorteile zu verschaffen. Für mich haut der Artikel in die gleiche Kerbe wie manche anderer Kommentar auch. Das Problem ist doch, dass heutzutage jeder Laie anhand der Bewertung der mitlaufenden Engines sofort sieht, wenn ein Zug nicht optimal oder gar ein Fehler war, ohne zu verstehen warum eigentlich. Das führt dann manchmal zu mangelndem Respekt und unglaublich arroganten Kommentaren. Mit der Engine im Rücken lässt es sich leicht kritisieren und ist natürlich jeder Super-Großmeister. Wenn man die WM-Spiele aus den 70ern und 80ern rückblickend mal mit den heutigen Engines analysiert, dann wird man mit den Ohren schlackern was da alles für Schnitzer und verpasste Chancen dabei waren. Deswegen waren diese Spieler trotzdem genauso großartig, weil die eben noch nicht die Möglichkeiten hatten sich auf ein Spiel so vorzubereiten wie man sie heute hat. Fakt ist, dass diese WM so hochklassig wie keine bisher zuvor war. Und das sage nicht nur ich als Laie, sondern auch die eindeutige Mehrzahl der Großmeister, die sich bisher dazu geäußert haben. Und die werden es wohl besser beurteilen können als irgendwelche Hobbyspieler, die an Ihren Engines hängen. Auch im Schach gilt die Weisheit, dass man eben nur so gut spielt wie der Gegner es zulässt. Und es war ja nicht so, dass die 12 Partie langweilig waren. Im Gegenteil, die meisten waren spannende Schlagabtausche. Mir hat diese WM auf jeden Fall viel besser gefallen als die Letzte, wo Karjakin einfach zu passiv war. Ein spannendes Remis, in dem beide Spieler aktiv sind und es hin- und hergeht, wie es sie bei dieser WM einige Male gegeben hat, ist mir Tausend mal lieber als ein Sieg, der durch einen großen Schnitzer des Gegners zustande gekommen ist oder durch immer nur passives Spiel. Und die Regel, dass der amtierende Weltmeister immer gesetzt ist finde ich auch nicht schlimm. Bisher war er das zumindest auch immer zurecht. Dass man den Modus noch verbessern kann, da bin ich allerdings bei Ihnen.
StefanXX 29.11.2018
5. Man spielt nur so gut wie es der Gegner zulässt
Ich seh das etwas anders, ich freue mich dass die Spieler sich so respektvoll begegnen und nicht versuchen sich durch unfaire Spielchen wie es das in der Vergangenheit auch schon mal gab Vorteile zu verschaffen. Für mich haut der Artikel in die gleiche Kerbe wie manche anderer Kommentar auch. Das Problem ist doch, dass heutzutage jeder Laie anhand der Bewertung der mitlaufenden Engines sofort sieht, wenn ein Zug nicht optimal oder gar ein Fehler war, ohne zu verstehen warum eigentlich. Das führt dann manchmal zu mangelndem Respekt und unglaublich arroganten Kommentaren. Mit der Engine im Rücken lässt es sich leicht kritisieren und ist natürlich jeder Super-Großmeister. Wenn man die WM-Spiele aus den 70ern und 80ern rückblickend mal mit den heutigen Engines analysiert, dann wird man mit den Ohren schlackern was da alles für Schnitzer und verpasste Chancen dabei waren. Deswegen waren diese Spieler trotzdem genauso großartig, weil die eben noch nicht die Möglichkeiten hatten sich auf ein Spiel so vorzubereiten wie man sie heute hat. Fakt ist, dass diese WM so hochklassig wie keine bisher zuvor war. Und das sage nicht nur ich als Laie, sondern auch die eindeutige Mehrzahl der Großmeister, die sich bisher dazu geäußert haben. Und die werden es wohl besser beurteilen können als irgendwelche Hobbyspieler, die an Ihren Engines hängen. Auch im Schach gilt die Weisheit, dass man eben nur so gut spielt wie der Gegner es zulässt. Und die beiden Kontrahenten waren so hochklassig, dass eben wenig zugelassen wurde. Und es war ja nicht so, dass die 12 Partie langweilig waren. Im Gegenteil, die meisten waren spannende Schlagabtausche. Mir hat diese WM auf jeden Fall viel besser gefallen als die Letzte, wo Karjakin einfach zu passiv war. Ein spannendes Remis, in dem beide Spieler aktiv sind und es hin- und hergeht, wie es sie bei dieser WM einige Male gegeben hat, ist mir Tausend mal lieber als ein Sieg, der durch einen großen Schnitzer des Gegners zustande gekommen ist oder durch immer nur passives Spiel. Und die Regel, dass der amtierende Weltmeister immer gesetzt ist finde ich auch nicht schlimm. Bisher war er das zumindest auch immer zurecht. Dass man den Modus noch verbessern kann, da bin ich allerdings bei Ihnen.
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