Radprofi Ciolek: Coup der Guten Hoffnung

Von Alexander Siebert

Er galt einst als deutsche Radsport-Hoffnung - nun meldet er sich ausgerechnet bei einem afrikanischen Team zurück: Gerald Ciolek hat den Klassiker Mailand San Remo gewonnen. Das dramatische Rennen wurde für einige Fahrer zum Horrortrip, für Ciolek könnte es den Wendepunkt seiner Karriere einleiten.

Mailand-San Remo: Ciolek gewinnt bei Wetter-Chaos Fotos
DPA

Qhubeka ist ein afrikanisches Wort und heißt so viel wie "vorantreiben" oder "entwickeln". Qhubeka ist auch der Name einer Organisation mit sozialem Engagement, die Kinder aus ländlichen Gegenden Afrikas mit Fahrrädern versorgt. Seit Sonntag ist Qhubeka auch in Deutschland bekannt. Da gewann der deutsche Radprofi Gerald Ciolek den Frühjahrs-Klassiker Mailand-San Remo, in Diensten des südafrikanischen Teams MTN-Qhubeka.

Der Sieg bei dem Klassiker in Italien, den Ciolek im Schlusssport nach einem kuriosen Rennen vor Topfavorit Peter Sagan und dem Klassiker-Spezialisten Fabian Cancellara holte, ist für das afrikanische Radsport-Team der erste Erfolg in seiner noch jungen Geschichte. Für Ciolek ist es der größte Triumph einer nicht mehr ganz so jungen Karriere.

Seit 2005 ist Ciolek in der ersten Liga des Radsports unterwegs, damals war er eines der großen Talente aus der Ära Ullrich und Zabel. In seinem ersten Jahr als Profi wurde er direkt deutscher Straßenmeister, als er im Schlussspurt gegen eben jenen Zabel gewann. Ein Jahr später sprintete er sich sogar zum U-23-Weltmeister. In der Folge machte Ciolek nur noch durch kleinere Etappensiege bei der Deutschland-Tour, der Österreich-Rundfahrt oder der spanischen Vuelta auf sich aufmerksam. Namhafte Siege holten andere.

Meist war die Konkurrenz in den Teams Wiesenhof, T-Mobile, Milram, Quickstep oder Omega Pharma-Quickstep zu stark oder die Erwartungen an das Sprintertalent einfach zu hoch. Immer wieder galt der junge Ciolek als Geheimfavorit bei Massensprint-Entscheidungen oder Klassiker-Rennen. Gerecht wurde er dieser Rolle zumindest bei den großen Rundfahrten nie.

MTN-Qhubeka will als erstes afrikanisches Team zur Tour de France

Acht Jahre nach seinem Karrierebeginn läuft es plötzlich ausgesprochen gut. Das Sportjahr 2013 begann für Ciolek mit einem Erfolg bei der Schlussetappe der drei Tage von Westflandern. Und nun der Sieg beim renommierten Frühjahrsklassiker in Italien.

Eigentlich ist der erste große Wettkampf des Jahres mit 298 Kilometern gleichzeitig auch das längste klassische Eintagesrennen im Profi-Radsport. Seit 1907 findet das Rennen immer an einem Samstag Ende März statt. In diesem Jahr war jedoch einiges anders: Aus Verkehrsgründen wurde der Start auf einen Sonntag gelegt. Schnee und Eis machten zudem die Überquerung des Turchino-Passes unmöglich. Dieser Abschnitt wurde daher bereits im Vorfeld neutralisiert. Die Sportler überfuhren den Pass in ihren Teambussen und stiegen in den vorherigen Zeitabständen in Arenzano wieder auf das Rad. 48 Kilometer neutralisierte Strecke hatte es in der 106-jährigen Geschichte des Rennens noch nie gegeben. Eine Ausreißergruppe, die beim Neustart mit über sieben Minuten in Führung lag, wurde noch vor dem Ziel gestellt und im Schlussspurt kam Ciolek hauchdünn vor Sagan und Cancellara ins Ziel.

Der Umweg des heute 26-Jährigen über Südafrika scheint sich zu lohnen. Sein Manager Ken Sommer, der Sohn des früheren Telekom-Chefs Ron Sommer, holte Ciolek nach Johannesburg. Jens Zemke, sportlicher Leiter des Teams und ehemaliger deutscher Radprofi, machte ihn dort zum Kapitän der jungen Mannschaft.

Als erstes afrikanisches Team möchte MTN-Qhubeka zur Tour de France. Den ersten Schritt dorthin hat Ciolek nun gemacht. Qhubeka - entwickeln, vorantreiben. Das soll der erfahrene Deutsche nun auch die Teamkollegen. Zugleich könnte er vom Aufschwung im afrikanischen Radsport profitieren. Die Erwartungen an ihn sind durch den Sieg in San Remo jedenfalls nicht gesunken.

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Die Sieger der Tour de France
Jahr Sieger Land
2013 Chris Froome Großbritannien
2012 Bradley Wiggins Großbritannien
2011 Cadel Evans Australien
2010 Andy Schleck Luxemburg
2009 Alberto Contador Spanien
2008 Carlos Sastre Spanien
2007 Alberto Contador Spanien
2006 Óscar Pereiro Spanien
2005 Lance Armstrong* USA
2004 Lance Armstrong* USA
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2002 Lance Armstrong* USA
2001 Lance Armstrong* USA
2000 Lance Armstrong * USA
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