Athen - Der Störenfried beim olympischen Marathon in Athen ist ein alter Bekannter. Bereits beim letztjährigen Grand-Prix in Silverstone war Cornelius Horan, Jahrgang 1947, auffällig geworden, als er im gleichen Kostüm wie in Athen - orange-farbener Kilt, grüne Weste, weißes Hemd, grünes Barett - auf die Piste stürmte und die Formel-1-Boliden in Höchstgeschwindigkeit an dem verrückten Priester vorbeirauschten. Schon damals verkündete Horan auf einem Plakat das Jüngste Gericht. Zu zwei Monaten Gefängnisstrafe wurde damals der ehemalige irisch-katholische Gottesmann, der im englischen Surrey lebt, verurteilt. Von seinem Priesteramt wurde Horan schon vor über einem Jahrzehnt enthoben, weil er nicht aufhörte, den baldigen Weltuntergang zu predigen.
Nach dem Zwischenfall in Silverstone wurde Horan auf die schwarze Liste für sämtliche Sportereignisse in Großbritannien gesetzt, dennoch gelang es dem kleinen Mann immer wieder, in Sicherheitszonen einzudringen. Beim diesjährigen London-Marathon konnte Horan nur mit Mühe zurückgehalten werden, als er die Strecke stürmen wollte. Auch in Wimbledon, bei Cricket-Matches oder in Rugby-Stadien ist der ausgemusterte Priester immer wieder auffällig geworden.
Bei den griechischen Sicherheitsbeamten ist die Liste der Briten offensichtlich untergegangen, denn nach Athen konnte Horan ungehindert einreisen. "Er ist am Sonntagvormittag mit einer British-Airways-Maschine angekommen", bestätigte die griechische Polizei, nachdem der Störenfried verhaftet wurde. "Er scheint schwere psychische Probleme zu haben", sagte ein Sprecher der Polizei, "er war völlig betrunken und gab zu, zuvor in einer Taverne gewesen zu sein."
Horan war während des Marathonlaufs nach Kilometer 36 auf den bis dahin führenden Brasilianer Vanderlei de Lima zugestürmt, hatte ihn in eine Art Würgegriff genommen, aus dem sich Lima erst nach 10-sekündigem Gerangel befreien konnte. Limas Vorsprung, der bei der Hälfte der Strecke noch 40 Sekunden betragen hatte, war weiter geschmolzen, und der Brasilianer zeigte sich sichtlich schockiert von dem Zwischenfall. "Ich hatte Angst, weil ich nicht wusste, was er mit mir vorhatte", erzählte Lima später, "ich wusste nicht, ob er mit einem Messer oder Revolver bewaffnet war und ob er mich töten wollte. Dieser Zwischenfall hat mich die Goldmedaille gekostet." In der Tat wurde der Brasilianer kurz darauf vom späteren Sieger Stefano Baldini aus Italien überholt und kam letztlich als Dritter hinter dem US-Amerikaner Mebrahtom Keflezighi ins Ziel.
Horan trug bei seiner Attacke ein auf seinem Rücken befestigtes Plakat, das seine Botschaft verkünden sollte. "The Grand Prix Priest. Israel Fulfillment of Prophecy Says The Bible. The Second Coming Is Near", stand dort geschrieben. "Griechenland hat eine lange Tradition mit dem heiligen Paulus und Alexander dem Großen", soll der verrückte Priester den griechischen Polizisten bei seiner Verhaftung gesagt haben, "Christus verdient eine größere Ehre. Ich bin kein Jude, aber ich liebe sie."
Am Montag wurde Horan dem Haftrichter in Athen vorgeführt und zu einer Gefängnisstrafe von einem Jahr verurteilt, die jedoch für drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Zudem muss er eine Geldstrafe von 3000 Euro zahlen. Horan entschuldigte sich vor Gericht für seinen Angriff. Von der möglichen Verhängung einer fünfjährigen Haftstrafe sahen die Richter ab, da der Geisteszustand des Angeklagten als instabil gewertet wurde.
Für die Griechen ist der Zwischenfall an der Marathonstrecke peinlich, denn gut eine Milliarde Euro wurden für die Sicherheit bei den Olympischen Spielen in Athen investiert. Das sportliche Endergebnis des Marathons wird aber nicht in Frage gestellt werden, auch wenn der brasilianische Verband vor dem Sportgerichtshof (CAS) Protest gegen die Wertung des Rennens eingelegt hat. Das deutsche IOC-Mitglied Thomas Bach erklärte: "Lima hat die Fairness-Medaille Pierre de Coubertin erhalten. Damit ist die Sache für das IOC abgeschlossen."
Die irische Presse ging harsch mit ihrem Landsmann ins Gericht. "Dieser Mann hat Gold gestohlen", lautete die Schlagzeile auf der Titelseite der "Irish Times" und schrieb von einem "grotesken Vorfall", der den Marathonlauf ruiniert habe. Der "Irish Examiner" titelte: "Heiliger Terror!"
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