Kipchoges Marathon-Weltrekord in Berlin Wie ein 8:0 im Champions-League-Finale

Eliud Kipchoge lief in Berlin die Marathon-Distanz in unfassbarer Zeit - besser gesagt: Er sprintete. Ohne Konkurrenz, ohne Windschatten, ohne jemanden, der die Pace verschärfte. Wie macht er das?

imago/ Andreas Gora

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Die Anspannung löste sich aus seinem Gesicht. Eliud Kipchoge grinste, klatschte, er riss die Arme hoch und ballte die Hände zu Fäusten - alles selbstverständlich noch im schnellen Laufschritt. Dann hatte er sogar noch die Kraft für einen Sprung in die Arme einiger Teammitglieder.

So ausgelassen hat Eliud Kipchoge selten gejubelt. So dominant ist zuvor noch kein anderer Mensch die 42,195 Kilometer gelaufen. Eliud Kipchoge hat in Berlin einen neuen Weltrekord im Marathon aufgestellt.

Der Kenianer ist in 2:01:39 Stunden zur Bestzeit gerannt. Besser gesagt: Er ist gesprintet, und zwar jeden Kilometer unter drei Minuten. Die alte Rekordzeit lag bei 2:02:57 Stunden, Dennis Kimetto hatte sie 2014 aufgestellt. Kipchoge lief also 78 Sekunden schneller als sein Landsmann, der den Rekord ebenfalls in Berlin erzielte. 78 Sekunden schneller - das ist wie ein 8:0-Kantersieg in einem Champions-League-Finale. Es ist die größte Weltrekord-Verbesserung im Marathon seit 1967. Solche deutlichen Steigerungen sind auf diesem Niveau nur mit sehr großem Aufwand möglich. Kipchoge trainiert dafür seit fast zwei Jahrzehnten.

Was die Läuferszene längst weiß, ist nun offiziell: Kipchoge ist der schnellste Mensch der Welt über die berühmteste Langdistanz. Kipchoge, der Mentalität im Laufsport für wichtiger hält als Talent. Der 33-Jährige gilt bereits seit Jahren als der Star im Marathon. Wahrscheinlich ist er einer der wenigen Athleten, die von diesem Sport sehr gut leben können. Kipchoge gewann 2004 seine erste Olympische Medaille, damals noch über 5000 Meter. 2016 holte er bei den Spielen in Rio Gold im Marathon.

Kipchoge beim Zieleinlauf vor dem Brandenburger Tor
Getty Images

Kipchoge beim Zieleinlauf vor dem Brandenburger Tor

Kipchoge siegte immer wieder bei Prestigerennen wie beim Marathon in London im April. Doch den Rekord knackte er nie. Nun ist diese Jagd vorbei und Elius Kipchoge hält den neuen Weltrekord im Marathon - ganz offiziell. Die Betonung auf offiziell ist wichtig, Kipchoge erreichte auf der Distanz im vergangenen Jahr bereits eine Zeit von 2:00:25 Stunden.

Bei einem Projekt seines Sponsors Nike lief Kipchoge die 42,195 Kilometer hinter einem Auto sowie einer Reihe von Tempomachern und verpasste die magische zwei-Stunden-Marke im Ziel nur um wenige Sekunden. Der Versuch fand unter Laborbedingungen statt. Es war kein offizielles Rennen, kein offizielles Ergebnis - auch wenn Kipchoge vor dem Berlin-Marathon sagte: "Für mich war das Weltrekord."

Persönliche Bestzeit verpasst

Kipchoge und sein kenianischer Trainer Patrick Sang hielten sich wohl auch deswegen vor dem Start in Berlin mit Zielen zurück. Sang sagte in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Er wird versuchen, persönliche Bestzeit zu laufen." Und: "Wir sind hergekommen, um seinen Fortschritt zu maximieren. Wenn es der Weltrekord wird, soll es so sein. Dann ist das kein limitierender Faktor. Dann kann er morgen wieder versuchen, seine Zeit zu verbessern."

Übersetzt bedeutet das nach dem Berlin-Rennen: Kipchoge ist einen neuen Weltrekord gelaufen, hat seine persönliche Bestzeit aber verpasst. Wer Kipchoges Jubel im Ziel gesehen hat, dürfte jedoch schnell erkannt haben: Seine Freude über den neuen Weltrekord ist größer als eine mögliche Enttäuschung über die verpasste neue persönliche Bestzeit.

Die Belohnung: 120.000 Euro zahlt allein der Veranstalter für den Sieg und den Weltrekord, hinzukommen wohl weitere Prämien von Sponsoren. Und natürlich der Eintrag in die Geschichtsbücher. Kipchoges beeindruckender Weg ins Ziel wird dort nicht im Detail stehen. Der Kenianer musste bereits ab Kilometer 25 ohne Läufer an seiner Seite auskommen. Keine Konkurrenz, keine Tempoläufer, kein Windschatten, kein anderer, der die Pace verschärft. Kurz: keine Unterstützung.

Kipchoge feiert bei der Siegerehrung
REUTERS

Kipchoge feiert bei der Siegerehrung

Kipchoge gelang es trotzdem, über der Geschwindigkeit des alten Weltrekords zu laufen. Mit die besten Zwischenzeiten lief er sogar zwischen der sehr schwierigen Phase von Kilometer 32 bis 38. Allein das lässt seine Zeit in Berlin in einem noch besseren Licht erscheinen als das Laborergebnis von Monza vor einem Jahr.

Am Ende hatte Kipchoge sogar noch Kraft für einen Sprint durch das Brandenburger Tor ins Ziel. Kipchoge wusste natürlich, dass bei seinem hohen Tempo kaum ein Konkurrent auf Dauer mithalten kann - deswegen hatte der Kenianer auch genau dieses Szenario trainiert. Es sei der "Kipchoge-Weg", sagte er nach dem Rennen. Ein Weltrekordlauf, aus eigener Kraft, ohne fremde Hilfe.

Auch diese Aussagen unterstreichen Kipchoges Willenskraft, die sein Trainer und die internationale Konkurrenz immer wieder betonen. Kipchoges Jubel und der Sprung in die Arme des Teams nach dem Triumph zeigten aber auch: Ein Einzelkämpfer ist Kipchoge abseits der Rennstrecke nicht.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
xxzxcuzx me 16.09.2018
1. Wie machte er das?
Genau so wie Froome mit seiner märchenhaften Wunderfahrt in der Giro d'Italia aus diesem Jahr. Manche Moment sind einfach magisch...
phboerker 16.09.2018
2. Fabelweltrekord!
Es hatten sich schon ein paar sehr gute Läufer an dem Weltrekord versucht, jetzt ist er geradezu pulverisiert! Zur Erinnerung: vorher gab es nur einen Läufer, der einen Marathon unter 2:03 gelaufen ist. Ich denke, eine weitere Zeit unter 2:02 wird es sehr lange nicht geben, geschweige denn einen neuen Weltrekord...
pepe71 16.09.2018
3. Preisgeld
Ein unglaubliches Tempo. Man kann das vermutlich erst wirklich begreifen, wenn man selber mal auch nur einen Kilometer in diesem Tempo laufen wollte. Zum Preisgeld: Ein Spieler der 3. Runde bei den French Open (oder WImbledon, etc.) bekommt mehr Prämie. Einfach verrückt.
obergner 16.09.2018
4. Respekt
Das ist eine unglaubliche Leistung, vor er man einfach Hochachtung empfinden muss. Ich habe früher im Verein selbst an Wettkämpfen teilgenommen, allerdings nur über Strecken bis 20 km, selbstverständlich nicht annähernd auf diesem Niveau, Lichtjahre davon entfernt. Über diese Distanz im Schnitt unter 3 Minuten pro Kilometer zu bleiben, ist bewundernswert.
mwroer 16.09.2018
5.
Zitat von pepe71Ein unglaubliches Tempo. Man kann das vermutlich erst wirklich begreifen, wenn man selber mal auch nur einen Kilometer in diesem Tempo laufen wollte. Zum Preisgeld: Ein Spieler der 3. Runde bei den French Open (oder WImbledon, etc.) bekommt mehr Prämie. Einfach verrückt.
Jo .. ich bin froh wenn ich die 10 Kilometer in 50 Minuten schaffe und wenn ich das jetzt mal 4 nehme ... ähm ... ach ich laufe weiter die 10 Kilometer zum Spaß und freue mich für den Mann :)
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