Marathontraining Der 80-Jährige, der mir davonläuft

Unser Redakteur trainiert für seinen zweiten Marathon. Tipps bekommt er von Klemens Wittig. Der ist 80 Jahre alt - und deutlich schneller.

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Ich halte meine Hände so, wie Klemens Wittig es mir gesagt hat: offene Handflächen, gerade Finger für den Sprint, bei jedem Schritt mache ich so etwas wie kleine Handkantenschläge. Noch 50 Meter, meine Oberschenkel brennen, Wittig erhöht die Schlagzahl. Er ist wendig, drahtig, die Pfütze vor uns überspringt er elegant im Vollsprint. Ich ziehe mit. Noch zehn Meter, fünf, vorbei. Ein Kilometer in vier Minuten und fünf Sekunden, Wittig hat die Zeit gestoppt. Unsere erste von vier Tempoeinheiten im Dortmunder Grävingholz findet am Limit statt. Für mich zumindest.

Ich bin Feierabendsportler, ein einigermaßen ambitionierter: Im April kommenden Jahres will ich, 27 Jahre alt, in Paris meinen zweiten Marathon laufen. Meine angestrebte Zeit für die 42,195 Kilometer sind drei Stunden und 30 Minuten. Damit es klappt - und ich nicht wie bei meinem ersten Marathon bei Kilometer 35 einbreche - habe ich mir Hilfe vom Spezialisten Klemens Wittig geholt. Er hat diese Marke bereits mehrfach geknackt. Zuletzt lief Wittig die Strecke beim Frankfurt-Marathon dieses Jahres in 3:39:54 Stunden. Mit einem Hexenschuss und kaputten Schlüsselbein, das er sich bei einem Sturz zehn Kilometer vor dem Ziel in Frankfurt gebrochen hat. Was diese Zeit noch bemerkenswerter macht: Wittig ist 80 Jahre alt.

Er ist damit der schnellste Marathonläufer Europas in der Altersklasse "M80", der Dortmunder hält hier insgesamt drei Europarekorde und zehn deutsche Bestleistungen im Laufen. Wie man das schafft? "Mit Disziplin", sagt Wittig. Er glaube nicht an Talent im Ausdauersport, an besondere Laufschuhe oder motivierende Musik während des Trainings. Aber er glaubt an seinen Trainingsplan, der ihn seit Jahrzehnten zu Traumzeiten führt. "Du musst dich konsequent an die Vorgaben halten."

Wittig war konsequent

Seine beste Marathon-Zeit lief Wittig im Alter von 56, 2:50 Stunden, 1993 in Hannover war das. Sieben Jahre zuvor war er als 49-Jähriger erstmals bei einem Marathon angetreten. Und davor? War Wittig sportlich, aber nicht fit. Er rauchte zu gerne.

Als Kinder, die er in seiner Freizeit als Jugendleiter betreute, plötzlich schneller liefen als er, folgte der Sinneswandel: Wittig begann zu laufen. Zigaretten kommen für ihn heute nicht mehr infrage, auch wenn sie für ihn immer noch "gut riechen". Was er sich trotz des Leistungssports nicht nehmen lässt, ist der halbe Liter am Abend - kein alkoholfreies Bier, sondern welches "mit Geschmack".

Meine Anfänge im Laufsport liegen nicht so weit zurück. Nach zwei Kreuzband- und einem Innenbandriss sowie einem Meniskusschaden hatte ich dem Sport eigentlich abgeschworen. Dann kam im vergangenen Herbst der Urlaub auf Kuba - und weil dort so etwas wie öffentlicher Nahverkehr für Touristen kaum existiert, ging ich nur zu Fuß. Bis zu 20 Kilometer am Tag, bei brütender Hitze, nach drei Wochen war ich fit. Vier Monate später folgte mein erster Marathon. Kein souveräner Lauf, aber ich landete im Ziel - 4:10:21 Stunden war meine Zeit.

Pokale, Medaillen, Urkunden - davon bin ich weit entfernt. Nicht Wittig: Eigentlich ist nur noch wenig Platz für weitere Ehrungen in Wittigs Wohnhaus im Dortmunder Stadtteil Brechten, durch das er mich nach unserem Trainingslauf führt. Aber weitere Auszeichnungen werden kommen: Im hohen Alter sinkt die Zahl der mehr als 80 Jahre alten Konkurrenten im Teilnehmerfeld. Jetzt schlägt Wittigs Stunde. Ende des Jahres hat er zudem gute Chancen auf die Wahl zu Deutschlands Senioren-Leichtathleten des Jahres. Er betont die Wahl während unseres Treffen öfter. "Am 31. Dezember endet die Wahl", wiederholt Wittig.

Der 78 Jahre alte Karl-Walter Trümper - Wittigs Konkurrent um die Rekorde

Kleine Sorgenfalten bereitet ihm der eiserne Trainingswille von Karl-Walter Trümper. Ein 78 Jahre alter Laufkonkurrent aus Dortmund, der in zwei Jahren die Europarekorde in Wittigs Altersklasse knacken könnte. Als verbissen würde sich Wittig nicht beschreiben. "Ich weiß, wann für mich Schluss ist. Noch habe ich genug Kraft zum Laufen. Warum sollte ich aufhören? Meine Frau und Familie machen den Spaß auch mit." EM-Hallenmeisterschaften in Madrid, ein Turnier in Alicante, die Stadion-WM in Malaga und dazu kommen noch zehn deutsche Meisterschaften von 800 Meter bis Marathon - Wittigs Wettkampfkalender für das kommende Jahr ist bereits voll. "Komplett ausgebucht", sei er.

Teilnahmen an Volksläufen und regelmäßige Tempoeinheiten im Training, so lauten Wittigs Empfehlungen an mich. Bisher habe ich beides in meiner Vorbereitung vernachlässigt. Das muss anders werden, sagt Wittig und reicht mir einen Trainingsplan, den er für meine Wunschzeit von 3:30 Stunden vorbereitet hat. "Ich werde mir die Zeiten des Pariser Marathon im Internet ansehen", sagt er. Was fast nach einer Drohung klingt, löst Wittig mit einem aufmunternden Klaps auf die Schulter auf. Noch sind es knapp 15 Wochen bis zu meinem Start in Paris.

Wittig gab mir noch mehr Vorbereitungstipps. Hier sehen Sie das Treffen mit dem Europarekord-Jäger im Video.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
stranzjoseffrauss 24.12.2017
1. Was macht denn eigentlich der Herr Klotzbier?
Ist er wieder bei 150 kg? Oder läuft er weiterhin Marathon? Langfristige Information sieht anders aus.
andreass61 24.12.2017
2. 80 Jahre
mit 80 Jahren diese Leistung, dass ist beeindruckend, Hut ab.
Kalle Bond 24.12.2017
3. Niemand muss es machen
Dieser M Wahn! Niemand braucht das. Trotzdem Hut ab vor der Leistung!
froschbus 24.12.2017
4. Wow
Beeindruckend, zumal der Herr eine vernünftige Einstellung zu haben scheint. Weiter so!
schgucke 24.12.2017
5. Schmerzen?
ist nicht ab einem bestimmten Alter kaum noch Federung, Knorpel, Schmiere vorhanden, um einen so belastenden Sport ausführen zu können? wie schafft der das mit 80? mit Schmerzmitteln?
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