Badminton-Star Marc Zwiebler "Ich spürte meine Zehen nicht mehr"

Marc Zwiebler
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Marc Zwiebler


Ein Bandscheibenvorfall mit 21 drohte seine Karriere zu beenden, doch jetzt ist Marc Zwiebler wieder Deutschlands bester Badminton-Spieler. In Rio soll es eine Medaille sein. Eine Multimediageschichte.

Eine Multimediageschichte von Martina Juppe, Hauke Klausing, Estella Linke, Eduard König und Haoyu Yan.

Jede Bewegung ist Folter. Der Schmerz im Rücken bestimmt jeden wachen Moment. Der Körper versagt den Dienst - als sei er der eines alten, gebrechlichen Mannes.

Marc Zwiebler ist zu diesem Zeitpunkt, es ist 2005, Anfang Zwanzig und der neue Stern am deutschen Badminton-Himmel. Er ist Deutscher Meister und bereitet sich auf einen sportlichen Höhepunkt vor: die Olympischen Spiele in Peking. Zwiebler steht eigentlich gut im Training, wären da nicht diese verdammten Rückenschmerzen.

Monatelang schon kämpft er sich durch Turniere und Trainingseinheiten. Irgendwann ist es nicht mehr nur der Sport, der ihn quält. Als er eines Morgens seine Socken anziehen will, trifft den Badminton-Meister ein unerträglicher Schmerz.

Die Diagnose: Bandscheibenvorfall. Mit 21 Jahren.

Von der klassischen Medizin bis zu alternativen Therapien wie Akupunktur und Spezialdiäten probiert er alles. Nichts hilft. Zwieblers Verzweiflung steigt mit jeder Behandlung, die keine Linderung bringt.

An Sport kann Zwiebler nicht mehr denken. Er will nur noch eines: dass die ewigen Schmerzen aufhören. Dass er zumindest ein halbwegs schmerzfreies Leben führen kann. Dass er überhaupt wieder an Leben denken kann.

Monate gehen ins Land. Je länger die Qual dauert, desto mehr wünscht er sich eine OP, doch die Mediziner raten ab. Kein Arzt wagt sich an seine Wirbelsäure, die Chancen auf Erfolg werden als so viel geringer eingeschätzt als die Risiken. Nur im Falle einer Lähmung steht eine Operation außer Frage: Wenn die Bandscheibe nicht nur auf den Nerv drückt, sondern diesen abklemmt, muss operiert werden.

Eines Nachts tritt der Ernstfall ein: Zwiebler spürt seine Zehen nicht mehr.

Mit der Notoperation sind die körperlichen Probleme und die seelische Belastung vorbei - und damit die schwerste Phase für Marc Zwiebler. Von nun an soll es bergauf gehen. Doch die Reha dauert und dauert und dauert. Marc Zwiebler machte dunkle Gedanken lieber mit sich selbst aus.

Eine Karriere im Leistungssport kann jeden Moment an gesundheitlichen Problemen scheitern. Die Konkurrenz zieht davon, das Einkommen ist plötzlich weg, die ganze Zukunft liegt im Unklaren. Marc Zwiebler verdankt es dem starken Rückhalt seiner Familie und des Verbands, dass er diesem Druck standhalten konnte.

Das soziale Umfeld außerhalb des Sports ist ein wichtiger Faktor im Heilungsprozess, sagt auch Diplompsychologin Marion Sulprizio. Sie leitet an der Deutschen Sporthochschule Köln die Initiative "MentalGestärkt", die betroffene Athleten an Sportpsychologen vermittelt. Die Initiative wurde nach dem Suizid des an Depressionen erkrankten Torhüters Robert Enke 2009 gegründet. Seitdem hat sich laut Sulprizio im Umgang mit psychischen Erkrankungen viel getan, aber nicht genug. "Die Verletzung reißt den Athleten praktisch aus seinem Job. Dieses plötzliche Nichts ist ein großer Ansatzpunkt für Selbstzweifel und depressive Gedanken." Die Unterstützung im Familien- und Freundeskreis sei dann umso wichtiger für das Selbstvertrauen.

Manche Leistungssportler leiden an Schmerzen, die sich nicht durch eine Operation beheben lassen. Einige müssen nach einer Verletzung die Karriere beenden, andere zerbrechen an dem hohen Leistungsdruck. "Medial ist man ständig auf einer Art Scheibe, auf der man präsentiert und vorgeführt wird. Man muss immer funktionieren. Wenn ich nicht die Goldmedaille hole, bin ich schon der erste Verlierer", sagt Sulprizio.

Depressionen, Angstzustände - psychische Probleme sind im Sport wie in anderen gesellschaftlichen Bereichen immer noch ein Tabuthema. "Alles was mit 'Psyche' zu tun hat, egal ob es Psychologie, Psychiatrie oder Psychotherapie ist, ist im Sport noch ein heikles Thema, während Physiotherapeuten zum sportlichen Alltag dazu gehören", sagt Marion Sulprizio. Eigentlich müsse man mit psychischen Erkrankungen genauso umgehen wie mit körperlichen Verletzungen, "denn eine Depression ist auch in den meisten Fällen heilbar". Dennoch suchen betroffene Sportler selten professionelle Unterstützung.

In der Reha spielte der Sport keine Rolle für Marc Zwiebler. Das Wichtigste war für ihn, endlich wieder ein ganz normales Leben führen zu können: mit Freunden in die Stadt gehen, sein BWL-Studium fortsetzen - einfach selbstständig im Alltag zurechtkommen. Ein paar Monate nach der Operation stand er gemeinsam mit seinem Krafttrainer auf dem Badminton-Feld. "Wir haben da wirklich wie zwei Hobbyspieler in der Halle gestanden und uns die Bälle zugespielt", erinnert sich Zwiebler und muss dabei lachen. An professionellen Sport dachte er damals nicht mehr. Ganz ohne Druck und Erwartungen stieg er dennoch langsam wieder ins Training ein.

Seit der Operation sind acht Jahre vergangen. Die seelische Narbe ist verheilt, mit 32 Jahren ist Zwiebler erfolgreicher denn je. Er ist wieder die Nummer eins der deutschen Badmintonspieler, wurde seit 2008 sieben Mal Deutscher Meister, 2012 Europameister. Aktuell kämpft er bei den Olympischen Spielen in Rio um eine Medaille, am Sonntagabend tritt er gegen den Brasilianer Ygor Coelho de Oliveira an (ab 20.55 Uhr im Ticker in der Live-Konferenz bei SPIEGEL ONLINE)

Manchmal bereitet ihm seine Achillessehne noch Probleme, doch das nimmt Zwiebler gelassen: "Verschleißerscheinungen gehören für einen Profisportler dazu." Nur wenn der Rücken zwickt, wird er ein bisschen nervös.

Marc Zwiebler hat gelernt, dass die Gesundheit an erster Stelle steht - und dass man dafür auch etwas tun muss. Das ist vielleicht die wichtigste Lehre, die ihn davor bewahrt hat aufzugeben.

Diese Story entstand in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln und Simone Utler

Badminton: Die Regeln und Schläge

    Die Regeln

    Das Spiel beginnt stets mit einem Aufschlag, der unter der Hüfte gespielt werden muss. Punkte können bei eigenem und beim Aufschlag des Gegners erzielt werden.

    Gespielt wird in den Disziplinen Einzel, Doppel und Mixed jeweils über zwei Gewinnsätze bis 21 Punkte. Beim Stand von 20:20 wird das Spiel solange verlängert, bis ein Spieler oder eine Doppelpaarung zwei Punkte Vorsprung oder 30 Punkte erzielt hat.

Die Schläge

Clear: Ein weit geschlagener Ball aus dem Hinterfeld (Überkopf-Clear) oder Vorderfeld (Unterhand-Clear) in Richtung Grundlinie.

Smash: Ein hart geschlagener Angriffsball über dem Kopf und steil zu Boden des gegnerischen Feldes geschlagen.

Drop: Ein kurz geschlagener Ball aus dem Hinter- oder Vorderfeld. Eigentlich als Vorbereitungsschlag gedacht, kann der Drop mit verschiedenen Schnittvarianten auch zum Punkterfolg führen.

Drive: Ein flach und hart übers Netz geschlagener Ball. Neutralisiert die Spielsituation.

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