Huck-Niederlage gegen Usyk Das Ende der "Generation Plastiktüte"

Marco Huck galt über Jahre als unbesiegbarer Champion und bester Cruisergewichtler der Welt - weil sein Promoter ihn brauchte. Die Niederlage gegen Usyk zeigt: Ein guter Boxer war Huck nie.

Bongarts/Getty Images

Er brauchte Hilfe und konnte froh sein, dass Robert Byrd in der Nähe und sehr aufmerksam war. Der amerikanische Ringrichter stellte sich am Samstagabend in Berlin in der zehnten Runde schützend vor Marco Huck, um dem Deutschen weitere Prügel zu ersparen. Davor hatte Huck für eine gute halbe Stunde von Weltmeister und Olympiasieger Oleksandr Usyk eine kostenlose Box-Lektion erhalten.

Der Ukrainer demonstrierte eindrucksvoll, worauf es im Faustkampf ankommt. Eben nicht nur auf pure Gewalt, Schlagkraft, Härte und das viel zitierte Herz - also die Dinge, die Huck seit Jahren auszeichnen - sondern auf Taktik, Technik, gute Beinarbeit, schnelle Hände und ein großes Schlagrepertoire.

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Boxen: Die Hucke voll

In den Momenten nach der Niederlage saß Huck einfach nur da, den zerbeulten Kopf auf die noch bandagierte Hand gestützt, und wirkte in sich gekehrt. Möglicherweise war ihm in einem ehrlichen Moment klar geworden, dass seine Karriere durch die dritte Niederlage in den vergangenen fünf Kämpfen de facto zu Ende ist. Eventuell dachte er aber nur darüber nach, wie er in den folgenden Interviews erklären sollte, dass er absolut chancenlos war.

Später sprach Huck von einer "Ringschlacht", die er geliefert habe, davon, dass er sich vor heimischem Publikum vielleicht selbst "ein bisschen zu sehr unter Druck" gesetzt habe, und bemerkenswerterweise auch davon, dass er den Kampf hätte gewinnen können, "wenn ich richtig nachgesetzt hätte". Zumindest die letzte Einschätzung hatte der 32-Jährige exklusiv. Sie passt zu Lautsprecher Huck, der selten besonders reflektiert wirkt und dafür schon mal ankündigt seinem Gegner "was hinter die Löffel" zu geben, wie bei der Pressekonferenz vor dem Kampf gegen Usyk.

Der Ukrainer wirkte fast amüsiert davon, dass Huck behauptete, mit harten Treffern Wirkung erzielt zu haben. "Wenn er die Tiefschläge oder die Nackenschläge meint, dann habe ich was gespürt", sagte Usyk. "Aber das hat nichts mit Boxen zu tun."

Für Leute, die Huck schon lange beobachten, klingt die Aussage wie eine Generalabrechnung mit der meist unsauberen Kampfweise des Berliners. Mit Boxen hatte das, was er machte, nur selten etwas zu tun - wenn man unter Boxen das versteht, was im englischen Sprachraum "Sweet Science" genannt wird, eine Kampfkunst mit Betonung auf Kunst.

Zu Hucks Stil gehörten immer auch Regelverstöße

Große Geister wie Ernest Hemingway und Bertolt Brecht waren von der schlichten Eleganz des Sports fasziniert. Mit Hucks brachialem Stil, zu dem immer auch Regelverstöße wie Ellbogenschläge und das Festhalten des Gegners gehörten, hätten sie wahrscheinlich wenig anfangen können.

Trotzdem war Huck über fünf Jahre WBO-Weltmeister und verteidigte seinen Titel 13 Mal. Das ist geteilter Rekord für das Cruisergewicht. Hucks Urgewalt gepaart mit der ihm von Meistertrainer Ulli Wegner eingeimpften Doppeldeckung reichte aus, um die Gewichtsklasse eine halbe Dekade zu dominieren.

Das lag aber nicht ausschließlich an Hucks Qualitäten, sondern vor allem auch an der Arbeit seines Promoters Wilfried Sauerland. Nachdem Sven Ottke 2004 als ungeschlagener Weltmeister zurückgetreten war, hatte Sauerland einen gut dotierten Fernsehvertrag, aber keine guten Boxer, mit denen er die zehn Übertragungstermine im Jahr füllen konnte.

In Ermangelung gut ausgebildeten Nachwuchses bediente sich Sauerland mehrerer Jungs, die der Legende nach irgendwann nur mit einer Plastiktüte voller Trainingsklamotten bei ihm im Gym standen und sich als Sparringspartner anboten, um sich für größere Aufgaben zu qualifizieren. Arthur Abraham gehörte ebenso zur "Generation Plastiktüte" wie auch Huck, der als Kind mit seiner Familie vor den ethnischen Säuberungen in der bosnisch-serbischen Grenzregion Sandzak nach Deutschland geflohen war.

"Es gibt Leute, die gar nicht wissen, wie sie Millionäre geworden sind"

Huck brachte aus dem Taekwondo und Kickboxen erste Kampfsporterfahrung mit, unter Wegners Führung gelang es ihm, das Maximum aus seinem Talent zu machen. Und Sauerland sorgte durch geschickte Gegnerauswahl und boxpolitische Finesse dafür, dass aus dem Flüchtling ein Weltmeister wurde.

"Es gibt Leute, die gar nicht wissen, wie sie Millionäre geworden sind", sagt Wegner. Er formuliert die Wahrheit über das Box-Business so geschickt, dass er damit weder seine Schützlinge noch seinen langjährigen Geschäftspartner Sauerland diskreditiert.

Huck konnte sich nur deswegen so lange an der Spitze des Cruisergewichts halten, weil Sauerland ihm gefährliche Konkurrenten wie den Polen Krzysztof Wlodarczyk oder den Russen Rakhim Chakhkiev durch Lobbyarbeit bei den Verbänden vom Leib hielt. Andere boxerisch stärkere Cruisergewichtler wie Yoan Pablo Hernández und Mateusz Masternak nahm Sauerland selber unter Vertrag, sodass er entscheiden konnte, gegen wen sie boxen und gegen wen eben nicht.

Das System funktionierte, solange Sauerland durch den TV-Vertrag mit der ARD finanziell unabhängig war. Als die Zusammenarbeit mit dem öffentlich-rechtlichen Sender endete, verließ Huck seinen ehemaligen Promoter. Dabei wurde ihm zum Verhängnis, dass er wirklich glaubte, einer der besten Boxer der Welt zu sein, nachdem ihm Sauerland und Wegner das über Jahre eingetrichtert hatten.

In der Selbstständigkeit hoffte er, noch mehr Geld zu verdienen, weil er die Einnahmen nicht mehr mit Promoter Sauerland teilen musste. Er verlor drei von fünf Kämpfen unter eigener Regie, weil er sich gegen Gegner in den Ring traute, die zu stark für ihn waren. Abraham machte eine ähnliche Erfahrung, als er als ungeschlagener Weltmeister und selbsternannter Favorit ins "Super-Six"-Turnier startete und dort drei von vier Kämpfen verlor.

Die "Generation Plastiktüte" war gut genug, um das deutsche Boxen über Jahre zu dominieren. Für die wirkliche Weltspitze reichte ihre Qualität nicht.

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Seite 1
kascha_2013 10.09.2017
1. Ich habe den Kampf gesehen,
mir aber die offensichtlich unsäglichen Erklärungen des, wenn überhaupt, mittelmäßigen Boxers Huck nicht angetan. In meiner Wahrnehmung wurde Huck von einem gut aufgestellten, konditionell und technisch hervorragenden Boxer Usyk durch den Ring getrieben. Usyk hat einen hervorragenden Boxkampf abgeliefert, der seinen Namen verdient.
RalfHenrichs 10.09.2017
2. Das System funktioniert doch immer noch
Nur dass die Promoter inzwischen anders heißen als Sauerland. Durch die Gegnerauswahl und die vielen Verbände kann man Boxen schon lange nicht mehr als ernstzunehmenden Sport sondern als Unterhaltungsshow bezeichnen. Etwa wie Ninja Warrior.
rabbijakob 10.09.2017
3. Das Gleiche....
....haben sie mit den Klitschkos gemacht. Die hatten auch immer nur "halbe" Gegner. Die waren zu einer Zeit groß, als in Amerika nach Tyson nicht mehr viel nachkam...
lensdorf.rat 10.09.2017
4. Schillernd....
Der Boxsport war immer schon eine schillernde Sportart. Mit dem Rückgang von wirklich talentierten Sportlern wurde dies durch dubiose Praktiken verschleiert. Dass das Fernsehen dies auch noch finanziert hat, ist mir absolut unverständlich. Die TOUR DE FRANCE wurde ( richtigerweise!)aus dem Programm genommen - beim Boxen war man sich nicht einig... trotz erwiesenes Doping. Also: Streicht den schillernden Boxport aus den TV's - und er wird sich hoffentlich selbst reinigen und erneuern.
schehksbier 10.09.2017
5. Huck
war immer nur ein geistig limitierter Haudrauf und weit davon entfernt, ein guter Boxer zu sein. Ist in diesem "Sport" aber kein Einzelfall.
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