Boxweltmeister Huck "Flüchtlingskrise? Eher Flüchtlingschance!"

Kaum Weltmeister, wenig Zuschauer. Das deutsche Profiboxen steckt in der Krise. Marco Huck glaubt, dass die Flüchtlingsproblematik der Schlüssel zu neuen Erfolgen sein kann. Der ehemalige Flüchtling spricht aus Erfahrung.

DPA

2016 ist ein Seuchenjahr für den Profiboxsport in Deutschland. Felix Sturm wurde des Dopings überführt. Arthur Abraham und Jürgen Brähmer verloren ihre Weltmeistertitel. Und Wladimir Klitschko, der zwar Ukrainer ist, aber als Wahl-Hamburger vom deutschen Publikum "adoptiert" wurde, ist durch Kampfabsagen und Verletzungspech seit fast einem Jahr zum Zuschauen verdammt.

Die sportliche Misere schlägt sich in sinkenden Zuschauerzahlen nieder. Das sorgt für Unzufriedenheit bei TV-Sendern und Sponsoren, was wiederum zu geringeren Einnahmen führt. Folgerichtig klagen Promoter über leere Kassen, anstatt Geld in die Nachwuchsförderung investieren zu können. Ein Teufelskreis, der den gesamten Sport zu bedrohen scheint. Denn Großveranstaltungen und WM-Kämpfe, mit denen man die Fans wieder anlocken könnte, sind teuer.

Fotostrecke

10  Bilder
Schwergewichtsboxen: Was ist nur aus dir geworden?

Der letzte verbliebene deutsche Weltmeister heißt Marco Huck. Der 31-Jährige hält aktuell zwar "nur" den Cruisergewichtstitel der eher unbedeutenden International Boxing Organisation (IBO), hat aber einen lukrativen TV-Vertrag. Aktuell bereitet er sich auf seine Titelverteidigung am 19. November in Hannover gegen den Ukrainer Dmytro Kucher vor. Während sich die meisten Experten im Diskurs über den kriselnden Boxsport auf Ursachenforschung beschränken und nach "Schuldigen" für das Dilemma suchen, blickt Huck nach vorne und überrascht mit einer positiven Prognose.

"In fünf Jahren werden wir in Deutschland zehn Weltmeister haben", sagt Huck und antwortet auf die ungläubige Nachfrage, woher die denn kommen sollen: "Sie sind schon da. Als Flüchtlinge. Die Leute sprechen immer von der Flüchtlingskrise. Ich nenne es eine Flüchtlingschance!"

Im Kofferraum die Grenze passiert

Huck weiß, dass er mit seiner Aussage provoziert. Aber noch besser weiß er, wovon er spricht. Schließlich kam er selbst als Flüchtling nach Deutschland. Geboren wurde der Bosnier 1984 unter dem Namen Muamer Hukic in Ugao, einer 500-Seelen-Gemeinde in der Region Sandzak im serbisch-montenegrinischen Grenzgebiet. Neun Jahre später, als Jugoslawien in einer Reihe blutiger Bürgerkriege zerfiel, floh die Familie vor den ethnischen Säuberungen.

Die Grenze passierte Huckt im Kofferraum eines klapprigen Autos. Die illegale Einreise gelang erst im zweiten Anlauf, weil sein damals noch sehr kleiner Bruder Kenan einfach nicht aufhören wollte zu schreien. Mittlerweile ist Kenan erwachsen und schreit nur noch selten. Stattdessen managt er die Karriere des Weltmeisters. "Mein Bruder ist der beste Beweis dafür, dass man in Deutschland alles schaffen kann, wenn man nur an sich glaubt und bereit ist, hart für seine Ziele zu arbeiten", sagt Kenan Huck. "Als wir nach Deutschland kamen, passten unsere wenigen Klamotten in zwei Plastiktüten."

Die Familie wurde in einem ehemaligen Schulgebäude in Bielefeld-Gadderbaum untergebracht, lebte mit sechs Personen auf nicht mal 30 Quadratmetern. "Wenn neue Flüchtlinge ankamen, haben manchmal über 20 Personen in einem Zimmer geschlafen. Das hat uns geprägt und zusammengeschweißt, so etwas vergisst man nie." Heute wohnen die Hukics in Villen oder teuren Hotels. Der Weltmeister ernährt die ganze Familie - und er ernährt sie gut.

Abraham, Sturm und Charr kamen auch als Flüchtlinge

Was nach einer einzigartigen Erfolgsgeschichte klingt, steht exemplarisch für die Lebensläufe einer Generation deutscher Box-Stars: Arthur Abraham, der unter dem Namen Avetik Abrahamyan in der armenischen Hauptstadt Jerewan geboren wurde, kam 1995 im Alter von 15 Jahren infolge des Bergkarabach-Konflikts nach Deutschland. Felix Sturm, mit bürgerlichem Namen Adnan Catic, ist als Sohn bosnischer Einwanderer mittlerweile zurück nach Sarajevo gezogen. Und Manuel (eigentlich Mahmoud Omeirat) Charr, der 2012 gegen Vitali Klitschko um die WBC-Weltmeisterschaft im Schwergewicht boxte, floh 1989 mit seiner Mutter aus Beirut ins Ruhrgebiet.

"Das Schöne am Profiboxen ist, dass es im Grunde jeder zum Weltmeister bringen kann", sagt Marco Huck. "Natürlich braucht man Talent. Und ein bisschen Glück gehört auch dazu. Aber das Allerwichtigste ist eiserne Disziplin, Trainingsfleiß und die Bereitschaft, zu lernen. Im Grunde die deutschen Tugenden."

Wenn Erfolg so einfach ist, drängt sich die Frage auf, warum es in Deutschland so lange kein Boxer ohne Migrationshintergrund bis in die Weltspitze geschafft hat. Die Ära von Henry Maske und Axel Schulz ist lange vorbei. Auch ihre Nachfolger Markus Beyer und Sven Ottke sind schon seit rund zehn Jahren im Ruhestand. Der Schweriner Jürgen Brähmer wirkt wie die Ausnahme, die die Regel bestätigt.

Klischee aus den "Rocky"-Filmen

"Uns Deutschen geht es einfach zu gut", sagt Huck mit einem Augenzwinkern. "Das klingt jetzt vielleicht nach einem Klischee aus den 'Rocky'-Filmen, aber es stimmt: Boxen ist und bleibt ein Sport für die sozial Schwachen, die sich im wahrsten Sinne des Worts nach oben kämpfen wollen."

Für Huck gibt es keine bessere Motivation als die Erinnerung an Not und Armut. "Dass ich nie vergessen habe, wo ich herkomme, hilft mir bis heute." Er denke bei jedem Gegner, dass er ihm und seiner Familie das Haus und das Brot wegnehmen wolle. Für diese Motivation lohne es sich zu kämpfen.

Wenn man Hucks Argumentation folgt, könnten unter den vielen Flüchtlingen, die in den vergangenen eineinhalb Jahren nach Deutschland kamen, tatsächlich einige Weltmeister von morgen zu finden sein. Bleibt die Frage, ob und wie sie den Weg ins Box-Gym finden sollen. "Deutschland ist grundsätzlich ein sehr offenes Land, in dem Leistung geschätzt und respektiert wird", so Huck. "Man kann hier sehr erfolgreich sein, wenn man bereit ist, auf die Menschen zuzugehen, sich zu integrieren und die Regeln zu befolgen. Ich bin dafür das beste Beispiel."

Mehr zum Thema


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
janowitsch 03.11.2016
1. Ein Vorbild
Motivierende Worte von einem, der weiß, wie es ist, und der es ganz nach oben in seinem Job geschafft hat. Natürlich gibt es auf der anderen Seite ganz viele, die den sozialen Aufstieg nicht geschafft haben, aber Marco Huck kann als Beispiel, als Vorbild dienen. Stellt ihn doch auf die Marktplätze und in die Flüchtlingsheime, damit er seine Geschichte erzählen kann. Und nebenbei: Boxen kann ein sehr ästhetischer Sport sein.
kalim.karemi 03.11.2016
2. Ja danke
Wo doch nicht die versprochenen Ärzte und Ingenieure dabei sind, wenigstens ein paar Boxer, brauchen wir unbedingt mehr von.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.