WM-Kampf von Marco Huck Boxtrainer vom Aussterben bedroht

Marco Huck boxt am Samstag erneut um eine WM-Krone. Er hat eine Chance auf den Titel - aber er hat keinen erfahrenen Coach. Da ist Huck kein Einzelfall: Dem deutschen Boxsport gehen die Spitzentrainer aus.

Marco Huck bei seinem Kampf gegen Ola Afolabi 2016
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Marco Huck bei seinem Kampf gegen Ola Afolabi 2016


Für einen kurzen Moment ist alles wieder wie früher. Marco Huck und sein alter Trainer Ulli Wegner sehen sich, und schon im nächsten Moment liegen sie sich in den Armen.

Der Moment ist gut inszeniert. Das Treffen findet am Medientag vor Hucks Kampf um die WBC-Weltmeisterschaft gegen Mairis Briedis (Samstag, 22.45 Uhr; RTL) statt. Wegner und Huck sind eben Profis und wissen, wie sie Aufmerksamkeit erregen. Aber ihre Emotionen sind echt, sie mögen sich noch immer.

Zehn Jahre lang waren die beiden ein Team und erlebten Höhen und Tiefen des Boxerlebens. Von Hucks Profi-Debüt 2004 bis zu seinem Schritt in die Selbstständigkeit im Oktober 2014 stand Wegner 41 Mal in der Ecke des Cruisergewichtlers.

"Es ist kein Geheimnis, dass der Trainer und ich immer ein besonderes Verhältnis hatten", sagt Huck. "Seit der Trennung von meinem alten Promoter können wir zwar nicht mehr zusammenarbeiten, aber wir sind natürlich trotzdem in Kontakt." Wegner übernimmt sofort wieder die Rolle, die er bei Huck immer hatte, gibt Anweisungen und warnt vor dem Gegner: "Briedis ist ein richtig gefährlicher Mann. Wir kennen den gut, wir hatten ihn oft zum Sparring da. Marco muss höllisch aufpassen."

In den Rundenpausen wird Wegner seinen Schützling nicht ermahnen können. Diese Rolle soll Oktay Urkal übernehmen, selbst ein ehemaliger Wegner-Schützling. Der 47-Jährige steht am Samstag zum ersten Mal in Hucks Ecke. Er ist bereits der vierte Coach, seit sich Huck vor drei Jahren von seinem Promoter Sauerland und damit auch vom exklusiv bei Sauerland unter Vertrag stehenden Wegner getrennt hatte.

Auch Urkals Vertrag gilt vorerst nur bis Samstag. Danach wollen sich die Parteien zusammensetzen und über die Zukunft sprechen.

RTL denkt über einen Ausstieg nach

Sollte Huck verlieren, könnte ihn das seinen lukrativen TV-Vertrag kosten. Laut "Bild"-Zeitung gilt für RTL dasselbe wie für Urkal: Erst nach dem WM-Kampf gegen den schlagstarken Letten Briedis soll über die weitere Zusammenarbeit verhandelt werden. Eine Niederlage für den mittlerweile 32-Jährigen ist nicht ausgeschlossen. Briedis ist unbesiegt, hat schon Schwergewichtler wie Manuel Charr ausgeknockt und gilt bei den Buchmachern als Favorit.

Falls der Lette siegt, wird es mit Sicherheit Diskussionen um Hucks andauernde Trainersuche geben. Tatsächlich ist sie Ausdruck eines zentralen Problems des Profiboxens in Deutschland: Aufgrund fehlender Aus- und Weiterbildung gibt es kaum deutsche Trainer, die den Ansprüchen eines Weltklasseboxers wie Huck gerecht werden.

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"Die Vorbereitung ist super gelaufen, und die Stimmung im Team ist sehr gut, weil sich Oktay und mein Bruder seit über zehn Jahren kennen", sagt Kenan Hukic, Bruder von Huck und dessen Manager. "Aber bei allem Respekt vor Oktay: Er kann meinem Bruder nichts mehr beibringen."

Das klingt überheblich, aber es trifft zu. Urkal kann Huck nämlich vor allem deshalb nichts beibringen, weil er selber den Trainerberuf gar nicht wirklich erlernt hat. Eine verpflichtende Grundausbildung gibt es ebenso wenig wie theoretische und praktische Schulungen, von Prüfungen oder Fortbildungen ganz zu schweigen.

So gut wie jeder kann Boxtrainer werden

Verschlafen wurde das Thema rund um die Jahrtausendwende, als es um den deutschen Boxsport noch deutlich besser stand als heute. Universum und Sauerland waren die größten Ställe Europas, ihre Cheftrainer Fritz Sdunek und Ulli Wegner formten Weltmeister nach Weltmeister. Die beiden erfolgreichsten deutschen Boxtrainer aller Zeiten waren noch in den Kaderschmieden der DDR ausgebildet worden und leisteten über 20 Jahre herausragende Arbeit. Um ihre Nachfolge kümmerte sich indes niemand.

Im Grunde kann sich in Deutschland jeder Profiboxtrainer nennen. Als Qualifikation für eine entsprechende Lizenz beim Bund Deutscher Berufsboxer (BDB) reicht es im Normalfall, beim Ausfüllen des Mitgliedsantrags das richtige Häkchen zu setzen. Und selbst wer das nicht schafft (oder sich weigert, die fälligen Mitgliedsbeiträge und Gebühren zu zahlen), darf bei Veranstaltungen als Trainer in der Ecke stehen. Lizenzen und Startgenehmigungen werden nur von den Aktiven verlangt.

Oktay Urkal ist Trainer, weil er keinen Plan B für die Karriere nach der Karriere hatte. Nach dem Gewinn der Olympischen Silbermedaille 1996 in Atlanta wurde er Profi und brachte es zum Europameister im Superleicht- und Weltergewicht. Seine vier WM-Kämpfe verlor er allesamt und beendete seine aktive Laufbahn im März 2007 nach einer TKO-Niederlage gegen Miguel Cotto.

Seitdem hat er bei verschiedenen Promotern gearbeitet und dabei durchaus bemerkenswerte Erfolge gefeiert. WM-Erfahrung hat Urkal als Trainer aber nicht.

Die Rollen im Team Huck sind klar verteilt: Der Boxer ist der Star, sein Trainer vor allem Beiwerk. Das gilt zumindest solange, bis Wegner vielleicht doch zu seinem alten Schützling zurückkehrt. Was nicht unmöglich scheint. Sauerland hat im Zuge der Verschlankung des Unternehmens den meisten angestellten Trainern gekündigt und auslaufende Verträge nicht verlängert. Die einzige Ausnahme: Ulli Wegner. Sollte auch er sich vom Promoter trennen, wäre der Weg frei für die Rückkehr zu Huck.

Soweit will Kenan Hukic im Moment aber nicht denken: "Jetzt konzentrieren wir uns voll und ganz auf den Kampf gegen Briedis." Die Aufgabe am Samstag wird für Marco Huck schwer genug - ganz egal, wer in seiner Ecke steht.



insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
wannbrach 01.04.2017
1.
Die Kämpfe die Ich von Huck gesehen habe haben mich immer enttäuscht. Er hat einen harten Schlag aber seine Technik ist Ehen mangelhaft.
g.s-sanet 01.04.2017
2. Weder noch
Urkal ist sicher kein Trainer für Huck, aber Wegener mit seinen weinerlichen Appellen in der Ringecke haben Huck auch nicht geholfen. Er braucht einen professionellen Trainer, wie er leider nur in USA zu finden ist. Es fehlt ihm die Fähigkeit, einen Kampf wie heute abend mit dem Kopf zu gewinnen, das hat ihm Wegener leider nicht beigebracht. Deshalb fürchte ich wird er nach ein paar Runden wieder mitschlagen und verlieren.
godfader 01.04.2017
3. Kenan Hukic
Huck's Burder Kenan ist auch sein Manager, ein sehr überheblicher Mensch der gerne austeilt aber von Bescheidenheit noch nie was gehört hat. Als Huck von Glowacki ausgenockt wurde wurde es still um Kenan. Jetzt riskiert er wieder grosse Sprüche. Was ist der Plan für Huck wenn er gegen Breidis verliert? Dann ist seine Karriere auf Weltebene vorbei und er kann nur noch Kleinringveranstaltungen machen.
topsykrett 01.04.2017
4. Boxen wurde heruntergewirtschaftet
Nicht nur die Trainer gehen dem Boxsport aus, sondern die gesamte Sportart verliert an Signifikanz. ARD überträgt kein Boxen mehr, und RTL hat es runtergewirtschaftet durch die üblen Übertragungen. 2 Std. Vorbericht - 2 Min. Kampf, da immer Fallobst gegen Champion antritt - 2 Std. Nachbericht. Und irgendwann wird das Konzept auch noch verschwinden. Schade, hatte ich immer gern angeschaut..
jujo 01.04.2017
5. ....
Zitat von topsykrettNicht nur die Trainer gehen dem Boxsport aus, sondern die gesamte Sportart verliert an Signifikanz. ARD überträgt kein Boxen mehr, und RTL hat es runtergewirtschaftet durch die üblen Übertragungen. 2 Std. Vorbericht - 2 Min. Kampf, da immer Fallobst gegen Champion antritt - 2 Std. Nachbericht. Und irgendwann wird das Konzept auch noch verschwinden. Schade, hatte ich immer gern angeschaut..
Wer schaut denn noch Boxen? Die Zeiten wo man sich den Wecker stellte um Ali,Frazier,Forman,Norton und Tyson zu schauen sind seit Jahrzehnten vorbei, Selbst Blin konnte motivieren Spät-und Nachstunden zu "opfern".
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