Doping in Russland Aufgeputscht

Mit Marija Scharapowas Doping-Beichte ist Meldonium bekannt geworden. Doch in Russland spielt der Wirkstoff schon lange eine Rolle. Laufend werden neue Fälle bekannt.

Von Thomas Dudek

Marija Scharapowa
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Marija Scharapowa


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Wenn es um das Thema Doping geht, dann sind die Russen schon seit geraumer Zeit negative Schlagzeilen gewohnt. Erst der Wada-Bericht vom November vergangenen Jahres, in dem das systematische und teilweise auch vom Staat geförderte Doping angeprangert wurde. Dann die daraus resultierende Suspendierung der russischen Leichtathleten von allen internationalen Wettbewerben, darunter auch den Olympischen Spielen in Rio.

Und als ob dies nicht genug wäre, strahlte der WDR am vergangenen Sonntag noch eine weitere Reportage des deutschen Journalisten Hajo Seppelt aus, in der gezeigt wurde, dass sich an den russischen Dopingpraktiken trotz aller Reformankündigungen nicht viel geändert hat.

Auch dem Dopingmittel Meldonium wurde in der WDR-Reportage viel Platz eingeräumt. Ein Wirkstoff, der in einigen Ländern unter dem Markennamen Mildronat bei Herzpatienten verwendet wird und der sich in Russland und anderen osteuropäischen Staaten als leistungssteigernde Substanz großer Beliebtheit erfreut.

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    Marija Scharapowa, 28 Jahre alt, russische Tennisspielerin, hat insgesamt fünf Grand-Slam-Titel gewonnen, zuletzt die French Open 2014. 2005 wurde sie - als erste Russin überhaupt - an Platz eins der Tennis-Weltrangliste geführt. Zu ihren Stärken zählen vor allem Fitness, mentale Stärke, Siegeswille, sowie ein gewaltiger Aufschlag. Scharapowa gilt als Einzelgängerin, Angelique Kerber sagte einmal über sie: "Ich weiß nicht, wer sie ist. Keiner kennt sie wirklich." Aufgrund ihres akustisch lauten Spiels wurde sie auch "Queen of Scream" getauft.
So wurde erst vor wenigen Wochen die ukrainische Biathletin Olga Abramowa wegen der Einnahme des seit Jahresbeginn auf der Dopingliste stehenden Mittels suspendiert. Anfang des Jahres wurde auch dem russischen Radsportler Eduard Worganow die Einnahme von Meldonium nachgewiesen.

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Tennisstar Scharapowa: "Ich habe einen großen Fehler gemacht"
Doch der spektakulärste Fall, der offenbarte, wie weit Meldonium bei russischen Sportlern verbreitet ist, wurde erst jetzt bekannt. Nur einen Tag nach der Ausstrahlung der WDR-Reportage. Denn wenige Stunden, bevor Marija Scharapowa auf ihrer Pressekonferenz in Los Angeles ihre positive Dopingprobe offenbarte, kam heraus, dass auch die russische Eiskunstläuferin Jekaterina Bobrowa bei den im Januar stattgefundenen Europameisterschaften in Bratislava positiv auf Meldonium getestet wurde.

Für die russische Öffentlichkeit ein Schock. Denn mit Scharapowa und Bobrowa wurden zwei Athletinnen erwischt, die sich in Russland großer Beliebtheit erfreuen. Scharapowa gilt seit ihrem Erfolg in Wimbledon 2004 als das Aushängeschild des russischen Tennis, zumal sie sich im Gegensatz zu ihren Kolleginnen Anna Kournikowa und Anastasija Myskina auch langfristig in der Weltspitze etablieren konnte. 2005 war Scharapowa Weltranglistenerste. Auch ihre Erfolge außerhalb des Tennisfelds trugen zu ihrer großen Popularität in Russland bei. Nicht ohne Stolz wurde in den russischen Medien etwa über ihre Modeltätigkeit berichtet.

Jekaterina Bobrowa und ihr Partner Dimitrij Solowjow
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Jekaterina Bobrowa und ihr Partner Dimitrij Solowjow

Bobrowa wiederum betreibt mit dem Eiskunstlauf eine Sportart, die in Russland seit Sowjetzeiten quasi einen Heiligenstatus verleiht, in der aber auch dementsprechend Erfolge erwartet werden. Alles andere als Goldmedaillen bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften wird in Russland nicht selten nur als Niederlage wahrgenommen. Doch Bobrowa konnte die hohen Erwartungen erfüllen - und dies auch noch vor den Augen der ganzen Nation. 2014 bei den Winterspielen in Sotschi holte die gebürtige Moskauerin mit ihrem Partner Dimitrij Solowjow Gold.

Unterschiedlich sind jedoch die Reaktionen der russischen Öffentlichkeit auf diese prominenten Dopingfälle. "Das ist ein Schock", erklärte beispielsweise die ehemalige Tennisspielerin Anna Tschakwetadse in einem Interview und scheute sich nicht, auch Scharapowas Betreuerstab verantwortlich zu machen. Ganz nach dem Motto, dass nicht nur die Tennisspielerin mit der aktuellen Dopingliste vertraut sein müsse. Zudem hat Scharapowa mit ihrer Aussage, "sie habe einen Fehler gemacht", in der russischen Öffentlichkeit gepunktet.

Eine Reue, die Bobrowa nicht über die Lippen bekam. "Ich weiß nicht, wie dieses Mittel in meinen Körper gelangen konnte", gab sich die Eiskunstläuferin unschuldig und zog dadurch die Kritik auf sich. "Dass Scharapowa ihren Fehler zugab, ist ein Novum unter den russischen Sportlern. Damit hat sie trotz des Dopingnachweises nur gepunktet", erklärt Iwan Kalaschnikow, Chefredakteur des populären Sportportals sports.ru gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Pawel Kulischnikow
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Pawel Kulischnikow

An Scharapowas Reaktion könnte sich der russische Eisschnellläufer Pavel Kulischnikow ein Beispiel nehmen. Wie heute bekannt wurde, wurde auch ihm die Einnahme von Meldonium nachgewiesen.

Zusammengefasst: Das Doping-Geständnis der Tennisspielerin Marija Scharapowa stellt keinen Einzelfall im russischen Sport dar. Die Eiskunstläuferin Jekaterina Bobrowa wurde bei der Europameisterschaft ebenfalls der Einnahme des Wirkstoffs Meldonium überführt. Auch der Eisschnellläufer Pavel Kulischnikow nutzte das Mittel. In der russischen Öffentlichkeit wird Scharapowas Verfehlung mit Milde zur Kenntnis genommen, weil sie sich reumütig zeige.

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Seite 1
meineidbauer 08.03.2016
1.
wenn ich das richtig verstanden habe, dann war das Mittelchen vor dem 1.1.16 noch nicht verboten. Da hat sie es wohl zu spät abgesetzt.
Loewe_78 08.03.2016
2. Ich sage nur: Asthma.
Das ist angeblich unter Leistungssportlern äußerst verbreitet. Nicht nur in Russland. Böse Zungen behaupten: Das ist so verbreitet unter Leistungssportlern, weil Asthmamedikamente durchaus auch angenehme Nebeneffekte haben. Für die Leistung. Jetzt mit dem schmutzigen Finger auf andere zeigen, weil es jemand "verpennt" hat, die Liste der Neuverbote durchzulesen, ist ein bisschen arg plump.
hornochse 08.03.2016
3. US Tennisinternat
Das die gute in den USA ausgebildet wurde und auf ein Tennisinternat ging wird dabei völlig verschwiegen sie ist ja gebürtige Russin also wird daraus gemacht das russische Sportler dopen. Sie allerdings mit dem Mittel in den USA in Kontakt kam spielt natürlich keine Rolle...
romankasperski 08.03.2016
4. Doping
In unserer Regierung... Und der Spiegel bringt Entschldigungen und Relativierungen. Von mir aus sollen Sportler schlucken was sie wollen. Aber wenn man Entscheidungen für Millionen trifft, sollte man stehst einen klaren Kopf behalten!
karlbe 08.03.2016
5. Es ist nur eine...
Frage der Zeit, bis Putin höchstpersönlich die Dopingliste der Wada als Komplott gegen Russland entblößt. Es gibt dann eine Gegen-Olympiade ohne Dopingliste, bei der die Sportler viel bessere Leistungen erreichen als bei der "herkömmlichen" Olympiade. Wenn die Zuschauer dann geschlossen die Gegen-Olympiade schauen, weil sie natürlich immer Höchstleistungen sehen wollen, wird Dagobert Trump (Donald ist unpassend und wird noch geändert), inzwischen amerikanischer Präsident, anordnen, dass die USA mit genoptimierten Sportlern zurückschlägt.
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