Marita Meier-Koch Ich bin ein Olympia-Pechvogel

Vor Beginn der Spiele in Sydney hat SPIEGEL ONLINE mit einer Reihe ehemaliger Olympiateilnehmer Interviews geführt. 400-Meter-Weltrekordhalterin Marita Meier-Koch, 43, sprach mit uns über kleine olympische Katastrophen und DDR-Chefdoper Manfred Ewald.

Von Hubertus von Hörsten


Marita Koch nach ihrem Olympiasieg 1980 in Moskau
AFP

Marita Koch nach ihrem Olympiasieg 1980 in Moskau

SPIEGEL ONLINE:

Frau Meier-Koch, Sie können auf eine erstaunliche Karriere zurückblicken. Wissen Sie eigentlich noch, wie viele Goldmedaillen Sie gewonnen haben?

Marita Meier-Koch: Was Olympia angeht, bin ich wohl so was wie ein Pechvogel. 1976 in Montreal habe ich mir im Zwischenlauf einen Muskelriss zugezogen und konnte dann zum Semifinale nicht mehr antreten. In Moskau, wo die halbe Welt fehlte hab ich's dann geschafft, und 1984 als ich wirklich die allerbesten Chancen hatte, waren wir nicht dabei, weil diesmal der Ostblock boykottierte.

SPIEGEL ONLINE: Daraufhin wollten Sie ihre Laufbahn beenden.

Meier-Koch: Nicht nur aus dieser Enttäuschung heraus, meine Leistungen stimmten ja noch. Aber ich hatte immer stärkere Probleme mit meiner Achillessehne.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich damals an ihren obersten Dienstherren, den DTSB-Präsidenten Manfred Ewald, gewandt, um mit ihm über ihr Karriere-Ende zu sprechen.

Meier-Koch: Ja, und ich erhielt die Aufforderung, weiterzumachen. Man stellte mir sogar ein Trainingslager auf Kuba in Aussicht. Meine Zweifel wegen der Verletzungsprobleme aber blieben, und schließlich war ich mit 29 Jahren auch nicht mehr die Jüngste. Als ich das dann vorbrachte, antwortete mir Manfred Ewald: "Wenn Athleten alt und krank sind, müssen sie eben aufhören."

SPIEGEL ONLINE: Ziemlich direkt.

Meier-Koch: Der Ton war sicherlich hart, hat es mir aber leicht gemacht, sofort meinen Rücktritt zu erklären.

SPIEGEL ONLINE: Manfred Ewald war auch verantwortlich für das flächendeckende Doping in der DDR. Vor kurzem ist er vom Berliner Landgericht verurteilt worden. Empfinden Sie Befriedigung?

Meier-Koch: Überhaupt nicht, auch keine Häme. Allerdings hätten diese Prozesse schon vor fünf, sechs Jahren geführt werden sollen. Jetzt wird das in der Presse hochgebauscht von wegen "Signalwirkung" und "Abschreckung". Das kommt einfach viel zu spät.

SPIEGEL ONLINE: Viele Kritiker des Berliner Urteils empfanden die ausgesprochene Bewährungsstrafe für Ewald als zu milde?

Meier-Koch: Wer Schuld auf sich geladen hat, muss auch eine härtere Strafe bekommen. Aber um das auch noch einmal festzuhalten: Es wurde nicht nur in der DDR gedopt - das war und ist heute noch ein weltweites Problem.

SPIEGEL ONLINE: Wissen Sie von wem der Satz "Die 47,60 Sekunden zählen für mich nicht als Weltrekord" stammt?

Meier-Koch: Ich denke von Marie-José Pérec.

SPIEGEL ONLINE: Richtig. Dass war die Art und Weise, wie die französische 400-Meter-Olympiasiegerin Ihnen Doping-Missbrauch unterstellt hat. Heute wird Pérec von Wolfgang Meier, ihrem Ex-Trainer und heutigen Ehemann, gecoacht.

Meier-Koch: Marie-José hat mich natürlich auch gefragt, ob ich oder ob ich nicht? Ich habe ihr erklärt, dass ich nicht gedopt habe. Und vor einiger Zeit hat sie mir dann auch gesagt, dass sie mir glaubt. "Wenn ich auch zehn Jahre bei Deinem Mann trainiert hätte", hat Marie-José gesagt, "dann würde ich heute auch eine 47,05er Zeit laufen."

SPIEGEL ONLINE: Wie ist eigentlich diese Zusammenarbeit mit Marie-José Pérec entstanden?

Meier-Koch: Mein Mann und ich sind kurz nach der Wende zu einem befreundeten Journalisten nach Frankreich gefahren. Während dieses Aufenthalts haben wir Marie-José kennen gelernt, und mein Mann hat damals zu ihr gesagt: "Wenn Du mal Hilfe brauchst, dann melde Dich." Ende letzten Jahres hat sie dann angerufen.

SPIEGEL ONLINE: Waren sie überrascht?

Meier-Koch: Erst einmal natürlich. Aber Marie-José brauchte wirklich Hilfe, da sie vor zwei Jahren an einem Virus erkrankte und die Saison abbrechen musste. Und da erinnerte sie sich an das Angebot meines Mannes. Denn sie hatte sich in den Kopf gesetzt, auf jeden Fall in Sydney dabei zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Australien scheint ein gutes Pflaster für 400-Meter-Läufer zu sein: Ihren noch gültigen Weltrekord haben Sie 1985 beim Weltcup in Canberra aufgestellt. Fällt der diesmal?

Meier-Koch: Nein, das glaub' ich ganz sicher nicht, denn es gibt keine Läuferin, die in letzter Zeit konstant eine 48er Zeit gelaufen ist. Außerdem fand das Weltcup-Rennen in Canberra damals ganz am Ende der Saison statt. Dadurch hatte ich, vier fünf Wochen Zeit, mich intensiv auf diesen letzten Wettkampf des Jahres vorzubereiten, also wirklich optimale Bedingungen.

SPIEGEL ONLINE: Letzte Frage. Wird Marie-José Pérec in Sydney zum dritten Mal Gold gewinnen?

Meier-Koch: Überraschungen gibt es ja immer, aber Favoritin ist sie für mich nicht unbedingt. Dafür war auch Marie-Josés Trainingslager in Rostock zu kurz. Ich denke die Australierin Cathy Freeman wird nicht zu schlagen sein, nicht zuletzt auch wegen des Riesen-Heimvorteils.



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