Handball-Bundestrainer Heuberger: Der Unterschätzte

Aus Saragossa berichtet Christian Paul

Bundestrainer Heuberger: "Habe ich den Spielern alles gesagt?"Zur Großansicht
DPA

Bundestrainer Heuberger: "Habe ich den Spielern alles gesagt?"

Er wurde belächelt und kritisiert: Für Martin Heuberger ist der starke WM-Auftritt der Handballer trotz WM-Aus ein persönlicher Triumph. Akribisch arbeitet der detailversessene Bundestrainer am Aufschwung der DHB-Auswahl, ihn verkaufen kann er nicht. Da steht sich der Coach selbst im Weg.

Wenige Minuten, nachdem er die erneute Sensation verpasst hatte, war Martin Heuberger in seiner eigenen Welt gefangen. Bei der Pressekonferenz nach der Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Spanien saß der Bundestrainer der deutschen Handball-Nationalmannschaft lethargisch auf dem Podium, in sich versunken. Sein Mund bewegte sich, doch ein Ton kam nicht über seine Lippen. Heuberger haderte, er hatte verloren.

Niederlagen hinterlassen ihre Spuren bei Heuberger. Ein Handschlag mit dem gegnerischen Trainer wird zur Qual, die ungeliebten Pressekonferenzen auf Englisch nach dem Spiel sowieso. Holprig kommt Heubergers Analyse der Partie sprachlich daher, inhaltlich trifft sie immer den Kern. Die Fehlersuche geht bei ihm schnell, er fängt bei sich selbst an. Der 48-Jährige ist ein Grübler, einer, der den ganzen Tag über Handball nachdenken kann.

Während sich die Spieler vor einer Partie warm machen, sitzt er oft noch alleine in der Kabine. Geht Szenarien durch, sucht nach Lösungen. Und hinterfragt sich erneut. "Habe ich den Spielern alles gesagt? Müssen sie noch etwas wissen?"

Mit den Profis reden, sich und seine Entscheidungen erklären, das sind seine Stärken, das schätzt diese junge Mannschaft. "Ich bin ein kommunikativer Trainer. Manchmal vielleicht zu sehr", sagte Heuberger bei der WM in Spanien im Anschluss an eine Pressekonferenz. Der zweite Satz rutscht ihm einfach raus. So etwas wäre undenkbar bei einem erfahrenen Kollegen, wie beispielsweise Joachim Löw.


Doch vor den Kameras und den Mikrofonen ist Heuberger auf ungewohntem Terrain: Dort hilft ihm seine fachliche Kompetenz nur begrenzt, seine Erfolge als Juniorentrainer (Europameister 2004, 2006, Weltmeister 2009, 2011) sowieso nicht. Von denen hatte kaum einer Notiz genommen, auch nicht, als der langjährige Co-Trainer der A-Nationalmannschaft im Juli 2011 die Nachfolge seines ehemaligen Chefs Heiner Brand übernahm.

Heuberger hat sich seitdem noch nicht an das riesige Interesse an der DHB-Auswahl gewöhnt, den größten Unterschied zum Juniorenbereich, wie er sagt. Hier, in exponierter Stellung, muss er repräsentieren, verkaufen. Auch sich selbst. Besonders jetzt, wo die Nationalmannschaft nach schweren Zeiten gerade wieder ein wenig Auftrieb bekommt.

Sechs WM-Debütanten im Kader

Heuberger hat daran großen Anteil. In Spanien war eine neue deutsche Mannschaft auf dem Feld, Heubergers Mannschaft. Leistungsträger wie Uwe Gensheimer mussten verletzt passen, erfahrene Spieler wie Holger Glandorf sagten ab: Statt routinierte Nationalspieler nahm Heuberger sechs WM-Debütanten in den Kader. Er kennt sie alle aus der Jugend, auch die anderen sind ihm bestens vertraut. Das Elternhaus von Kapitän Oliver Roggisch im südbadischen Schutterwald liegt wenige hundert Meter von Heubergers Haus entfernt.

Beim TuS Schutterwald spielte Heuberger selbst Handball. Er ist Kreisläufer, dann Spielertrainer und danach Coach. 1996 war er der jüngste Trainer in der Bundesliga. Seine Vorliebe für schnellen, attraktiven Handball entstand in dieser Zeit. Bei der WM in Spanien überraschte die Nationalmannschaft die Konkurrenz durch ihr schnelles Umschalten aus einer sicheren Abwehr heraus. Am Ende der Vorrunde gelang gegen Frankreich der erste Sieg seit sechs Jahren.

Heuberger war danach selbst überrascht von seinem Team - und erleichtert. Der enorme Druck, die Spekulationen, auch um seine Zukunft und eine neue Führung im DHB, sind vorerst vorbei. Wenn Heuberger etwas entkrampft, ist sogar Zeit für einen Witz, einen ungelenken vielleicht, aber immerhin. Die Journalisten, die ihn nach persönlicher Genugtuung oder dem Ansehen in der Heimat fragen, versteht Heuberger immer noch nicht.

"Dschungelbuch" statt "Dschungelcamp"

Er will viel lieber über seine junge Mannschaft reden, die ihn "unglaublich stolz" mache. Darüber, wie viel Spaß es ihm bereite, mit ihnen zu arbeiten. Oder über Videoanalysen der kommenden Gegner, Spielsysteme und Gegenmaßnahmen. Heuberger ist ein Handball-Fanatiker, hat wenig Zeit für anderes. Als seine Spieler im Mannschaftshotel das RTL-"Dschungelcamp" schauen, spricht Heuberger hinterher gedankenverloren vom "Dschungelbuch". Für Fernsehsendungen hat er bei der WM wenig Zeit.

Fachlich habe er alles drauf, sagt jeder, der ihn kennt. Aber reicht das?

Während enger Spiele steht Heuberger fast die kompletten 60 Minuten lang an der Außenlinie, sein Körper zuckt scheinbar unkontrolliert, die Arme heben und senken sich im Takt. Schiedsrichterentscheidungen, und seien sie noch so unbedeutend, belegt er mit einem fragenden Blick, einem Schulterzucken.

Hektisch, fahrig, sagen seine Kritiker, sei er. Die Gefahr bestehe, seine Nervosität könne auf die Mannschaft abfärben. Heuberger weiß das und hat Besserung gelobt. Ruhe und Gelassenheit strahlt der Trainer selten aus. Auch in Spanien hält ihn das Adrenalin zu lange wach. Seine Schlafprobleme nach Handballspielen sind inzwischen fast bekannter als seine akribische Arbeit.

Nicht nur bei den intensiven Videositzungen zum nächsten Gegner fordert er seine Spieler auf, sich einzubringen. Heuberger will nicht dozieren, er will mündige Profis. "Handball ist ein Teamsport", sagt er. Abwehrboss Roggisch sagt, er habe selten einen solchen Teamgeist in der Nationalmannschaft erlebt.

Heuberger gefallen solche Sätze. Als er nach dem triumphalen Sieg gegen Frankreich gefragt wird, ob die WM nun auch in der öffentlichen Wahrnehmung als Erfolg angesehen werde, sagt er: "Ich muss das als Trainer beurteilen. Ich bin zufrieden." Was die Öffentlichkeit denke, sei ihm nicht so wichtig.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
insgesamt 12 Beiträge
Talan068 24.01.2013
Ehrlich gesagt habe ich Heuberger und die Mannschaft unächst auch milde belächelt, insbesondere nach dem Spiel gegen Tunesien. Aber was dann kam war klasse Handball, der auch noch schön anzuschauen war. Seine Aussendarstellung [...]
Ehrlich gesagt habe ich Heuberger und die Mannschaft unächst auch milde belächelt, insbesondere nach dem Spiel gegen Tunesien. Aber was dann kam war klasse Handball, der auch noch schön anzuschauen war. Seine Aussendarstellung ist vollkommen i.O., schön mal wieder einen zu sehen, der sagt was er denkt ohne seine Aussage vorher auf Konformität zu prüfen. Wenn er jetzt noch den Schritt schafft, von der jungen talentierten Mannschaft, zur echten Klasse-Mannschaft, dann steht er Heiner Brand in Nichts nach.
tosal 24.01.2013
... im Medien-Umgang macht den Heuberger gerade sympathisch, mir jedenfalls. Wer Entertainer will, soll Thomas Gottschalk zum Bundestrainer machen, dann kriegen die Medien jede Menge flotter Sprüche - und die Mannschaft guckt die [...]
... im Medien-Umgang macht den Heuberger gerade sympathisch, mir jedenfalls. Wer Entertainer will, soll Thomas Gottschalk zum Bundestrainer machen, dann kriegen die Medien jede Menge flotter Sprüche - und die Mannschaft guckt die Turniere halt am Fernseher. Wollen wir das?? Wenn Kompetenz und Eloquenz im Glücksfall mal zusammentreffen - Beispiel Klopp -, dann ist das schön, muss doch aber nicht gleich zum Standard erhoben werden, oder? Heiner Brand ist ja auch kein Rhetoriker vor dem Herrn, aber natürlich "der Typ mit dem Walross-Bart" ... Reicht so was, damit einen die Medien in Ruhe arbeiten lassen? Na dann: Lass wachsen, Heuberger :-)
vogelsberg 24.01.2013
Wenn die Jungs auf dem Teppich bleiben, kann das in Zukunft ein ganz großes Team werden. Da ja in den Spitzenklubs viele ausländische Führungsspieler vorhanden sind, können die jungen Spieler nicht immer alles zeigen. Ich hatte [...]
Wenn die Jungs auf dem Teppich bleiben, kann das in Zukunft ein ganz großes Team werden. Da ja in den Spitzenklubs viele ausländische Führungsspieler vorhanden sind, können die jungen Spieler nicht immer alles zeigen. Ich hatte den Eindruck, dass die erst während der WM gemerkt haben, was sie können, wenn sie eben ihre individuellen Möglichkeiten in die Mannschaft einbringen.
synoptra 24.01.2013
Ich hoffe sehr, dass man Heuberger die Chance lässt, diese junge Mannschaft weiterzuentwickeln! Und nicht an dieser Stelle des DHB Veränderungen vornimmt. Diese Mannschaft hat Potential, alle sollten ihr jetzt Zeit geben, sich in [...]
Ich hoffe sehr, dass man Heuberger die Chance lässt, diese junge Mannschaft weiterzuentwickeln! Und nicht an dieser Stelle des DHB Veränderungen vornimmt. Diese Mannschaft hat Potential, alle sollten ihr jetzt Zeit geben, sich in dieser Konstellation zu entwickeln.
muelklau 24.01.2013
das junge DHB-Team hat auch gestern abend eine Spitzenleistung mit dem Trainer geleistet. Heubergers Leistung darf man nicht unterschätzen. Spanien war am Rande einer Niederlage, schade das es nicht ganz gereicht hat. Weiter so! [...]
das junge DHB-Team hat auch gestern abend eine Spitzenleistung mit dem Trainer geleistet. Heubergers Leistung darf man nicht unterschätzen. Spanien war am Rande einer Niederlage, schade das es nicht ganz gereicht hat. Weiter so! Spielerisch hat man bereits zur Weltspitze aufgeschlossen, es fehlt manchmal noch die Cleverness.
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Sport
alles zum Thema Handball-WM 2013

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Donnerstag, 24.01.2013 – 11:48 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback
  • Kommentieren | 12 Kommentare

Hallenhandball-Weltmeister der Männer
Jahr Team
2013 Spanien (31:19 gegen Dänemark)
2011 Frankreich (37:35 n.V. gegen Dänemark)
2009 Frankreich (24:19 gegen Kroatien)
2007 Deutschland (29:24 gegen Polen)
2005 Spanien (40:34 gegen Kroatien)
2003 Kroatien (34:31 gegen Deutschland)
2001 Frankreich (28:25 n.V. gegen Schweden)
1999 Schweden (25:24 gegen Russland)
1997 Russland (23:21 gegen Schweden)
1995 Frankreich (23:19 gegen Kroatien)
1993 Russland (28:19 gegen Frankreich)
1990 Schweden (27:23 gegen die UdSSR)
1986 Jugoslawien (24:22 gegen Ungarn)
1982 UdSSR (30:27 n.V. gegen Jugoslawien)
1978 Deutschland (20:19 gegen die UdSSR)
1974 Rumänien (14:12 gegen die DDR)
1970 Rumänien (13:12 n.V. gegen die DDR)
1967 CSSR (14:11 gegen Dänemark)
1964 Rumänien (25:22 gegen Schweden)
1961 Rumänien (9:8 n.V. gegen die CSSR)
1958 Schweden (22:12 gegen die CSSR)
1954 Schweden (17:14 gegen Ges.-Deutschland)
DHB-Kader
Tor Silvio Heinevetter (Füchse Berlin), Carsten Lichtlein (TBV Lemgo)

Rückraum Mitte Michael Haaß (Frisch Auf Göppingen), Martin Strobel (TBV Lemgo)

Rückraum links Sven-Sören Christophersen (Füchse Berlin), Stefan Kneer (SC Magdeburg), Steffen Fäth (HSG Wetzlar)

Rückraum rechts Steffen Weinhold (SG Flensburg-Handewitt), Adrian Pfahl (VfL Gummersbach)

Linksaußen Dominik Klein (THW Kiel), Kevin Schmidt (HSG Wetzlar)

Rechtsaußen Patrick Groetzki (Rhein-Neckar Löwen), Tobias Reichmann (HSG Wetzlar)

Kreis Oliver Roggisch (Rhein-Neckar Löwen), Patrick Wiencek (THW Kiel), Christoph Theuerkauf (HBW Balingen-Weilstetten)





TOP



TOP