Maskes historischer Sieg Tiefschlag für hohe Ansprüche

Natürlich wird sein Sieg in die Geschichtsbücher eingehen, immerhin kam Henry Maske nach zehn Jahren Rentnerdasein gegen Virgil Hill erfolgreich zurück. Doch mit Boxsport hatte die Darbietung der beiden 43-Jährigen wenig zu tun. Dazu trugen auch die großzügigen Punktrichter bei.

Von , München


Die Szene erinnerte ein wenig an eine Oscar-Verleihung: Direkt nach seinem Punktsieg gegen Virgil Hill schnappte sich Henry Maske das RTL-Mikrofon und hielt eine rührende Dankesrede in der mit 12.000 Zuschauern ausverkauften Münchner Olympiahalle. Er bedankte sich bei seiner Frau für die Unterstützung, bei seinem Trainer, bei seinen Freunden, die immer an ihn geglaubt hätten - und natürlich auch artig bei seinen Sponsoren.

Die 12 Runden gegen den Mann, der Maske in dessen Abschiedskampf 1996 die einzige Niederlage beigebracht hatte, spülten dem "Gentleman-Boxer" immerhin geschätzte drei Millionen Euro in die Kasse. Während Maske in den Wochen vor dem Kampf der Öffentlichkeit nur das nötigste mitteilte, sprudelte es nach dem Sieg nur so aus ihm raus: "Die zehn Jahre Pause waren besser als zehn Jahre im Ring." Und: "Ich verspüre keine Genugtuung, dafür habe ich zu viel erlebt."

Doch der Sportler des Jahres 1993 vergaß die Erwähnung eines ganz wichtigen Partners in seiner Laudatio: RTL. Der Kölner TV-Sender ermöglichte die gigantische Börse - auch Hill bekam über 1,5 Millionen Euro - für einen Kampf, in dem es um keinen WM-Titel ging. Zudem ebnet RTL derzeit den Weg für eine neue Konsumentenkategorie: Showboxen. Denn die Ansprüche des Publikums scheinen nach dem peinlichen Comeback von Axel Schulz im November 2006, das ebenfalls perfekt von RTL inszeniert wurde, ziemlich weit unten zu liegen. Schon vor dem ersten Gongschlag war klar, dass den Fans kein sportlicher Leckerbissen serviert werden würde. Trotzdem saßen fast 16 Millionen Zuschauer vor den Fernsehern. TV-Komiker Stefan Raab machte es bei ProSieben mit seinen Klamauk-Kämpfen gegen Regina Halmich vor, die Marketing-Maschine von RTL hat die Nische "Showboxen" mittlerweile perfektioniert.

"Vielleicht in zehn Jahren"

Dabei ist die Fokussierung bei RTL wohl auch aus der Not geboren, dass die einstigen Sportzugpferde der Vergangenheit angehören: Michael Schumacher hat den Ferrari-Schlüssel abgegeben und Sven Hannawald rodelt lieber auf einem Wok durch eine Bobbahn, als noch einmal bei der Vierschanzentournee anzugreifen. Erschreckend ist zudem, mit wie wenig boxerischer Qualität sich das Publikum in der Halle bei Preisen von über 500 Euro für eine Eintrittskarte zufrieden gab. Wer eine Welle bei einem Kampf dieses Niveaus zelebriert, wie an diesem Abend in München geschehen, sollte sich für einen Titelfight im Schwergewicht besser vorsorglich einen Platz im Sauerstoffzelt reservieren.

Dabei soll Maskes Leistung - gemessen an seinen Möglichkeiten - keineswegs heruntergespielt werden. Der 43-Jährige wirkte erstaunlich fit und strafte die zahlreichen Kritiker Lügen, die eine schmerzhafte Niederlage prognostiziert hatten. Taktisch klug ließ er Hill die ersten Runden kommen, streckte ihm immer wieder seine rechte Führhand entgegen und hoffte drauf, dass der Amerikaner ab und an in seine Linke läuft. Große Teile des ersten Kampfdrittels erinnerten zudem an die zweite Geheimwaffe aus den glorreichen Maske-Tagen: einfach loslaufen, wenn der Gegner zu nahe kommt. "So habe ich immer geboxt", sagte Maske. Seinem Trainer gefiel es: "Der Kampf war ein Lehrbeispiel, wie man aus Boxen einen Kopfsport machen kann", so Manfred Wolke.

Mit dem Kopf gingen beide Boxer auch in der achten Runde voran. Die Folge war ein blutender Cut über dem Auge von Hill, der spätestens nach dieser Szene völlig den Faden verlor und den Kampf aus der Hand gab. "Ich habe einen Kopfstoß bekommen, aber das werde ich nicht als Ausrede missbrauchen. Das ist nicht mein Stil", erklärte der 43-jährige WBA-Weltmeister, der eine erschreckend schwache Vorstellung bot. Dennoch signalisierte Hill sein Interesse an einem erneuten Rematch. "Vielleicht in zehn Jahren", scherzte Maske, ehe er noch einmal ernst wurde: "Ich habe ein Versprechen gegeben, an das ich mich halte. Ich werde nicht mehr boxen."

Fleißige Punktrichter

Eine Ansage, die Boxkenner freuen und Stefan Raab ärgern dürfte. Denn über weite Teile war der Kampf so spektakulär wie eine polizeiliche Gegenüberstellung. Wirkungstreffer waren ebenso Mangelware wie Dynamik oder offene Schlagabtausche. Dass Maske daraus als klarer Sieger hervorging, war der einzige und zugleich fragwürdige Höhepunkt. Die Ringrichter sahen Maske zwar einstimmig vorn (117:110, 116:113, 117:110), doch sie bewerteten vor allem die ersten fünf Runden des "Gentlemans" deutlich positiver als nötig. Den Punktrichtern Böswilligkeit zu unterstellen würde zu weit gehen - vielleicht war es einfach die Grundstimmung des Abends. Es ging ja nicht um einen WM-Titel, sondern den verspäteten Abschied eines ehemaligen Weltmeisters.

"Manchmal war es nervig für die Zuschauer, aber immer filigran", sagte Maske nach dem Kampf. Zu diesem Zeitpunkt zerrte RTL bereits einen Prominenten nach dem anderen vor die Kamera, die das niedrige Niveau des Kampfes noch einmal unterkellerten: "Der Kampf war, oh Gott", entfuhr es Sarah Connor, die die Einlaufhymne gesungen hatte. Die CD ist übrigens "ab sofort im Handel erhältlich", verriet RTL auf den Videowürfeln. Und Schauspielerin Veronica Ferres, die Maske vor dem Kampf als eine der wenigen einen Sieg zutraute, fühlte sich bestätigt: "Ich freue mich für Henry. Die Kritik hat mich doch sehr aufgeregt."

Etwas entspannter sah es Show-Routinier Günther Jauch: "Ich würde Maske zum Aufhören raten." Dabei hatte Jauch ebenso wie die Millionen Zuschauer den spannendsten Kampf gar nicht mitbekommen. Dieser ereignete sich am Spätnachmittag im Münchner Stadtteil Moosach. Ganz ohne taktisches Geplänkel und große Vorreden flogen an der Tram-Station der Linie 20 die Fäuste, als eine etwa 43-jährige Frau einen Handtaschenräuber erfolgreich in die Flucht schlug.

Von dieser Entschlossenheit hätten sich sowohl Maske als auch Hill noch einiges abgucken können. Vielleicht hat ja zufällig jemand die Video-Kamera draufgehalten - und spielt das Material RTL "Explosiv" zu. Als Überbrückung bis zum nächsten Showkampf.



Forum - Maske-Comeback - titelreife Leistung?
insgesamt 75 Beiträge
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Landegaard 01.04.2007
1.
Zitat von sysopNach zehn Jahren stellte sich Henry Maske seinem einstigen Bezwinger Virgil Hill - und verließ diesmal als Sieger den Ring. Wie beurteilen Sie die Leistung des Gentleman-Boxers?
Das war ganz grosses Boxkino und Ringschach vom feinsten. Maske war entweder derart glücklich und gelöst, dass er anschließend mehr rumhüpfte, als während des Kampfes. Gratulation.
reaktion, 01.04.2007
2. Boxen, Auto, Sponsor, oleee!
Vorneweg: Ich persönlich hätte es Maske nicht zugetraut. Dass er diesen Kampf gewonnen hat ist eine große Leistung und spricht für sein können. Allerdings hätte ich ihm auch nicht zugetraut, dass der Mann, der sich als Gentleman bezeichnen lässt, noch einmal eine Lobeshymne auf seine Sponsoren hält. Vielleicht hätte man mal die Dezibellautsträrke messen sollen, nachdem er sich ausführlich bei allen großen Sponsoren bedankt hat. Anerkennung dafür, dass Maske gewonnen hat. Respekt dafür, dass er im Endorphinrausch geplappert hat worum es bei diesen Boxkampf auch ging. Schlicht und ergreifend auch um Kohle. Danke Maske und danke Hill.
Leah, 01.04.2007
3.
Zitat von sysopNach zehn Jahren stellte sich Henry Maske seinem einstigen Bezwinger Virgil Hill - und verließ diesmal als Sieger den Ring. Wie beurteilen Sie die Leistung des Gentleman-Boxers?
Es war ein technisch durchdachter, sehr konzentrierter Kampf den Henry Maske da bestritten hat. Er hat sich nicht von Virgil Hill einlullen lassen, sondern sein Ding durchgezogen,Henry hat den Gegner kommen lassen und reagierte auf seine Fehler mit wirklich guten Treffern. Für das Auge war es weniger spektakulär, weil es in dem Sinne kein Draufhauen war, Henry hat Gentlemanlike gekämpft und verdient gewonnen. Es war aber weniger ein Comeback ,sondern eher das Begleichen einer ´Rechnung bzw. eine Korrektur des Ergebnisses von vor über 10 Jahren. Ich denke nicht, daß er weiter macht,für ihn war nur genau dieser Sieg wichtig.
Resiak, 01.04.2007
4. Respekt ...
Nach zehn Jahren Wettkampfpause sicher eine Leistung die in der Form wohl kaum einer erwartet hatte, vielleicht nichteinmal Maske selber ... Am meisten überrascht war wohl Gegner Hill ... der hätte wohl mit einer derartigen Leistung nicht gerechnet. Fazit: Respektable Leistung aber genau der selbe langweilige Boxstil wie vor zehn Jahren. Den Satz des Kommentators "Da können sich sog. junge Boxer ein Beispiel nehmen" halte ich für übertrieben. Für einen Titel reicht das nicht mehr.
Tyr_ex, 01.04.2007
5. Geld stinkt nicht...
Die körperliche Leistung war wohl okay und wenn er es für den schnöden Mammon tat, kann ich es auch nachvollziehen. Sollte er aber tatsächlich wg. verletztem Stolz, Ehre oder ähnlichem Quark angetreten sein, so hat er wohl in seinen früheren Kämpfen schon zuviele Schläge an den Kopf bekommen. Dann ist es nur noch lächerlich. Aber Kohle für eine gute ärztliche Behandlung wird er nun ja haben. Viel Spaß noch, Henry!
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