Golf-Fans vor dem Masters in Augusta Glühende Anhänger

Vor dem US-Masters in Augusta diskutiert der Golfsport den Alkoholkonsum unter Zuschauern. Fans werden ausfällig, Spieler wehren sich. In Augusta gelten strenge Regeln - gibt es trotzdem weitere Pöbeleien?

Golf-Fans gehen neue Wege
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Golf-Fans gehen neue Wege


Sergio García konnte einfach nicht mehr weghören. Auch Justin Thomas hatte genug. Die Golfprofis riefen während eines Turniers der PGA-Tour das Sicherheitspersonal - die alkoholisierten Pöbler aus dem Zuschauerpulk wurden der Anlage verwiesen. Rory McIlroy platzte ebenfalls der Kragen, nachdem er den Namen seiner Frau gleich mehrmals aus der gesichtslosen Masse zugerufen bekommen hatte. "Ich denke, sie müssen den Verkauf von Alkohol einschränken", schimpfte die frühere Nummer eins. Das war im vergangenen Monat, da hatte das Thema Zuschauerverhalten endgültig die Weltspitze des Golfsports erreicht.

Profigolf und Promille - im Anlauf auf das erste Major des Jahres in dieser Woche durchzucken den Golfsport die Ausläufer einer Debatte, die in ihrem Kern so gar nicht zu dieser Sportart passt und vielleicht deswegen so schwierig zu entwirren ist.

Die Fans auf den Golfplätzen werden jünger. Sie werden lauter. Und nicht jeder kommt damit zurecht. Denn während andere Sportarten pöbelndes Publikum schon lange kennen, war die Erfahrung des Golfsports mit übermotiviertem Gegröle bis auf Beispiele aus dem Ryder Cup und die nimmermüden "Get in the Hole!"-Schreie nahezu nicht vorhanden. 2016 nannte der Bruder des englischen Masters-Siegers Danny Willett die US-Fans im Ryder Cup in seinem Blog unter anderem "Kretins ... fette, dumme Bastarde ohne Klasse". Der Shitstorm war groß. Doch es war ein Einzelfall.

Rory McIlroy
AFP

Rory McIlroy

Bis zu diesem Frühjahr blieb die Lage auf den Turnieranlagen trotz fehlender Beschränkungen für Zuschauer weitestgehend ruhig. Whiskey-Bars neben Golfplätzen sind nicht selten, Bier gibt es überall, vermehrt auch Cocktail-Stände. Mittlerweile gehört es immer häufiger dazu, dass auf Tribünen Fangesänge und Vorglühen Hand in Hand gehen - und auch schon mal aus dem Ruder laufen. Im Golfsport sind die Rahmenbedingungen für festliche Trunkenheit nahezu perfekt. Turniere ziehen sich über den ganzen Tag, auf der führenden amerikanischen PGA Tour ist das Wetter fast immer prächtig, die Stimmung auch. Nachschub gibt es überall - da führt nun schnell eins zum anderen.

"Ich finde, es wird jetzt zu viel", sagte McIlroy, der als Nordire und leidenschaftlicher Anhänger von Manchester United weiß, was Profis in anderen Sportarten ertragen müssen. "Wir sind eben nicht beim Fußball", sagt der viermalige Major-Sieger. "Es geht um Golf, da gibt es Werte und Etikette. Außerdem hört man in einem Stadion ja meist nicht, was auf den Rängen gebrüllt wird. Beim Golf kriegen wir alles mit."

Zuschauer auf Golfplätzen sehr nah dran

Auf Turnieren trennen dünne Schnüre beide Lager, also nichts, was nicht zu überwinden wäre. Und Anfassen ist sowieso möglich. All das in einem Umfeld, in dem es nicht um Kampf, Grätschen und Ausdauer geht, sondern millimetergenau abgestimmte Schwungbewegungen, die im Kopf beginnen und in denen Unkonzentriertheiten die Wettbewerbsfähigkeit kosten.

Während García "keine sonderlich freundlichen Dinge" hörte und einen Störer abführen ließ, etabliert sich McIlroy als Stimme des Protests. "Es häuft sich", sagt er. "Ich verstehe ja, dass die Leute ihren Spaß haben wollen. Aber wenn es persönlich wird, muss man einfach reagieren." Der US-Golfer James Hahn twitterte am Rande der World Golf Championship, es sei sein Fehler gewesen, "von den Fans nicht das Schlechteste erwartet zu haben" - löschte den Tweet aber wenig später.

Rory McIlroy beim Abschlag vor den nahen Zuschauern
AFP

Rory McIlroy beim Abschlag vor den nahen Zuschauern

Die Tour-Verantwortlichen wiegeln ab. Sie haben alle Parteien im Blick. Und der Spaß der Anhänger auf den Anlagen wirkt sich durchaus positiv auf die wirtschaftliche Bilanz aus. Jay Monahan, der Boss der PGA Tour, nennt die Stimmungsentwicklung den "Preis, wenn man neue Fans gewinnen will. Das müssen unsere Spieler einfach akzeptieren." In jedem Sport gebe es Auswärtsspiele.

Die betroffenen Spieler sehen das freilich anders. Auch wenn Tiger Woods, der seit Anbeginn der Karriere mit einer ansonsten unerreichten Bedrängung durch die Massen klarkommen muss, lediglich sagt: "Sie haben Spaß. Und wir hoffen, dass wir unsere Schläge hinbekommen. Solange sie nicht im Schwung brüllen, ist alles cool." McIlroy ließ die Tage verlauten, dass er glaube, dass Woods aufgrund des ganzen Boheis pro Runde einen halben Schlag einbüße, was der langjährige Dominator nie zugeben würde.

In den USA werden statt strikterer Alkoholregeln strengere Sicherheitsmaßnahmen gefordert. Wie das funktionieren könnte, wird das Masters in Augusta zeigen, das von diesem Donnerstag an die Major-Saison im Golf einläutet. Der Klub ist bekannt für seine Cocktails - und seine strikten Regeln.

Die Zuschauer heißen hier Patrons - was ihre Sonderstellung unterstreicht. Wer hier rennt, wird der Anlage verwiesen, wer telefoniert sowieso, von unsittlichen Rufen ganz zu schweigen. Sollte es dort in diesem Jahr dennoch zu Ausfällen kommen, wäre auch die Law-and-Order-Strategie diskreditiert - und der Golfsport hätte endgültig ein ausgewiesenes Pöbel-Problem.



insgesamt 4 Beiträge
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malcom1 04.04.2018
1. "Fans"
Für die Menschen, meist jüngere, ist alles nur Party,Party,Party. Der Sport oder die Sportart spielt keine Rolle. Striktes Alkoholverbot auch in unseren Stadien. Leider geht es anscheinend nicht anders.
gammoncrack 04.04.2018
2. Ich schaue selbst von Donnerstags bis Sonntags über TV
die großen Turniere an - und das seit Jahren. Es ist wirklich auffällig, wie sich das Publikum in den USA zu einem Proletenhaufen entwickelt hat. Natürlich nicht jeder, aber viel zu viele. An die üblichen "Get in the Hole-Rufe" bei einem Abschlag auf einem Par5-Loch hat man sich ja schon gewöhnt, außerhalb der USA ist das bei Turnieren immer noch die Ausnahme. Nicht unbedingt in Irland, da wird auch ordentlich getankt. Ich sage inzwischen immer zu meiner nicht golfinteressierten Frau: "Da siehst Du die, die auch Donald Trump gewählt haben. Dumm wie ein Knäckebrot." Hier geht es erkennbar nicht um einen Witz. Der wäre ausgelutscht. Hier wird erst einmal ordentlich getankt, um dann am nächsten Tag das Turnier noch einmal im Fernsehen zu sehen und die eigene Stimme am Abschlag X zu hören "Das war ich!". Schade um diesen tollen Turniersport. Wer dieses in toller Atmosphäre erleben will, sollte einmal eines der großen Turniere in Deutschland besuchen.
Fearless Golf 04.04.2018
3. Golf ist nicht einfach
Pöbeleien haben gerade im Golfsport nun gar nichts zu suchen. Da sollten die Verantwortlichen kurzen Prozess machen und diese "Kretins" raus schmeissen. Inclusive Platzverbot. Aber Herr Pfeiffer, wenn Sie keine Ausdauer und keinen Willen zum Kampf haben, dann fangen Sie das Golfspielen besser gar nicht erst an.
chrisberg 04.04.2018
4. Das Problem ist amerikanisch!
Das ist ein (fast) rein amerikanisches Problem. Golf ist hier eher Massensport als in Europa. Es gab schon vor Jahrzehnten schlimme Szenen, bspw. beim Rydercup. Da staksten die aufgetakelten amerikanischen Spielerfrauen nach dem vermeintlichen Siegput durch die Putlinie des europäischen Spielers (ich glaube Olazabal). Angefeuert von besoffenen Fans. Disqualifikation wäre durchaus angebracht gewesen. Aber Europa verzichtete wegen der „Etikette“ auf den offiziellen Protest.....
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