Athletensprecher Hartung und Kassner Haben Sie noch Lust auf Olympia?

Die Athletenvertreter Silke Kassner und Maximilian Hartung erzählen, warum die Empörung beim Videobeweis größer ist als bei Dopingfällen - und warum Fechten vor betrunkenen Zuschauern erstrebenswert ist.

Olympische Ringe in Pyeongchang
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Olympische Ringe in Pyeongchang

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Die olympischen Sportler in Deutschland wollen mehr Einfluss auf ihre Belange nehmen. Deshalb haben die Athletenvertreter auf ihrer Vollversammlung im vergangenen Oktober die Gründung des unabhängigen Vereins "Athleten Deutschland" beschlossen, um gegenüber dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) professioneller auftreten zu können.

An der Spitze des Vereins stehen der Fechter Maximilian Hartung und die ehemalige Kanutin Silke Kassner, die gleichzeitig auch der Athletenkommission des DOSB vorstehen. Interessenschwerpunkte sollen dabei in Zukunft die bessere Bezahlung von Sportlern, verbesserte Trainingsbedingungen und die langfristige Planung der Karriere nach dem Sport sein. Hartung und Kassner wollen in Sachen Vermarktung und Regeln auch von nicht olympischen Sportarten lernen - wie beispielsweise Darts.

SPIEGEL ONLINE: Frau Kassner, Herr Hartung, was muss der olympische Sport den von Veranstaltungen wie der Darts-WM lernen?

Hartung: Die machen das richtig gut. Wie versetzt man Sportarten, die lange auf staatliche Förderung angewiesen waren, in eine Lage, dass sie wirtschaftlich arbeiten und Konzepte entwickeln, um mit privaten Organisationen wie der Professional Darts Corporation oder den Red-Bull-Events konkurrieren können? Da kann man total viel lernen. Die Art, wie Sport geguckt wird, verändert sich. Da muss man sich anders präsentieren. Das ist sehr stark auf Geschichten, auf Charaktere fokussiert. Das machen wir im Fechten nicht gut genug.

Zur Person
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    Max Hartung, 28 Jahre alt, ist Säbelfechter und vierfacher Deutscher Meister. 2013 wurde Hartung zum Athletensprecher des Deutschen Fechter-Bunds gewählt. Seit September 2014 gehört Hartung der Athletenkommission des DOSB an, seit Februar 2017 ist er deren Vorsitzender. Außerdem ist er Aufsichtsratsmitglied der Stiftung "Deutsche Sporthilfe".

SPIEGEL ONLINE: Worum geht es denn genau? Soll es eine stärkere Konzentration auf Showelemente geben?

Hartung: Es erfordert Regeländerungen, es geht um andere Wettkampfformate, das erfordert aber auch eine Eventisierung. Es muss um Geschichten und Helden gehen, gerade in Kampfsportarten. Vor einem Boxkampf oder einem MMA-Kampf wird wochenlang erzählt, warum diese beiden Kämpfer so verfeindet sind. Bei uns im Fechten ficht man an einem Tag in einem K.-o.-System. Ob am Abend dein persönlicher Held noch dabei ist, ist völlig ungewiss. Außerdem gibt es bei Zehn-Minuten-Kämpfen keinen Spannungsbogen. Beim Darts ist es so, dass die Vorausscheidungen sehr kurz sind, dann werden die Spiele und der Zeitraum zwischen den Spielen länger. Man kann sich als Zuschauer ganz anders einstimmen. Michael van Gerwen oder Phil Taylor haben, auch in Deutschland, eine so große Bekanntheit, weil sie so gut präsentiert werden.

SPIEGEL ONLINE: Wollen Sie vor einer betrunkenen, kostümierten Zuschauermasse fechten?

Hartung: Ich hätte Spaß daran, vor vielen Zuschauern anzutreten. Es ist auch ok, wenn die betrunken sind. Das Schlimmste ist doch, ins Finale eines Wettkampfs zu kommen, wo keine Zuschauer sind.

SPIEGEL ONLINE: Wie wichtig ist das Feedback der Zuschauer?

Hartung: Da reichen auch kleine Dosen. Wenn mir hin und wieder ein Nachwuchsfechter schreibt, dass ich sein Vorbild bin, gibt mir das auch viel Energie für den Trainingsalltag. Sport muss Menschen bewegen.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Vermarktung der Sportarten als Aufgabe des von Ihnen gegründeten Vereins "Athleten Deutschland"?

Hartung: Das ist ein nachgelagertes Projekt. Wir müssen mit dem Verein erst mal ins Laufen kommen und uns nicht das Fliegen vor dem Laufen vornehmen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie angesichts der Negativschlagzeilen rund um Olympia noch Lust auf die Winterspiele in Pyeongchang?

Hartung: Ja, ich freue mich drauf. Auch, weil ich so viele Sportler persönlich kenne.

SPIEGEL ONLINE: An der Vorfreude hat auch der russische Dopingskandal nichts geändert?

Hartung: Ich schaue trotzdem noch gerne zu. Das Thema ist, mehr noch als vor zwei Jahren in Rio, ständig im Kopf. Wenn einige die Regeln brechen, kann das Spiel aber trotzdem noch Spaß machen.

Kassner: Wenn man selbst so lange dabei war, weiß man einfach, wie besonders die Spiele für Athleten trotz allem sind.

Zur Person
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    Silke Kassner, 41 Jahre alt, Kanutin. Sie ist seit 2010 Mitglied der Athletenkommission im DOSB und seit 2014 deren stellvertretende Vorsitzende. Kassner ist zudem seit 2001 Aktivenvertreterin für den Wildwasserrennsport im Deutschen Kanu-Verband.

Hartung: Es wäre auch falsch zu sagen, früher war alles besser. Die nationale Dopingagentur gibt es seit 15 Jahren, die Wada ist sogar noch jünger. Die berechtigte Empörung wegen der Verstöße bezieht sich auf ein Regelwerk, das relativ neu ist. Die kriminelle Energie in Russland war besonders, aber bei den Olympischen Spielen in den Siebziger-, Achtziger oder Neunzigerjahren wurde mindestens genauso viel gedopt.

SPIEGEL ONLINE: Bietet der Skandal in Russland trotzdem eine neue Dimension?

Kassner: Der Unterschied zur deutschen Perspektive ist, dass wir intensiv daran arbeiten, unsere DDR-Sportgeschichte aufzuarbeiten. In Russland ist es durch die Wende nie zu diesem Systemwechsel gekommen. Sportler und Trainer aus der DDR mussten sich anpassen, eine Veränderung der Doping-Policy ist in Russland daher nie geschehen. Als die Kontrollen und das Regelwerk weiterentwickelt wurden, mussten die Russen sich immer wieder überlegen wie das internationale Anti-Doping-Reglement und die Dopinganalytik hintergangen werden konnten. Das Resultat war, dass man in Sotschi einen Plan hatte und mit enormer krimineller Energie positive Urinproben gegen alte durch ein Mauseloch im Kontrolllabor getauscht hat.

SPIEGEL ONLINE: Ist in Russland nun ein Umdenken zu erkennen?

Kassner: Das Doping-Kontrolllabor in Moskau ist nach wie vor geschlossen. Dort sind immer noch Proben gelagert, zu denen weder die Welt-Antidopingagentur noch Richard McLaren in seinen Untersuchungen Zugriff hatten. Es gibt keine Kooperationsbereitschaft seitens der russischen Verantwortlichen, kein Umdenken - zumindest nicht auf der Ebene der Funktionäre. Das geht auch nicht von heute auf Morgen - ein kompletter kultureller Wandel ist notwendig.

Hartung: Ein Umdenken ist in einem Land schwer vorstellbar, in dem es keine Pressefreiheit gibt. Es ist von den Athleten viel verlangt, während der aktiven Karriere in diesem System selbstständig über den Tellerrand zu blicken und sich letztlich sogar in Gefahr zu bringen - wie die Beispiele der Whistleblower Julia Stepanowa und Grigori Rodschenkow zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie deshalb Verständnis für die Entscheidung, russische Athleten in Pyeongchang unter dem Begriff "Olympische Athleten aus Russland" starten zu lassen?

Hartung: Es ist schon wichtig zu sehen, ob es einzelne Athleten gab, die im Ausland trainiert haben und sich dem Regelwerk unterworfen haben. Aber es gab eben auch systematischen Betrug. Deshalb hätte man mit harten Strafen abschrecken müssen, damit andere Länder in Zukunft nicht manipulieren. Nachdem zunächst gesperrte russische Athleten jetzt ihre Medaillen zurückbekommen, wirkt der Ausschluss des russischen NOKs wie ein Taschenspielertrick. Die Sonderregel "Olympic Athletes of Russia" vermittelt dabei den Eindruck, als hätte die russische Mannschaft lediglich andere Trainingsanzüge vom IOC gestellt bekommen.

Kassner: Für die Zukunft ist die entscheidende Frage, wie unabhängig das weltweite Dopingkontrollsystem und die Wada arbeiten können - ohne Interessenkonflikte, vernünftigen Kontrollmechanismen und ohne politische Einflussnahme.

Hartung: Es ist auch wichtig, junge Menschen davor zu schützen, dass mit ihrem Körper experimentiert wird und es zu langfristigen Schäden kommen kann. Die Schutzrechte am Körper der Athleten sind viel wichtiger als der Wunsch, an Wettkämpfen teilnehmen zu wollen. Sport ist die schönste Nebensache der Welt, aber wenn Menschen dabei krank werden oder früher sterben, dann ist der Preis viel zu hoch.

SPIEGEL ONLINE: Warum hält sich die öffentliche Empörung in Sachen Doping mittlerweile in Grenzen?

Hartung: Anders als beispielsweise beim Missbrauchsskandal im amerikanischen Turnen, wo sich Außenstehende sehr gut vorstellen können, was da konkret passiert ist, fehlt dieses Verständnis beim Doping. Man kann sich nicht vorstellen, was ein Regelverstoß oder der Eingriff in die körperliche Unversehrtheit konkret bedeutet. Die Folgen und Schäden sind langfristig angelegt - und es ist nicht sichtbar. Im Fußball rasten die Leute beim Videobeweis, beim Wembley-Tor oder bei Maradonas "Hand Gottes". Wenn aber jemand auf dem Weg zum Tor gedopt eine Sekunde schneller laufen kann, wird der Zuschauer auch betrogen - nur weniger sichtbar. Die Empörung und die öffentliche Debatte sollten genauso groß sein.

SPIEGEL ONLINE: Welche Forderungen haben Sie im Anti-Dopingkampf?

Kassner: Es reicht uns nicht, wie die Wada finanziell ausgestattet ist. Unabhängige Arbeit ist ohne finanzielle Unabhängigkeit nicht möglich. Außerdem müssen die Dopinglabore und die nationalen Anti-Doping Agenturen mit ihrer Expertise in die Gremien der Wada integriert werden. Wir fordern eine stärkere Trennung von Sport und Politik. Wie soll der deutsche Bundesinnenminister, der hauptsächlich für die innere Sicherheit zuständig ist, den Anti-Dopingkampf zu seiner Priorität werden lassen? Es darf nicht mehr vorkommen, dass Positionen in der Sportorganisation und im Anti-Doping-Management miteinander verknüpft sind. Der Präsident der Wada darf nicht IOC-Mitglied sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das in Praxis aussehen?

Kassner: Der Sport braucht eine Drei-Gewaltenteilung. Regelgeber ist die Wada, Umsetzer der Kontrollen sind die Anti-Dopingagenturen in den Ländern und die Gerichtsbarkeit liegt national bei den Schiedsgerichten und international beim Cas.

SPIEGEL ONLINE: Passen konkrete Medaillenziele für Olympische Spiele überhaupt zum Anti-Dopingkampf?

Hartung: Ja. Wir hatten mal den US-Dopingjäger Travis Tygart zu Gast und der hat uns komisch angeschaut, als wir gefragt haben, ob Medaillenziele in Ordnung sind. Für ihn war es selbstverständlich, dass man gewinnen will. Man muss gleichzeitig ein System schaffen, das die Regeln kontrolliert. Wer Erfolg haben möchte, muss nicht automatisch ein Betrüger sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie sollten sich Sportler Gehör verschaffen?

Hartung: Das kann frustrierend sein. Man spürt als Athlet, dass etwas nicht stimmt und hat sogar die Energie für eine einzelne Protestaktion. Aber dann ist unklar, was für eine Veränderung man konkret vorschlagen soll. Wie sollte eine unabhängige Wada denn gestaltet sein? Es gibt keine hauptamtlichen Agenten, die die Sportler mit solchen Themen beauftragen können.

SPIEGEL ONLINE: Deshalb haben Sie den Verein "Athleten Deutschland" gegründet?

Hartung: Wir haben uns während und nach den Spielen in Rio machtlos gefühlt. Als sich der russische Dopingskandal immer mehr zugespitzt hat, hatten wir Athleten keinen Hebel. Wir haben deshalb auch festgestellt, dass wir als Athletensprecher unsere Arbeit besser, professioneller gestalten müssen. Wir benötigen Fachleute, die unabhängig von Sportverbänden den ganzen Tag für uns arbeiten.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen weg vom Ehrenamt, dabei kursiert eine Buedgetforderung von insgesamt 300.000 bis 400.000 Euro. Wie soll das finanziert werden?

Hartung: Durch die lange Regierungsbildung in Berlin sind wir etwas ausgebremst worden. Der Staat sollte sich unserer Meinung nach an der Finanzierung beteiligen, aber wir wollen auch mit privaten Partnern sprechen. Wir hatten gehofft gemeinsam mit dem DOSB Partner für unser Anliegen zu gewinnen, aber von dort wird uns keine Unterstützung signalisiert.

Kassner: Wichtig ist neben der professionellen Arbeit die Möglichkeit die umfangreichen und komplexen Themen im Leistungssport jahrelang betreuen zu können. Dafür benötigen die Athleten ein "institutionelles Gedächtnis".

insgesamt 19 Beiträge
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shardan 07.02.2018
1. Nicht wirklich.
Das Interesse an den Olympischen Spielen ist wie an anderen Großveranstaltungen bei mir jedenfalls gegen null gesunken. Den meisten Zuschauern geht es nur noch um "Party machen", mit Alk, besser mit viel Alk. Es geht nur noch um Show, Hauptsache irgendeinen der Sportler zerlegt's so richtig. Den Veranstaltern geht es nicht mehr um Sport, sondern um Einnahmen aus TV-Rechten und Merchandising. Der Wille zur profitablem Show geht sehr weit - vor Jahren war ein IOC-Funktionär zu vernehmen, der forderte, Doping zu legalisieren. Es müsse wieder neue Höchstleistungen geben... warum wohl? Olympischer Gedanke, war da mal was? Daran erinnern sich wohl weder Zuschauer noch Veranstalter.
microglobe 07.02.2018
2. Keinerlei Interesse
Schon seit Jahren nicht mehr. Jeglicher Sport (Fußball, Ski-Springen u.a.) sind zu reinen Werbeveranstaltungen verkommen. Man sieht vor Werbung die Spieler nicht. Wer spielt da? Gazprom gegen Telekom? Welche Mannschaften sind das? Nein danke, ich lese ein gutes Buch (ohne Werbung). Gruß, L.F.
grommeck 07.02.2018
3. Wenig bis Null Interesse....
Es geht nur um Kohle, der Rest ist egal. Sollen die geförderten Sportler, ihre Sponsoren und ihre Verbände unter sich aufteilen, was die Gebührenzahler aufbringen müssen.
heinrich.busch 07.02.2018
4. Auch on diesem Statement
Geht es um Vermarktung, d.h. Um Gewinn und damit um.Maximierung und damit um Profit. Ergo wird egal wie um des kleinen Vorteils Willen weiter manipuliert. Aus meiner Sicht sind die Amis und Chinesen den Russen in der Breite bei Weitem überlegen und den z.B. Deutschen Einzelkämpfern sowieso. Also einfach weg schauen bei diesen Events und gut ist es.
bloßmolwassage 07.02.2018
5. Ich kann
mich noch an Zeiten erinnern, in denen ich kaum erwarten konnte, bis das Feuer entzündet war. Heute schau ich mir dieses Doping-Festival nicht mal mehr an.
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