Doping-Report Urinproben mit Kaffeepulver

Die Anti-Doping-Kämpfer haben neue Erkenntnisse zum Staatsdoping in Russland vorgestellt. Sie sprechen von einer "institutionellen Verschwörung", orchestriert vom Sportministerium, unterstützt vom Geheimdienst.

Urin-Proben im Anti-Doping-Labor
AP

Urin-Proben im Anti-Doping-Labor


Mitte Juli hatte Richard McLaren den ersten Teil seines Reports vorgestellt, der selbst die schon recht abgehärtete Sportwelt erschütterte. Systematisches Staatsdoping hatte der kanadische Sonderermittler der Welt-Anti-Doping-Agentur nachgewiesen - "in allen Sportarten", wie er McLaren damals sagte.

Nun trat er in einem Londoner Hotel erneut vor die Presse, um den zweiten Teil seiner Ergebnisse zu präsentieren. 150 Seiten umfasst dieser zweite Teil des Berichts, zusätzlich wurden 1.166 Belege auf einer Webseite veröffentlicht.

McLaren sprach in London von "institutioneller Verschwörung", orchestriert vom russischen Sportministerium, unterstützt vom Inlandsgeheimdienst FSB. "Die Kernaussagen des ersten Berichts werden bestätigt", sagte McLaren. Dopingtests und Dopingproben wurden systematisch und zentralisiert gefälscht. Zwischen 2011 und 2015 wurden demnach mindestens 1000 russische Hochleistungssportler im olympischen und paralympischen Bereich diesem Dopingprogramm unterzogen.

In diese Zeit fallen die Sommerspiele 2012 in London, die Welt-Studentenspiele 2013 in Kazan, die Leichtathletik-WM 2013 in Moskau, die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi und rund 20 große internationale Meisterschaften in Russland.

Die Untersuchungen laufen weiter. So werden zum Beispiel Proben der Leichtathletik-WM nachgetestet. Die Umstände dieses und anderer Events in der Leichtathletik sind zudem Gegenstand kriminalistischer Ermittlungen in Frankreich. Funktionäre des in Monaco ansässigen Weltverbandes IAAF haben von russischen Dopern nachweislich große Geldsummen erpresst, um deren positive Tests verschwinden zu lassen.

Nachtests von Peking und London enttarnten mehr als 30 russische Doper

Während der Spiele 2012 in London wurde offiziell kein Russe erwischt. McLaren belegt nun, dass mindestens 78 Proben manipuliert worden sind, darunter die Tests von 15 Medaillengewinnern. Bei den vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) in diesem Jahr angeordneten Nachtests ausgewählter Dopingproben der Sommerspiele 2008 in Peking und 2012 in London sind bislang mehr als 30 russische Sportler als Doper enttarnt worden, darunter knapp 20 Medaillengewinner. Diese Zahl dürfte sich in Kürze erhöhen, daran ließ IOC-Medizindirektor Richard Budgett in dieser Woche kaum Zweifel. McLaren bestätigt dies und spricht von mindestens fünf weiteren russischen Medaillengewinnern der London-Spiele.

Die Sportwelt konzentriert sich jetzt vor allem auf die Ergebnisse der Sotschi-Untersuchungen. Russland belegte bei den Winterspielen und den Paralympics jeweils Rang eins in der Nationenwertung. Bei den Winterspielen gewannen die Russen 13 Gold-, elf Silber- und neun Bronzemedaillen, bei den Paralympics 30 goldene, 28 silberne und 22 bronzene.

Wie man spätestens jetzt weiß, wurde ein Großteil dieser Medaillen wohl nur durch systematisches Doping und einer kriminellen Manipulation der Dopingproben und des Kontrollsystems gewonnen. McLaren belegt in seinem Bericht ein Dutzend gedopte Medaillengewinner bei den Sotschi-Spielen im März 2014, die ein Prestigeprojekt des russischen Präsidenten Wladimir Putin waren und mehr als 50 Milliarden Dollar verschlangen. McLaren und sein Team hatte nur zu einem Bruchteil der Daten Zugang: "Obwohl das Bild jetzt klarer ist, ist es noch nicht komplett."

"Entscheidungen müssen andere daraus ableiten"

Für die Paralympics im März 2014 fanden McLarens Ermittler sechs gedopte Medaillengewinner, die insgesamt 21 Plaketten holten. Unter den zwölf Medaillengewinnern der Winterspiele, deren Urinproben auf verschiedene Art manipuliert wurden (ausgetauscht oder verunreinigt mit Salz oder Nescafé-Granulat) sind zwei Doppel-Olympiasieger.

Russland hatte in Sotschi fünf Sportler, die zwei Goldmedaillen gewannen: die Eiskunstläufer Tatjana Wolossoschar und Maxim Trankow (Paarlaufen und Team), der Snowboarder Vic Wild, Shorttracker Wiktor Ahn (gewann sogar drei Mal Gold) - sowie die Bobfahrer Alexander Subkow und Alexej Wojewoda (Zweier- und Viererbob).

Bobfahrer Subkow zählt zu Putins Lieblingssportlern und saß bei der Schlussfeier der Sotschi-Spiele neben Putin und IOC-Präsident Thomas Bach in der ersten Reihe. Inzwischen ist Subkow Präsident des russischen Bob- und Skeletonverbandes. Die Beichten des Kronzeugen Grigori Rodschenkow und die ersten Ermittlungsberichte der Welt-Anti-Doping-Agentur Wada und von MacLaren hat er gern als "Schwachsinn" bezeichnet.

McLaren, der sich seit Jahrzehnten intensiv mit der Dopingproblematik befasst und auch als Richter des Welt-Sportgerichtshofes Cas zahlreiche spektakuläre Fälle behandelt hat, vermied nahezu jegliche Wertungen. "Es war mein Job, die Fakten zu präsentieren. Andere müssen ihre Entscheidungen daraus ableiten", sagte McLaren.

Seine Untersuchungsergebnisse beruhen nicht nur auf den Aussagen des Kronzeugen Rodschenkow und anderer Whistleblower, sondern auf forensischen Untersuchungen und physischen Beweisen wie den manipulierten Dopingproben. Das Fazit: "Das Manipulationssystem funktionierte wie ein Schweizer Uhrwerk."

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