Medaillendürre Hör mal, liebe ARD!

Man selbst gibt sein Bestes. Und dann versaut einem der Medaillenwahn der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender die Lust am Olympia-Schauen.

Von Nicol Ljubic


Robert Bartko
REUTERS

Robert Bartko

Ernsthaft, ich rechne mir Chancen aus auf eine Goldmedaille: als bester Zuschauer. Und das, obwohl ich krank bin und mit einer Grippe entweder im Bett oder auf dem Sofa liege! Ich stelle mich nicht so an wie mancher Sportler, der wegen einer Erkältung nicht zu Höchstleistungen kommt. Ich fange um neun Uhr morgens an und schaue bis mittags, dann am Nachmittag noch mal die Höhepunkte und abends noch mal und dann wieder und wieder und wieder.

Ganz hart für mich als Zuschauer ist es, wenn ein deutscher Sportler eine Medaille holt. Dann sehe ich sein Rennen mindestens zehnmal am Tag, und abends sitzt er noch im Studio mit Medaille um den Hals und erzählt, dass es der schönste Moment seines Lebens war. Dann erscheint es mir, als müsste dieser Mensch (Robert Bartko, zwei Goldmedaillen im Bahnrad) für die Hoffnung einer ganzen Nation herhalten. Weil alle anderen so enttäuschen, besonders die Schwimmer. Aber die Nation hat keine Hoffnung. Das merke ich an mir.

Mir ist es ziemlich egal, ob ein Deutscher eine Medaille holt oder ein Australier. (Freuen würde ich mich über eine Medaille für Burkina Faso!) Im Gegenteil. Dieser deutsche Medaillenwahn vermiest mir die Lust am Zuschauen. Jeder deutsche Sportler, der ins Wasser steigt, zur Pistole greift, sich aufs Pferd setzt, ein Florett in die Hand nimmt, wird von den Fernsehkommentatoren zur Medaillenhoffnung hochgeredet, und selbst, wenn er oder sie auf der letzten Schwimmbahn mit Mühe um Platz acht kämpft, heißt es noch, auf der letzten Bahn könne viel passieren. Ich bin doch kein Depp! (Oder?) Ehrlich! Ich frage mich, was das soll. Das kann doch nur in Enttäuschung enden. Gerade sehe ich das Finale im 200-Meter-Freistil ohne Franziska van Almsick. Sie ist im Halbfinale schon ausgeschieden.

Experten sagen, das war klar. Aber mir, dem ahnungslosen Zuschauer, wurde vorgegaukelt, sie hätte Chancen auf eine Medaille, vielleicht sogar Gold... Liebes öffentlich-rechtliches Fernsehen, was soll das? Willst du mich vor den Bildschirm locken? Glaubst du, ich schaue mir das Rennen nur an, wenn Franzi mitschwimmt?

Liebes Fernsehen, ich bin eh krank, ich schaue mir alles an. Musste aber leider feststellen, dass du einiges, was mich interessiert, nicht zeigst. Zum Beispiel den Judo-Wettbewerb. Und siehe da, Anna-Maria Gradante holte die erste Bronzemedaille. Unerwartet! Endlich mal: Unerwartet! Und du, liebe ARD, hast dann ganz schnell hinübergeschaltet in die Judohalle und hast so getan, als wärst du live dabei. Dabei hatte ich den Kampf eine Stunde zuvor schon auf Eurosport gesehen.

Bist du etwa überfordert mit den vielen Sportlern, die keine Medaille holen, aber doch eine holen könnten? Und mit denen, die eine holen, aber keine holen könnten? Vergiss die Medaillen! Achte mehr auf die Schwimmanzüge der Frauen; manche sehen verdammt sexy aus... Denk daran, liebes Fernsehen, du musst mich bei Laune halten, sonst wird das nichts mit der Goldmedaille im Zuschauen.



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