Medaillengewinner Jens Boden "Wie in einem Tunnel"

Er kam aus dem nichts und hat die erste Medaille für das deutsche Team in Salt Lake City gewonnen. Nach seinem Coup über 5000 Meter konnte der Dresdner Eisschnellläufer Jens Boden sein Glück kaum fassen.


Jens Boden mit Bronzemedaille: "Unglaublich. Wahnsinn. Ein Traum"
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Jens Boden mit Bronzemedaille: "Unglaublich. Wahnsinn. Ein Traum"

Salt Lake City - Mit einem Traumlauf zu Bronze hat Nobody Jens Boden zum Auftakt der Eisschnelllaufwettbewerbe im Utah Olympic Oval für die erste Medaille für Deutschland in Salt Lake City gesorgt. Ein Coup, den der bislang nur Insidern bekannte Eisschnellläufer aus Dresden selbst kaum fassen konnte. "Unglaublich, es lief einfach. Wahnsinn. Ein Traum", sagte Boden auf der Suche nach dem passenden Superlativ für seinen dritten Platz über 5000 Meter mit deutscher Bestmarke (6:21,73 Minuten) hinter dem in Weltrekordzeit (6:14,66) gestoppten Niederländer Jochem Uytdehaage und Derek Parra (USA/6:17,98).

"Ich bin gelaufen wie in einem Tunnel", beschrieb Boden seinen Lauf anschließend. Der Sportsoldat, der bisher noch nie an einer Welt- oder Europameisterschaft teilnahm, hatte schon in der ersten Startgruppe frühzeitig eine Hausnummer vorgelegt, mit der er seine Bestzeit um sagenhafte 15 Sekunden drückte. Danach führte er fast zwei Stunden lang das Klassement an. "Ein Wahnsinn", war er fassungslos. Boden bescherte damit seinem Coach Klaus Ebert, der seit zwei Jahren auch Rekordweltmeisterin Gunda Niemann-Stirnemann betreut, die erste Olympia-Medaille nach 30 Jahren im Trainerjob.

Des einen Glück ist des anderen Leid


"Ich muss den Hut ziehen: Er war absolut cool, ist locker und ohne jeden Druck gelaufen. Einfach verkehrte Welt - eigentlich hatte ich die Medaille Frank Dittrich zugetraut", versuchte sich Ebert an einer Erklärung. Der 34-jährige Dittrich hatte in seinem siebten Olympia-Rennen auf Edelmetall gehofft und muss nun zum Abschluss seiner Karriere auf die letzte Chance über 10 000 m hoffen. "Ich brauche Jahre, diesen Frust zu verarbeiten. Jetzt bin ich für die 10.000 Meter verunsichert", gestand der sechsmalige WM-Dritte, dessen deutschen Rekord Boden um 3,97 Sekunden in neue Dimensionen rückte.

Bis kurz vor Mitternacht wurde der strahlende Medaillengewinner im Deutschen Haus mit Ovationen gefeiert und durfte sich zu später Stunde nicht nur sein angekündigtes Bierchen, sondern auch einen Schluck Schampus gönnen. "Mann, war das ein stressiger Tag", meinte der Held, den am Morgen noch kaum einer gekannt hatte. Am Abend hatte er dann bei der Zeremonie auf dem "Medals Plaza" vor Rührung mit den Tränen gekämpft: "Den Tag werde ich nie vergessen."

"Wir haben die halbe Nacht gefeiert"


Doch auch in Dresden freuten sich die Menschen mit dem Eisschnellläufer. Boden ist seit der Gründung der Eisschnelllaufabteilung in der Elbestadt (1970) der erste männliche Starter überhaupt, der es zu den olympischen Spielen geschafft hat. "Dass er dann gleich eine Medaille geholt hat, ist toll", freute sich die ehemalige Weltklasseläuferin Christa Luding. "Das ist für unsere Stadt besonders wichtig." Auch im sächsischen Pohrsdorf, wo Bodens Eltern leben, war die Hölle los. "Wir haben die halbe Nacht gefeiert. Nachdem feststand, dass Jens die Medaille hat, haben wir natürlich gleich eine Flasche Sekt geköpft, und um Mitternacht standen unsere Nachbarn ebenfalls mit Sekt vor der Tür", erzählte Vater Klaus Boden.



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