Mercedes-Krise: Schlechte Sieger, schlechte Verlierer

Von Jörg Schallenberg

Neues PR-Desaster für Mercedes: Erst die Spionageaffäre in der Formel 1, jetzt die Autoscooter-Affäre in der DTM. Im Umgang mit der Krise zeigt sich Motorsportchef Norbert Haug gewohnt unsouverän.

Nichts gegen Fernando Alonso. Klar, der amtierende Formel-1-Weltmeister geht sowohl auf der Piste als auch in der Boxengasse aggressiv gegen Konkurrenten vor, er sammelt belastendes Material gegen einen Rennstall, setzt diesen damit unter Druck und sorgt schließlich dafür, dass dem Team 100 Millionen Dollar flöten gehen. Das Gute daran: Alonso hat all das im eigenen Haus bei McLaren-Mercedes verbrochen.

Mercedes-Pilot Häkkinen, Sportchef Haug: Optimistischer Überholversuch
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Mercedes-Pilot Häkkinen, Sportchef Haug: Optimistischer Überholversuch

Mika Häkkinen und David la Rosa haben sich für ihre Attacken dagegen die unmittelbare DTM-Konkurrenz von Audi ausgesucht: Häkkinen hatte in der siebten Runde den führenden Audi-Piloten Martin Tomczyk von der Strecke gerammt. Kurze Zeit später war la Rosa DTM-Spitzenreiter Mattias Ekström ins Auto gefahren.

Damit bescherten die Piloten Mercedes eine Rekordstrafe bei den Tourenwagen und der Marke das nächste Image-Desaster. Nachdem die Audi-Fahrer das Rennen abgebrochen hatten, pfiffen mehr als 40.000 empörte Zuschauer in Barcelona die allein auf der Piste verbliebenen Wagen mit dem Stern aus. Wenn man es böse formuliert, kann man sagen: In der Formel 1 hat Mercedes bewiesen, wie man ein schlechter Gewinner sein kann, bei der DTM hat die Motorsportsparte des Konzerns gezeigt, wie schlechte Verlierer aussehen.

Erklären muss das rätselhafte Auftreten der eigentlich ungemein beliebten und auf der Piste sehr traditionsreichen Marke in beiden Rennserien derselbe: Mercedes-Sportchef Norbert Haug hat in diesen Tagen, abgesehen von Ron Dennis, den wohl undankbarsten Job im Rennsport, und er meistert ihn nicht besonders souverän.

Vor acht Tagen etwa erklärte der 54-Jährige in der "Bild am Sonntag" zur Spionageaffäre in der Formel 1: "Uns hat die Weltmotorsportbehörde bestraft, ein Gericht würde die Dinge nach unserer Einschätzung anders beurteilen." Wer nach einer solch mutigen Aussage die entsprechenden juristischen Schritte erwartet hatte, sah sich getäuscht. Am vergangenen Freitag gab McLaren-Mercedes bekannt, nicht gegen die Strafe des Weltverbandes Fia vorzugehen.

Gestern dann schaffte es Haug einmal mehr nicht, eigene Fehler einzugestehen. Die Rempeleien seiner Fahrer und den anschließenden Rennboykott der Konkurrenz kommentierte er schmallippig: "Man kann über die Kollisionen sicher diskutieren, aber die Entscheidung von Audi, in die Box zu fahren, verstehe ich nicht und finde sie auch absolut nicht okay." Die Attacke von Häkkinen gegen Audi-Pilot Martin Tomczyk interpretierte er noch eigenwilliger: "Mikas Überholversuch war optimistisch, doch die Kollision war vermeidbar, auch wenn ich Martin Tomczyk hierbei nicht kritisieren will."

Haugs Aussagen wirken ebenfalls etwas optimistisch. Oder unüberlegt. Und sie besitzen Tradition, wenn auch keine so altehrwürdige und ruhmreiche wie die Silberpfeile. Schon in den vergangenen Jahren wertete der einstige Motorsport-Journalist Haug alle Kritik an den pannenträchtigen Formel-1-Boliden oder sportlichen Misserfolgen gern als üble Nachrede der einstigen Kollegen in den Medien. Dabei sollte er es besser wissen.

Doch Selbstkritik scheint bei Mercedes nicht erwünscht zu sein, und möglicherweise ist die latente Abwehrhaltung gegenüber der Außenwelt ein Grund dafür, dass die Marke in dieser Saison mit bedrohlicher Ignoranz gegenüber Warnsignalen riskiert, nicht nur den Ruf, sondern die ganze Existenz der Motorsport-Sparte aufs Spiel zu setzen.

Im Verlauf der Formel-1-Spionageaffäre drohte McLaren-Mercedes ernsthaft der Ausschluss vom Rennbetrieb, was vermutlich gleichbedeutend mit dem Ende des Rennstalls gewesen wäre. Die DTM hingegen besteht ohnehin nur aus Teams von Mercedes und Audi, da es der potentielle Hauptkonkurrent BMW vorzieht, in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft an den Start zu gehen. Wenn Mercedes nun den einzigen Spielkameraden in der beim Publikum durchaus beliebten DTM derart provoziert, könnte das mittelfristig die gesamte Rennserie beschädigen. Im schlechtesten Falle stünde Mercedes am Ende alleine da.

Rätselhaft bleibt angesichts all der Vorfälle auf den und abseits der Rennstrecken, wie viel Berechnung und wie viel Hilflosigkeit dahintersteckt. Setzt man beim Mercedes und Partner McLaren tatsächlich darauf, Gegner mit allen Mitteln auszuspionieren und aus dem Weg zu räumen? Oder ist es eher so, dass man das eigene Personal überhaupt nicht mehr im Griff hat und darüber hinaus nicht in der Lage ist, Krisensituationen professionell zu managen, geschweige denn, in der Öffentlichkeit ein glaubwürdiges Bild abzugeben?

Vieles spricht zurzeit für die zweite Variante. Nicht, dass sie viel besser als die erste wäre.

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