Sexueller Missbrauch im Turnen Olympiasiegerin Maroney verklagt US-Verband

Über Jahrzehnte soll der Teamarzt der US-Turnerinnen Athletinnen missbraucht haben. Olympiasiegerin McKayla Maroney beschuldigt nun den Kunstturn-Verband, sie für ihr Schweigen bezahlt zu haben.

Maroney bei der Turn-WM 2013
AFP

Maroney bei der Turn-WM 2013


Die amerikanische Olympiasiegerin McKayla Maroney hat den nationalen Kunstturn-Verband USA Gymnastics und das US-Olympiakomitee USOC wegen des Missbrauchsskandals um den früheren Teamarzt Larry Nassar verklagt. Die 22-Jährige soll vor einem Jahr von USA Gymnastics eine hohe Geldsumme erhalten haben, damit sie über die Vorgänge um Nassar schweigt. Das "Wall Street Journal" berichtet von 1,25 Millionen Dollar, also umgerechnet etwa eine Million Euro.

"Sie wollten das ganze Thema systematisch unter den Teppich kehren", sagte Maroneys Anwalt John Manley dem TV-Sender ESPN. Seine Mandantin sei beim Abschluss der Vereinbarung traumatisiert gewesen, nachdem sie erfahren habe, dass Nassar angeblich Dutzende Turnerinnen missbraucht hatte. "Dieses Kind hatte keine Wahl", sagte Manley.

Nassar war von 1996 bis 2015 Teamarzt der US-Turnerinnen. Dem 54-Jährigen wird vorgeworfen, mehr als hundert Sportlerinnen belästigt oder missbraucht zu haben. Anfang des Monats war er wegen des Besitzes kinderpornografischen Materials zu 60 Jahren Haft verurteilt worden. Nassar hatte in dem Fall gestanden. Die Vorwürfe der zahlreichen Turnerinnen bestreitet er jedoch.

Trotz klarer Hinweise hatte der US-Verband Nassar erst 2015 entlassen - und fünf weitere Wochen gewartet, ehe er den Fall dem FBI meldete. US-Medien zitieren nun aus einer Erklärung des Verbandes über die Klage von Maroney. Darin heißt es: Man sei zwar enttäuscht über die Klage, "aber wir applaudieren McKayla und den anderen, die sich gegen den Missbrauch stark machen - die unbeschreiblichen Taten von Larry Nassar eingeschlossen". Der Schweige-Deal sei allerdings nicht vom Verband initiiert worden, sondern von McKaylas damaliger Anwältin Gloria Allred.

"Auf Stillschweigen trainiert"

Erst vor vier Wochen hatte die dreimalige Turn-Olympiasiegerin Gabrielle Douglas ihm ebenfalls Missbrauch vorgeworfen. Als Grund für ihr bisheriges Schweigen nannte sie dabei die Tatsache, dass sie zu einer Gruppe gehörte, die auf "Stillschweigen trainiert war".

Maroney hatte im Oktober bei Twitter unter dem Hashtag #MeToo berichtet, dass sie über viele Jahre von Nassar missbraucht worden sei. Er habe angefangen, sich an ihr zu vergehen, als sie 13 Jahre alt gewesen sei. Die Tortur sei erst beendet gewesen, als sie 2016 mit dem Sport aufgehört habe, so Maroney. Sie hatte bei den Olympischen Spielen 2012 in London Gold mit der Mannschaft und Silber im Sprung gewonnen; sie ist zudem dreifache WM-Siegerin.

aar/sid



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erichb. 23.12.2017
1. Doppelt unfassbar
Das eine ist Missbrauch in diesem Umfang selbst. Unfassbar, aber offensichtlich wahr - immer wieder neue Meldungen. Was in meinen Augen genauso unfassbar ist, ist das lange Schweigen der vielen betroffenen Frauen bzw. die Umstände, die flächendeckend nichts anderes als Schweigen zuließen. Die Frage stellt sich nach der Männlichkeit in der vergangenen, vielleicht auch noch heutigen Gesellschaft schlechthin. Man kann hier wohl nicht mehr allein von Einzelfällen im Sinne von Straftaten sprechen zumal hier lange Zeit dieser merkwürdige Konsens des Schweigens, den auch Frauen mittrugen, bestand. Es ist bedrückend, wie weit das Thema in der Geschichte der Menschheit zurückreicht und wie aktuell es noch immer ist. Ein Gesetz wie in Schweden, dass man als Mann vor dem Sex eine Einverständniserklärung der Partnerin einholen soll, kommt mir genauso konsequent wie lächerlich vor. Genderforschung gut und schön - vielleicht sollte man endlich einmal umfassend und fair mit Männlichkeitsforschung beginnen. Frauen sind anders, Männer auch, ok., aber es gibt einfach zu viele No-goes als dass man sie ignorieren bzw. als Einzeltäter betrachten könnte.
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