Mixed Martial Arts: "Ich überrolle meine Gegner"

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Boxen, Ringen, Karate - alles in einem. Die Mixed Martial Arts gelten als der brutalste Kampfsport, im deutschen Fernsehen ist ihre Ausstrahlung verboten. Kaum bemerkt wurde deshalb eine kleine Sensation: Erstmals kämpft eine Deutsche in den USA. Was treibt die 23-jährige Sheila Gaff an?

Tim Leidecker

Knie an Knie sitzen die zwölf Herausforderer auf dem Boden, nur mit großer Anstrengung können einige ihre verschwitzen Schultern aufrecht halten. Sie atmen schwer und versuchen, sich auf ihre nächste Aufgabe zu konzentrieren, die wohl härteste an diesem Abend: ein kurzer Kampf gegen sie, Sheila Gaff, zwölf gegen eine. Jeder von ihnen soll die kleine Frau mit dem schwarzen Pferdeschwanz auf die Matte werfen. Es ist wie bei einem Abschlussball, auf dem es nur eine Frau gibt. Geduldig lässt sich Gaff von allen auffordern, doch meist dauert der Tanz nur wenige Sekunden. Dann darf der Nächste sein Glück versuchen.

"Wehe, einer verletzt mir die Sheila!", ruft ein Mann vom Rand der Matte. Franco De Leonardis hat die Mütze tief in die Stirn gezogen, aufmerksam beobachtet er das Sparring im Aschaffenburger Kampfsportzentrum "Achilleas". Würde Gaff jetzt etwas zustoßen, wäre das eine Katastrophe. Für sie, für ihr Trainerteam - und die deutsche Kampfsportszene. Sheila Gaff ist die erste Mixed-Martial-Arts-Kämpferin (MMA) aus Deutschland, die es geschafft hat, zu einem Fight der US-amerikanischen UFC eingeladen zu werden, dem wichtigsten Ultimate-Fighting-Verband der Welt. Die Ehre ist groß, die Verantwortung noch größer.

Als sie die Nachricht erhielt, dass man sie mit einem Vertrag über vier Kämpfe ausstatten wolle, glaubte die 23-Jährige an einen Scherz. "Das war immer mein Traum, jeder Mixed-Martial-Arts-Kämpfer wünscht sich, einmal in der UFC antreten zu dürfen", sagt sie. Viel Zeit zum Nachdenken blieb ihr nicht, innerhalb eines knappen Vierteljahrs musste sie sich auf den ersten Fight am 27. April in Newark im US-Bundesstaat New Jersey vorbereiten.

Verbindung von mehreren Kampfkünsten

Etwa 20.000 Menschen werden dabei sein, wenn Gaff gegen die bisher ungeschlagene US-Amerikanerin Sara McMann ins Octagon steigt, so heißt achteckige Käfig, in dem die Fights stattfinden. In Deutschland sind selten mehr als 4000 Zuschauer bei einem Kampf. "In den USA sind die Mixed Martial Arts größer als Boxen oder Fußball, die besten Fighter bekommen dort für einen Kampf Prämien im sechsstelligen Bereich", sagt Gaff, "Millionen schauen sich die Kämpfe im Fernsehen an."

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MMA-Kämpferin Gaff: Der Taum vom großen Kampf
Deutschen Fernsehsendern ist die Übertragung von MMA-Events verboten, der frühere Sportkanal DSF hatte sich zwar einmal die Rechte gesichert, durfte die Bilder aber nie zeigen. Als zu brutal gilt der Vollkontaktsport, der Boxen, Jiu-Jitsu, Ringen, Judo, Karate, Kickboxen und Taekwondo verbindet. Der Gegner darf auch geschlagen und getreten werden, wenn er am Boden liegt. Die Knöchel der Athleten sind mit dünnen Handschuhen geschützt, doch ihre Finger sind frei, um im Kampf zugreifen zu können.

"Mein Sport sieht für jemanden, der ihn sich zum ersten Mal ansieht und noch keine Ahnung davon hat, vielleicht etwas brutal aus. Auch weil ab und zu schnell Blut fließt. Durch die Handschuhe kommt es zu Platzwunden, die aber heftiger aussehen, als sie sind. Mir selbst ist im Kampf noch nichts Schlimmes passiert", sagt Gaff.

Glaubt man den medizinischen Studien, die die MMA-Szene gern zitiert, ist der Sport weniger gefährlich als Boxen, selten komme es zu schweren Verletzungen. Vor allem die UFC betont stets, penibel auf die Gesundheit der Kämpfer zu achten. "Es wurden MRT-Aufnahmen meines Gehirns gemacht, meine Augen und mein Herz untersucht. Ich wurde auf HIV und Hepatitis getestet. Ich war noch nie so viel beim Arzt wie vor diesem Kampf", sagt Gaff.

Tatsächlich bestätigt ein Mediziner, dass die Mixed Martial Arts weniger gefährlich seien als häufig angenommen. Stefan Holthusen, Ringarzt der Klitschko-Brüder, sagt: "Wie im Boxen gibt es in dieser Sportart strenge Regeln und wachsame Kampfrichter." Die Verletzungen sähen zwar dramatisch aus, seien aber meist oberflächlich. "Die Sportler sind extrem gut trainiert, vor allem im Rumpfbereich. Ein normaler Mensch würde solche Schläge und Kniestöße nicht aushalten", sagt er. Zudem verteilten sich die Angriffe auf den gesamten Körper. "Die Langzeitschäden sind im Boxen, wo das meiste auf den Kopf geht, deshalb schwerwiegender", sagt Holthusen.

Suche nach Grenzerfahrungen

Dass Sheila Gaff gut einstecken kann, sieht man ihr an, sobald sie den Jogginganzug auszieht. Auf ihren Bizeps wäre manch Profischwimmer neidisch, ihre Waden sehen aus, als könnte sie damit locker über die Alpen strampeln. "Sheila ist eine Kämpferin durch und durch", sagt Trainer Franco De Leonardis. Er klingt stolz. Doch tritt die junge Frau von der Matte, ist sie schüchtern, fast mädchenhaft mit ihrem rosa Kapuzenpulli und den rotlackierten Fingernägeln.

Warum sie einen so harten Sport macht? "Weil er mich an meine Grenzen bringt. Er verlangt alles von mir, im Kampf mobilisiere ich Dinge aus meinem tiefsten Inneren", sagt sie. Sie war 15 Jahre, als sie mit Jiu-Jitsu anfing, ihr Trainer André Balschmiter, mit dem sie heute noch zusammenarbeitet, meldete sie bei ihrem ersten MMA-Kampf an. "Ich habe mich erst nicht getraut, meiner Gegnerin wehzutun. Bis ich gemerkt habe, dass ich diesen Schalter im Kopf umlegen kann", sagt sie. Von ihren 15 bisherigen Kämpfen hat sie vier verloren, ihr Kampfname ist "The German Tank", "Der deutsche Panzer". "Weil ich meine Gegnerinnen überrolle", sagt sie. In Deutschland gibt es keine Frau, die noch eine Herausforderung für sie wäre.

In der der US-amerikanischen UFC fängt Gaff wieder ganz von unten an. Gegen eine Kontrahentin wie Sara McMann hat sie noch nie gekämpft, die 32-Jährige war früher Ringerin, bei den Olympischen Sommerspielen in Athen gewann sie Silber. "Ich bin im Stand am besten, bei Schlägen und Tritten, den sogenannten Strikes", sagt Gaff. Bei ihren bisherigen Kämpfen hat sie versucht, die Gegnerinnen so schnell wie möglich durch harte und aggressive Treffer auszuschalten. Auch jetzt ist es ihre Taktik, so lange wie möglich zu vermeiden, von McMann auf den Boden geholt zu werden. Sonst wird es schwer.

Angst hat hat sie trotzdem nicht. "Dann könnte ich es gleich sein lassen", sagt sie.

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insgesamt 48 Beiträge
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1. Viel Erfolg an Sheila Gaff!
Richard.M 27.04.2013
...und danke an den Spiegel für einen erfreulich informierten, unaufgeregten Artikel über eine Kampfsportart, die bei aller Aggression viel Technik und Strategie bietet. Wer sich trotz der verbohrten Haltung der deutschen Medienbehörden den Kampf ansehen will: die UFC bietet ihren Streaming-Dienst unter www.ufc.tv für deutsche Kunden auch umsonst.
2. Sport?
gaiusbonus 27.04.2013
unterschichten Sport, vielleicht ... warum nicht gleich wieder das Gladius und Löwen ?
3. Women MMA
sanchezproductions 27.04.2013
Interessant, dass der erste halbwegs gut recherchierte und fast positive Spon/Spiegel-Artikel zum Thema MMA der über eine kämpfende Frau ist... Auf jeden Fall ist es schön zu sehen, dass man sich mittlerweile anscheinend um etwas mehr Neutralität bemüht.
4. Sport!
rufer-in-der-wüste 27.04.2013
Löwen sind durch den Tierschutz keine Partner
5. Unterschicht?
ifthetruthbeknown 27.04.2013
nicht weniger Unterschicht als Fußball... und bei MMA schaffen es noch viel weniger an die Spitze
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