Mixed Martial Arts "Wir gehen nicht wie Kampfhunde aufeinander los"

Mixed Martial Arts gelten in Deutschland als brutal und menschenverachtend. Der erfolgreichste deutsche Kämpfer, Nick Hein, erklärt, woher dieses Image kommt - und dass der Sport weniger gefährlich ist als sein eigentlicher Job.

Ein Interview von

Jakob Hoff

Im normalen Leben ist Nick Hein Polizist in Köln. Doch in seiner Freizeit ist der 30-Jährige einer der erfolgreichsten deutschen Kämpfer in den Mixed Martial Arts (MMA). Am 31. Mai betritt er in Berlin zum ersten Mal einen Kampfkäfig des US-Verbandes Ultimate Fighting Championship "UFC", sein Gegner ist der US-Amerikaner Drew Dober, 25 - ein gelernter Bäcker.

SPIEGEL ONLINE: Herr Hein, Sie sind einer der besten deutschen MMA-Kämpfer und arbeiten gleichzeitig als Polizist am Kölner Hauptbahnhof. Schon mal mit einem blauen Auge zum Dienst erschienen?

Hein: Ja, das kam schon vor. Einmal zog ich mir in einem Kampf zwei Cuts über den Augenbrauen zu. Als mich mein Chef sah, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen. Er hatte aber Verständnis, er ließ mich mit einer Brille mit dickem Rahmen auf Streife gehen.

SPIEGEL ONLINE: In Ländern wie Schweden oder Polen sind MMA-Kämpfer Stars. In Deutschland haben Sie und Ihre Kollegen einen miesen Ruf. Viele halten die Kämpfe für Prügelshows, Politiker sprechen von einem "gewaltverherrlichenden Schauspiel". Woran liegt das?

Hein: Die ersten großen Kämpfe in Deutschland gab es Mitte der Neunzigerjahre, leider wurden sie damals falsch beworben. Die Veranstalter dachten, sie könnten das Publikum locken, indem sie MMA als regelfreien Sport bewerben. Nach dem Motto: Alles ist erlaubt. Heute haben wir ein umfassendes Regelwerk, aber durch die Fehler der Vergangenheit entstand ein falsches Bild.

SPIEGEL ONLINE: Welches denn?

Hein: Manche halten uns noch immer für dumme Hinterhofschläger, die nichts im Kopf haben außer: Links-rechts-Kombination, Take Down und dann Kopf ab.

SPIEGEL ONLINE: Klären Sie uns auf. Wie ist denn der typische MMA-Kämpfer?

Hein: Den gibt es nicht. Es gibt ja auch keinen typischen Boxer oder typischen Formel-1-Fahrer. Ich kann nur für mich sprechen: Ich falle auf der Straße nicht über andere her, ich klaue keine Geldbörsen, und ich bin auch nicht schuld daran, dass unsere Jugend verroht. Die Klischees sind abgedroschen.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden kürzlich von der Ultimate Fighting Championship (UFC) unter Vertrag genommen, dem größten Veranstalter von MMA-Kämpfen weltweit. Wurden Sie verpflichtet, um das Image der Sportart aufzupolieren?

Hein: Ich habe seit 2010 zehn Kämpfe gewonnen und nur einmal verloren. Ich denke, meine Bilanz war der erste Grund. Aber es stimmt schon. Ich bin bei der Bundespolizei, bin Familienvater, nicht tätowiert und gehe regelmäßig in die Kirche. Ich schätze, das alles spielte bei meiner Verpflichtung auch eine Rolle.

SPIEGEL ONLINE: Früher bestritten Sie eine erfolgreiche Karriere als Judo-Kämpfer, Sie wurden Deutscher Meister und Junioren-Europameister. Warum wechselten Sie dann zum MMA?

Hein: Der Knackpunkt waren die Olympischen Spiele 2008 in Peking. Ich hätte mich bei einem Weltcup in Russland für Olympia qualifizieren können. Im entscheidenden Kampf führte ich bis zum Schluss, doch in der letzten Sekunde legte mich mein Gegner auf den Rücken. Ippon, Kampf vorbei, kein Olympia. In meiner Gewichtsklasse startete dann Ole Bischof in Peking.

SPIEGEL ONLINE: Der holte dort die Goldmedaille.

Hein: Ich erinnere mich genau. Ich war zu der Zeit in Japan im Urlaub und saß vor dem Fernseher, als Ole das Olympiafinale gewann. Ich dachte: Junge, da solltest jetzt eigentlich du stehen und jubeln. In dem Moment ging ein Feuer in mir aus.

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Mixed Martial Arts: Vom Judoka zum "UFC"-Fighter
SPIEGEL ONLINE: Sie waren jung, Sie hätten es vier Jahre später nochmals probieren können.

Hein: Ja, ich war auch weiterhin im Nationalkader, bekam Sportförderung. Ich konnte bei vollem Gehalt trainieren und mir wurde sogar ein Auto hingestellt. Aber es fährt eben immer nur ein Judoka pro Gewichtsklasse zu Olympia. Ich wusste: Eine solche Enttäuschung erträgst du kein zweites Mal. Also habe ich mit dem MMA-Training begonnen, und es wurde zu einer echten Alternative für mich.

SPIEGEL ONLINE: Was hielten Ihre Judo-Trainer davon?

Hein: Die haben das nicht mitbekommen. Ich hielt das MMA-Training geheim. Ich war ein vom Staat bezahlter Profisportler, meine Trainer hätten mir so etwas nie erlaubt.

SPIEGEL ONLINE: Sie führten ein Doppelleben?

Hein: Kann man so sagen. Vor meinem ersten MMA-Kampf erzählte ich dem Judo-Bundestrainer, dass ich zu einer Hochzeit nach Italien müsste. Ich konnte aber nicht ewig so weitermachen, 2010 hörte ich auf mit Judo.

SPIEGEL ONLINE: Was gab Ihnen das MMA, was Sie im Judo vermissten?

Hein: Ich war schon immer von dieser universellen Sportart fasziniert. Ein Kampf, in dem du jeden Stil anwenden darfst, ist die ehrlichste und reinste Form der Auseinandersetzung. Wer alles kann, jede Kampfkunst beherrscht, muss sich vor nichts mehr fürchten.

SPIEGEL ONLINE: MMA ist ein Zweikampf, bei dem oft Blut fließt und die Regeln ziemlich viel erlauben: Ellenbogen- und Kniestöße, Angriffe auf Gelenke, Würger und Würfe. Weil die Kämpfe als menschenverachtend gelten, dürfen sie seit 2010 nicht im Fernsehen gezeigt werden.

Hein: Wir kämpfen. Das ist mitunter auch hart. Aber wir gehen nicht wie Kampfhunde aufeinander los. MMA ist nicht fairer oder unfairer als andere Sportarten.

SPIEGEL ONLINE: Ist es fair, sich auf einen Gegner zu setzen, der schon am Boden liegt, um ihn dann mit Faust- und Ellenbogenhieben zu bearbeiten?

Hein: Im Rahmen eines MMA-Kampfes schon, ja. Wer gut trainiert ist, ist am Boden nicht wehrlos. Wenn du unten liegst und mit Schlägen zugedeckt wirst, kannst du den Kampf immer noch drehen. Ich lasse die Schläge manchmal absichtlich zu, das ist Teil der Taktik.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie manchmal Angst, nicht mehr heil aus dem Oktagon rauszukommen?

Hein: Nein, es gibt Schiedsrichter, Regeln, Ärzte. Das alles gibt es nicht, wenn ich zum Beispiel auf Streife bin. Als Polizist habe ich manchmal Angst um mein Leben, beim MMA nicht.

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insgesamt 61 Beiträge
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Seite 1
finger_weg 22.05.2014
1.
Was Hein sagt, stimmt. Wer gut trainiert ist, ist am Boden nicht wehrlos. Nur, wer nie Kampfsport gemacht hat, kann das nur schwer nahvollziehen.
M123 22.05.2014
2. optional
Für eine UFC Karriere ist er schon zu alt. Wenn man sieht, dass man max. 2 Kämpfe pro Jahr machen kann, dann ist er 32 - 33, bevor er wirklich oben angekommen ist. Also ich persönlich als MMA Fan freue mich, dass auch mal ein Deutscher dabei ist. Aber sehe da keine grosse Zukunft für Hein im UFC Octagon. Wie gesagt, zu alt...
Syrus 22.05.2014
3. Viel Erfolg!
Gutes, sachliches Interview. Ich werde den Kampf leider erst später sehen können. Viel Erfolg am 31. Mai!
g.s.hess 22.05.2014
4.
Freut mich mal etwas positives über MMA zu lesen. Alles im einzelnen ist ok aber gemischt ist es zu brutal ? Boxen ist ok, kickboxen ist ok, Ringen ist ok und BJJ auch. Nur kombinieren darf man es nicht? schon ein bischen lächerlich. jeder der Kampfsport macht weiss was er da macht und das er auch ein Risiko eingeht. das ist aber bei downhill bikern oder Fallschirm Springer auch nicht anders.
Raúl gonzales 22.05.2014
5.
Vieleicht sollte er zu der bayrischen Bereitschaftspolizei wechseln, da gibt es noch mehr von seiner Art
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