Sprinter Pistorius: Gegen die Wand

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Oscar Pistorius ist der Mega-Star unter den paralympischen Sportlern, gilt als Inspiration für Millionen behinderter Menschen. Die Ermittlungen wegen Mordverdachts beschädigen eine Karriere, in der es für den Leichtathleten trotz aller Widerstände nur nach oben ging.

Oscar Pistorius: Sportstar unter Mordverdacht Fotos
Getty Images

London, im August 2012: Im Olympiastadion steigen die Wettbewerbe in der Leichtathletik, die Königsdisziplin bei den 30. Sommerspielen. Die Zuschauer sehen beim Sport-Highlight des vergangenen Jahres zwei große Stars. Usain Bolt, den schnellsten Mann der Welt. Und Oscar Pistorius, den ersten Sportler in der Geschichte, der mit einer beidseitigen Beinamputation über die 400-Meter-Distanz bei den regulären Olympischen Spielen startet. Ob die beiden jemals wieder zusammen in einem Stadion laufen werden, ist seit dem 14. Februar 2013 ungewiss.

Die südafrikanische Polizei ermittelt gegen Pistorius wegen Mordverdachts. Der beinamputierte 26-Jährige soll seine Freundin in seinem Haus in Pretoria erschossen haben. Über den Vorfall sind bisher nur wenige Details bekannt. Noch rätseln die Ermittler: Vorsätzliche Tat? Oder schrecklicher Unfall? Für den Sportler Pistorius ist die Antwort darauf unerheblich, seine Karriere ist bereits jetzt erheblich beschädigt.

Sein Start über die 400-Meter-Distanz im Einzel und der Staffel in London war der vorläufige Höhepunkt in einer Karriere, die trotz großer Widerstände nur einen Weg kannte: nach oben. Pistorius war der Superstar der paralympischen Szene. Der Südafrikaner fehlte kaum einmal in einer Siegerliste, gewann Titel um Titel, war gefeierter Werbestar und wurde zur Inspiration für Menschen mit Handicap stilisiert. Pistorius' Erfolg war das Ergebnis seines enormen Ehrgeizes.

Schon früh der Schnellste

Trotz seiner schweren Behinderung - Pistorius fehlten bei seiner Geburt die Wadenbeine - sah sich der Südafrikaner schon als kleiner Junge nie im Nachteil gegenüber gesunden Kindern. Seine Eltern ließen ihm mit elf Monaten die Unterschenkel amputieren und Prothesen anfertigen, Pistorius hat auf ihnen das Laufen gelernt. Er war wie alle anderen - nur meist ein bisschen besser. "Mein Bruder zog sich morgens seine Schuhe an, ich eben meine Prothesen. Ich fand das nie komisch - und konnte ja auch viel schneller rennen als viele meiner Freunde", sagte Pistorius dem SPIEGEL.

Pistorius war es früh gewohnt, der Beste zu sein. Er spielte Rugby, Tennis, Wasserball, fuhr auf dem Motorrad und auf dem Mountainbike. Als er sich 2003 beim Rugby am Knie verletzte, begann er während der Reha mit dem Laufen. Und einmal mehr waren seine Leistungen außergewöhnlich. Nach zwei Monaten Training lief der damals 17-Jährige die 100 Meter in 11,51 Sekunden, nicht einmal ein Jahr später gewann er bei den Paralympics über 200 Meter Gold. Als erster Amputierter überhaupt blieb er dabei unter 22 Sekunden. Drei weitere paralympische Goldmedaillen folgten.

Bereits 2007 stellte er im SPIEGEL fest, dass es für ihn keine Konkurrenten mehr bei den Paralympics gebe. Sein Leben gleicht ohnehin nicht mehr jenen seiner Kollegen. Als einer der ganz wenigen behinderten Sportler lebt er als Vollprofi, verdient dank seiner Sponsoren Millionen. Seine Popularität strahlt ab. "Er ist das Beste, was unserem Sport passieren konnte", sagte Jan Bockweg, Sportdirektor des Weltverbandes für Rollstuhl- und Amputierten-Sport, der "Süddeutschen Zeitung" 2008.

Quälender Gutachterstreit um Prothesen

Pistorius war zu gut für alle anderen, weil er sich selbst nicht als behindert ansah, sondern als begnadet. Ausgestattet mit großem sportlichen Talent - und einem Körper, der ihn vielen überlegen machte. Eine Mensch-Maschine? Das sei er nicht, betonte Pistorius immer wieder. Sondern ein ganz normaler Athlet. Deshalb wollte er sich auch mit ganz normalen anderen Athleten messen - den besten der Welt, versteht sich.

Gerade volljährig geworden, fasste Pistorius den für sich logischen Entschluss: Er wollte bei den Olympischen Spielen teilnehmen. Der Leichtathletikverband IAAF hielt von dieser Idee allerdings wenig und änderte das Regelwerk dahingehend, dass Pistorius' Prothesen ein "unerlaubtes Hilfsmittel" seien. Ein Gutachterstreit vor dem Internationalen Sportgerichtshof Cas begann, im Olympiajahr 2008 erhielt Pistorius das Startrecht.

Für die Spiele in Peking reichte es dennoch nicht, Pistorius verpasste die Qualifikation. Verbissen trainierte er weiter, immer zusammen mit gesunden Sportlern, immer das große Ziel vor Augen. 2011 nahm er zum ersten Mal an den Weltmeisterschaften für nicht behinderte Sportler teil, wurde Vizeweltmeister in der Südafrika-Staffel und schaffte es ins Halbfinale über 400 Meter.

Jeder Veranstalter hatte ihn gern auf seiner Teilnehmerliste, Pistorius polarisierte unter Zuschauern und Sportlern, weil er eine Frage aufwarf: Ist es fair, wenn ein Athlet mit künstlichen, unverwüstlichen Carbon-Federn gegen solche mit Unterschenkeln aus Muskeln und Knochen läuft? Das Urteil des Cas war eindeutig: Pistorius' Vorteile würden durch seine Nachteile, etwa einem langsameren Start, ausgeglichen.

Entzaubert, ausgerechnet bei den Paralympics

2012 lief Pistorius in London mit der 4x400-Meter-Staffel auf den achten Platz, über 400 Meter schaffte er es ins Halbfinale. Sein historischer Auftritt wurde gefeiert wie Bolts Fabelrekord über 100 Meter im Jahr 2009. Pistorius war trotzdem enttäuscht: "Ich wusste nicht, ob ich lachen oder weinen sollte", sagte er nach den Wettkämpfen. Bei den Paralympics wenige Wochen später gewann er nur einmal Gold (400 Meter) und einmal Silber (200 Meter), musste sich unter anderem dem Brasilianer Alan Fonteles Cardoso Oliveira geschlagen geben. Ihm warf Pistorius kurz darauf "Technik-Doping" vor.

Es war das erste Mal, dass Pistorius auch in "seiner" Welt an Grenzen stieß - und damit ein Stück weit entzaubert wurde. Am Freitag nun soll Pistorius in Pretoria dem Haftrichter vorgeführt werden. Dann wird entschieden werden, ob es eine Mordanklage gibt. Am Freitag könnte die sportliche Karriere von Oscar Pistorius enden.

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insgesamt 9 Beiträge
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1. ........
janne2109 14.02.2013
wenn es ein Unfall war ist auch seine Karriere nicht beschädigt, in Südafrika hat jeder Angst vor Einbrecher und ist schnell mit der Waffe am Abzug.
2. Oh jee!
goetzki 14.02.2013
Wenn das mal nicht endet wie bei O.J. Simpson!
3. Meinung
amarildo 14.02.2013
Wenn es Mord ist dann ist seiene Karriere nicht beschaedigt, dann ist seine Karriere beendigt. Auch in Sued Afrika muss man sein girlfriend von einem Einbrecher unterscheiden koennen. DerArtikel schreibt nicht s ueber die Umbegung wo er wohnte . Da musst du andere Zeitungen lesen. Er lebt in einer bewachten und abgesicherten Gruppe von Haeusern. Die Einbrecher Erklaerung ist schon von der Polizei dort abgewiesen worden.
4. karriere
derivo 14.02.2013
Zitat von sysopOscar Pistorius ist der Mega-Star unter den paralympischen Sportlern, gilt als Inspiration für Millionen behinderter Menschen. Die Ermittlungen wegen Mordverdachts beschädigen eine Karriere, in der es für den Leichtathleten trotz aller Widerstände nur nach oben ging. Mord-Ermittlungen gegen Pistorius: Sportler nimmt Schaden - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/sport/sonst/mord-ermittlungen-gegen-pistorius-sportler-nimmt-schaden-a-883408.html)
entweder hat er seine freundin aus versehen erschossen. oder er hat sie ermordet. ich weiss nicht was schrecklicher ist, aber in beiden faellen ist die 'karriere' demgegenueber voellig unwichtig.
5.
mm71 14.02.2013
Zitat von janne2109wenn es ein Unfall war ist auch seine Karriere nicht beschädigt, in Südafrika hat jeder Angst vor Einbrecher und ist schnell mit der Waffe am Abzug.
Nun, spätestens seit heute dürfte jeder, der mal etwas später nach Hause kommt, nicht nur Angst vor Einbrechern haben...
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10,20 Jesse Owens (USA) 1936
10,00 Armin Hary (Deutschland) 1960
9,95 James Hines (USA) 1968
9,92 Carl Lewis (USA) 1988
9,86 Carl Lewis (USA) 1991
9,84 Donovan Bailey (Kanada) 1996
9,79 Maurice Greene (USA) 1999
9,77 Asafa Powell (Jamaika) 2005
9,74 Asafa Powell (Jamaika) 2007
9,72 Usain Bolt (Jamaika) 2008
9,69 Usain Bolt (Jamaika) 2008
9,58 Usain Bolt (Jamaika) 2009
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