Von Christian Paul
Auf der Zielgeraden war er sich sicher. Vor den Augen der Zuschauer auf der Haupttribüne in Kuala Lumpur setzte Valentino Rossi zu seinem berühmten Wheelie an. Nur auf dem Hinterrad raste der Italiener auf seiner Yamaha beim Großen Preis von Malaysia über die Linie. Sein dritter Platz reichte, er war zum insgesamt sechsten Mal Weltmeister der MotoGP. Die anschließende Fahrt in die Box wurde für den Motorradpiloten zu einem Mix aus lässigem Winken in die Menge, Glückwünschen der Kollegen und Mätzchen auf dem Motorrad.
Die Szene ist zwei Jahre alt. Rossi hat seit jenem 25. Oktober 2009 nur noch sechs Rennen gewonnen. Der frühere Serienweltmeister ist tief gestürzt. Und 2011 war der Aufprall besonders hart.
Der Italiener hat ein Horror-Jahr hinter sich. Sportlich gelang ihm nichts, Rossi schaffte keinen einzigen Sieg, stand nur in Le Mans auf dem Podium. Am 23. Oktober in Malaysia erlebte er auch einen privaten Schock. Beim Rennen in Sepang stürzte sein Kollege und Landsmann Marco Simoncelli in der zweiten Runde. Der Amerikaner Colin Edwards und Rossi konnten nicht mehr ausweichen, überfuhren den Italiener, der kurz darauf starb. "Er war für mich wie ein kleiner Bruder. Er wird mir sehr fehlen", twitterte Rossi.
Von früherer Dominanz weit entfernt
Es war der emotionale Tiefpunkt einer langen sportlichen Talfahrt, die im Sommer 2010 begann. Rossi, insgesamt neunfacher Weltmeister, unterschrieb bei Ducati. Ein Italiener auf einer italienischen Maschine, die heimischen Medien jubilierten. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Rossi bekommt die als störrisch verschriene Maschine, auf der bereits Piloten wie Nicky Haydn, Loris Capirossi und Marco Melandri gescheitert waren, einfach nicht in den Griff. Das größte Problem: Rossi hat kein Gefühl für die Maschine. Vor allem in Kurven ist das ein Problem, weil der 32-Jährige sein Motorrad dort viel vorsichtiger bewegen muss als die Konkurrenz. Und vorsichtiger heißt langsamer. Doch dabei allein bleibt es nicht.
Beim Grand Prix von Phillip Island (Australien) verlor er kurz nach einem Überholmanöver gegen Alvaro Bautista die Kontrolle über seine Maschine mit der Startnummer 46 - und stürzte. Beim Qualifying in Sepang klappte das Vorderrad in einer Kurve weg, bei eigentlich harmloser Schräglage. Rossi stürzte. Beim Großen Preis in Motegi (Japan) Anfang Oktober verletzte sich Rossi bei einem Sturz an der linken Hand. Der Perfektionist, dem seine Motorräder stets gehorchten, sitzt seltsam steif auf der rotlackierten Desmosedici. Seine Körperhaltung ist so aggressiv wie die eines Rentners in einem VW Golf. Für einen wie Rossi eine Qual.
Der Italiener beherrschte zwischen 2002 und 2010 die MotoGP und wurde sechsmal Weltmeister. In schlechten Jahren sprang immerhin noch ein dritter Rang heraus. Schon in der 2001 abgeschafften Vorgängerserie, der 500-Kubikzentimeter-Klasse, gewann er die WM. Rossi dominierte seinen Sport so, wie Michael Schumacher zwischen 2000 und 2004 die Formel 1, als der Deutsche fünf Titel in Serie holte.
Kritiker melden sich zu Wort
Jetzt steht Rossi, der Mann mit dem großen technischen Verständnis, rat- und hilflos vor der Ducati. Alle Verbesserungsversuche sind bisher gescheitert. "Ich kann nie so fahren wie ich will", stöhnt er. Auf Phillip Island, eigentlich eine gute Strecke für Ducati, hatte er 1,5 Sekunden Rückstand auf die Spitze. Das sind Welten in der MotoGP. Doch bei der Fehlersuche geht nichts voran.
"Ich würde es so erklären: Die Maschine hat Stärken und Schwächen, die nicht zu meinem Fahrstil passen. In den Bereichen, in denen ich immer stark war, ist die Ducati nicht so gut und umgekehrt", sagte Rossi dem italienischen Rundfunksender Rai. Aus dem Sonnyboy ist ein nachdenklicher, zweifelnder Mann geworden.
Längst sind es andere Piloten, die Spitzenzeiten und vor allem Titel unter sich ausmachen. Allen voran Casey Stoner (Honda). Der Australier ist aktueller Weltmeister, holte bereits 2007 die WM, pikanterweise auf der von Rossi so ungeliebten Ducati. Neben Stoner, Dani Pedrosa (Honda) und Jorge Lorenzo (Yamaha, Weltmeister 2010) sei künftig kein Platz mehr für Rossi, meint Mick Doohan. Der fünffache Weltmeister der 500-Kubikzentimeter-Klasse glaubt, Rossi sei inzwischen zu alt für die großen Triumphe. "Er hat eben gesagt, was er denkt. Doohan spricht oft über mich. Es ist irgendwie lustig", sagte Rossi bikesportnews.com.
Dass Rossi auf einen Kritiker wie Doohan derart eingeht, hätte es in seiner Zeit bei Honda und Yamaha nicht gegeben. Jahr für Jahr schaffte er es, auf seinen Maschinen konkurrenzlos zu sein. Rossi war unangreifbar. Es gab Rennen, in denen er sich einen Spaß daraus machte, seinen Konkurrenten einen Vorsprung zu lassen - bis er es für angebracht hielt, sie wieder ein- und schließlich zu überholen. Jetzt sagte er Rai: "Ich bin nicht mehr die unumstrittene Nummer eins, so wie ich das viele Jahre war. Ich habe jetzt starke Gegner. Wenn ich sie schlagen will, muss ich härter arbeiten als jemals zuvor."
Rossi hat genug Ehrgeiz, um seinen insgesamt zehnten Titel zu holen. Das Problem dürfte sein Motorrad bleiben. Viele Gelegenheiten zum Testen der 2012er Maschine hatte er noch nicht, die Verletzung am Finger verhinderte einige Probefahrten. Ein Wechsel zu einem anderen Team kommt trotzdem nicht in Frage. Seinen bis 2012 laufenden Vertrag will er erfüllen.
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