Motorradpilot Rossi: Der stürzende König

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Unfälle, Verletzungen und der Tod seines Landsmannes Marco Simoncelli: Es war eine Horror-Saison für Valentino Rossi, auch aus sportlicher Sicht. Der italienische Motorradpilot fährt auf seiner störrischen Ducati nur hinterher. Längst wird am Thron des früheren Seriensiegers gerüttelt.

Valentino Rossi: Der Doctor hat sein Lächeln verloren Fotos
Getty Images

Auf der Zielgeraden war er sich sicher. Vor den Augen der Zuschauer auf der Haupttribüne in Kuala Lumpur setzte Valentino Rossi zu seinem berühmten Wheelie an. Nur auf dem Hinterrad raste der Italiener auf seiner Yamaha beim Großen Preis von Malaysia über die Linie. Sein dritter Platz reichte, er war zum insgesamt sechsten Mal Weltmeister der MotoGP. Die anschließende Fahrt in die Box wurde für den Motorradpiloten zu einem Mix aus lässigem Winken in die Menge, Glückwünschen der Kollegen und Mätzchen auf dem Motorrad.

Die Szene ist zwei Jahre alt. Rossi hat seit jenem 25. Oktober 2009 nur noch sechs Rennen gewonnen. Der frühere Serienweltmeister ist tief gestürzt. Und 2011 war der Aufprall besonders hart.

Der Italiener hat ein Horror-Jahr hinter sich. Sportlich gelang ihm nichts, Rossi schaffte keinen einzigen Sieg, stand nur in Le Mans auf dem Podium. Am 23. Oktober in Malaysia erlebte er auch einen privaten Schock. Beim Rennen in Sepang stürzte sein Kollege und Landsmann Marco Simoncelli in der zweiten Runde. Der Amerikaner Colin Edwards und Rossi konnten nicht mehr ausweichen, überfuhren den Italiener, der kurz darauf starb. "Er war für mich wie ein kleiner Bruder. Er wird mir sehr fehlen", twitterte Rossi.

Von früherer Dominanz weit entfernt

Es war der emotionale Tiefpunkt einer langen sportlichen Talfahrt, die im Sommer 2010 begann. Rossi, insgesamt neunfacher Weltmeister, unterschrieb bei Ducati. Ein Italiener auf einer italienischen Maschine, die heimischen Medien jubilierten. Heute ist davon nichts mehr zu spüren. Rossi bekommt die als störrisch verschriene Maschine, auf der bereits Piloten wie Nicky Haydn, Loris Capirossi und Marco Melandri gescheitert waren, einfach nicht in den Griff. Das größte Problem: Rossi hat kein Gefühl für die Maschine. Vor allem in Kurven ist das ein Problem, weil der 32-Jährige sein Motorrad dort viel vorsichtiger bewegen muss als die Konkurrenz. Und vorsichtiger heißt langsamer. Doch dabei allein bleibt es nicht.

Beim Grand Prix von Phillip Island (Australien) verlor er kurz nach einem Überholmanöver gegen Alvaro Bautista die Kontrolle über seine Maschine mit der Startnummer 46 - und stürzte. Beim Qualifying in Sepang klappte das Vorderrad in einer Kurve weg, bei eigentlich harmloser Schräglage. Rossi stürzte. Beim Großen Preis in Motegi (Japan) Anfang Oktober verletzte sich Rossi bei einem Sturz an der linken Hand. Der Perfektionist, dem seine Motorräder stets gehorchten, sitzt seltsam steif auf der rotlackierten Desmosedici. Seine Körperhaltung ist so aggressiv wie die eines Rentners in einem VW Golf. Für einen wie Rossi eine Qual.

Der Italiener beherrschte zwischen 2002 und 2010 die MotoGP und wurde sechsmal Weltmeister. In schlechten Jahren sprang immerhin noch ein dritter Rang heraus. Schon in der 2001 abgeschafften Vorgängerserie, der 500-Kubikzentimeter-Klasse, gewann er die WM. Rossi dominierte seinen Sport so, wie Michael Schumacher zwischen 2000 und 2004 die Formel 1, als der Deutsche fünf Titel in Serie holte.

Kritiker melden sich zu Wort

Jetzt steht Rossi, der Mann mit dem großen technischen Verständnis, rat- und hilflos vor der Ducati. Alle Verbesserungsversuche sind bisher gescheitert. "Ich kann nie so fahren wie ich will", stöhnt er. Auf Phillip Island, eigentlich eine gute Strecke für Ducati, hatte er 1,5 Sekunden Rückstand auf die Spitze. Das sind Welten in der MotoGP. Doch bei der Fehlersuche geht nichts voran.

"Ich würde es so erklären: Die Maschine hat Stärken und Schwächen, die nicht zu meinem Fahrstil passen. In den Bereichen, in denen ich immer stark war, ist die Ducati nicht so gut und umgekehrt", sagte Rossi dem italienischen Rundfunksender Rai. Aus dem Sonnyboy ist ein nachdenklicher, zweifelnder Mann geworden.

Längst sind es andere Piloten, die Spitzenzeiten und vor allem Titel unter sich ausmachen. Allen voran Casey Stoner (Honda). Der Australier ist aktueller Weltmeister, holte bereits 2007 die WM, pikanterweise auf der von Rossi so ungeliebten Ducati. Neben Stoner, Dani Pedrosa (Honda) und Jorge Lorenzo (Yamaha, Weltmeister 2010) sei künftig kein Platz mehr für Rossi, meint Mick Doohan. Der fünffache Weltmeister der 500-Kubikzentimeter-Klasse glaubt, Rossi sei inzwischen zu alt für die großen Triumphe. "Er hat eben gesagt, was er denkt. Doohan spricht oft über mich. Es ist irgendwie lustig", sagte Rossi bikesportnews.com.

Dass Rossi auf einen Kritiker wie Doohan derart eingeht, hätte es in seiner Zeit bei Honda und Yamaha nicht gegeben. Jahr für Jahr schaffte er es, auf seinen Maschinen konkurrenzlos zu sein. Rossi war unangreifbar. Es gab Rennen, in denen er sich einen Spaß daraus machte, seinen Konkurrenten einen Vorsprung zu lassen - bis er es für angebracht hielt, sie wieder ein- und schließlich zu überholen. Jetzt sagte er Rai: "Ich bin nicht mehr die unumstrittene Nummer eins, so wie ich das viele Jahre war. Ich habe jetzt starke Gegner. Wenn ich sie schlagen will, muss ich härter arbeiten als jemals zuvor."

Rossi hat genug Ehrgeiz, um seinen insgesamt zehnten Titel zu holen. Das Problem dürfte sein Motorrad bleiben. Viele Gelegenheiten zum Testen der 2012er Maschine hatte er noch nicht, die Verletzung am Finger verhinderte einige Probefahrten. Ein Wechsel zu einem anderen Team kommt trotzdem nicht in Frage. Seinen bis 2012 laufenden Vertrag will er erfüllen.

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insgesamt 22 Beiträge
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1. Deja-vu?
fat_abbot@web.de 07.11.2011
Das erinnert doch stark an Schumi...zu spät nochmal mit großen Erwartungen die "goldene" Verbindung gesucht...Schumi und Mercedes, das will nicht klappen, Rossi auf der Duc wohl auch nicht :/ Schade eigentlich...
2. Italo-Fahrwerke sind zwar einzigartig ...
shovelbolle 07.11.2011
... aber bieten nun mal nicht die vielfältigen Einstellungsmöglichkeiten der Konkurenz aus Fernost. Der Fahrer muss sich dem italienischem Fahrwerk anpassen. Punkt. Der Vergleich mit Casey Stoner hinkt da es sich um ein komplett anderes Bike handelte. Ein anderes Problem ist nunmal auch die Arrognaz der italienischen Ingenieure: " Du bist zu ungeschickt und unser Fahrwerk ist gut" Diese Dumpfbacken aus Bologna können sich gar nicht vorstellen daß eine Computeranimation auch falsche Ergebnisse bringen kann lol. Wie war das M.Melandri (einst Werksfahrer bei Duc): "Du bist zu dumm. Geh`zu einem Psychologen" Das sagt doch alles ...
3. ...
hermes69 07.11.2011
Er hat jetzt 1 !!!! Saison hinter sich die nicht besonders gut lief. Von hinterher fahren würde ich aber ganz sicher nicht sprechen. Er hatte auch enorm viel Pech diese Saison. Das letzte Rennen am Wochenende war absolut bezeichnend dafür. Der Junge wird nä. Jahr wieder angreifen, da gehe ich jede Wette ein. Die 1000er Duc scheint ein enormes Potential zu haben. Und verlernt hat der Doctor das fahren sicher nicht. Man muss eben auch die Leistungen der anderen anerkennen. Stoner fuhr dieses Jahr in einer anderen Liga. Ich denke nicht das Rossi so endet wie Capirossi (vor dem ich auch meinen Hut ziehen möchte), und 3,4 Jahre hinterher fährt. Nä. Saison wird richtungsweisend sein für ihn. Aber weg vom Fenster ist der Junge noch lange nicht. Dafür hat er zuviel Ehrgeiz und Potential.
4. die Aussichten sind schlecht ...
klausm0762 07.11.2011
mit Honda und Yamaha hat er's verdorben und die Plätze sind eh alle besetzt. Die Fahrwerksprobleme der Ducati sind altbekannt und unverändert, also wird's nächstes Jahr auch nicht viel besser, und mit jedem Sturz wird er körperlich zerschlagener, im wahrsten Sinne des Wortes. Früher ist er fast nie gestürzt ... die Zukunft sieht also eher bescheiden aus für ihn.
5. Titel abwärts
ratxi 07.11.2011
Zitat von sysopUnfälle,*Verletzungen und der Tod seines Landsmannes Marco Simoncelli: Es war eine Horror-Saison für Valentino Rossi, auch aus*sportlicher Sicht. Der italienische Motorradpilot fährt auf seiner*störrischen*Ducati*nur hinterher. Längst wird am*Thron des früheren Seriensiegers gerüttelt. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,795748,00.html
Wenn man ganz ganz oben ist, muss es zwangsläufig auch mal abwärts gehen. Daran ist nichts Schleches.
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Jahr Moto3* Moto2** MotoGP***
2013 M. Viñales P. Espargaró M. Márquez
2012 S. Cortese M. Márquez J. Lorenzo
2011 N. Terol S. Bradl C. Stoner
2010 M. Márquez T. Elías J. Lorenzo
2009 J. Simón H. Aoyama V. Rossi
2008 M. Di Meglio M. Simoncelli V.Rossi
2007 G. Talmásci J. Lorenzo C. Stoner
2006 Á. Bautista J. Lorenzo N. Hayden
2005 T. Lüthi D. Pedrosa V. Rossi
2004 A. Dovizioso D. Pedrosa V. Rossi
2003 D. Pedrosa M. Poggiali V. Rossi
2002 A. Vincent M. Melandri V. Rossi
2001 M. Poggiali D. Kato V. Rossi
2000 R. Locatelli O. Jacque K. Roberts Jr.
*bis 2012: 125 ccm, seit 2012: Moto3
**bis 2009: 250ccm-Klasse, seit 2010: Moto2
***bis 2001: 500ccm-Klasse, seit 2002: MotoGP

Deutsche Straßen-Motorrad-Weltmeister
Jahr Fahrer (Klasse)
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2011 Stefan Bradl (Moto2)
1993 Dirk Raudies (125 ccm)
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1982 Toni Mang (350 ccm)
1981 Toni Mang (250 und 350 ccm)
1980 Toni Mang (250 ccm)
1973 Dieter Braun (250 ccm)
1970 Dieter Braun (125 ccm)
1968 Hans Georg Anscheidt (50 ccm)
1967 Hans Georg Anscheidt (50 ccm)
1966 Hans Georg Anscheidt (50 ccm)
1962 Ernst Degner (50 ccm)
1955 Hermann Paul Müller (250 ccm)
1954 Werner Haas (250 ccm)
1953 Werner Haas (125 und 250 ccm)