Winterspiele 2022 Alle Wege führen nach München

Will denn keiner die Winterspiele 2022 ausrichten? Nach dem negativen Bürgerentscheid im schweizerischen Graubünden hat München beste Chancen, Gastgeber der Olympischen Spiele zu werden. Dafür soll es Bürgerentscheide in der Landeshauptstadt und möglichen Partnergemeinden geben.

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Olympia-Flagge auf dem Marienplatz: Weg frei für München
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Olympia-Flagge auf dem Marienplatz: Weg frei für München


Man stelle sich vor, es gibt Olympische Spiele - aber keiner will sie haben. Genau dieses Szenario spielt sich gerade im Zusammenhang mit den Olympischen Winterspielen 2022 ab. Das Interesse an der finanziell riskanten Austragung der Spiele ist so gering wie seit mehr als vier Jahrzehnten nicht.

Für die Winterspiele 2022 gibt es acht Monate vor Bewerbungsschluss keinen offiziellen Interessenten, nachdem die Bürger des Schweizer Kantons Graubünden am Sonntag in spektakulärer Weise die Olympiapläne der Regierung beerdigt haben: Mit der einfachen Mehrheit von 52,66 Prozent der Stimmen entschieden sich die Graubündner dagegen. Für die Sommerspiele 2020 sind gerade noch drei Kandidaten im Spiel (Tokio, Madrid, Istanbul), die derzeit von einer Prüfungskommission des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) besucht werden.

Nach dem Aus der Schweizer Olympia-Offerte 2022 stellt sich drängender denn je die Frage, warum der deutsche Sport, warum Bayerns Politiker eine neuerliche Bewerbung von München und seinen Partnergemeinden scheuen? Während der Bewerbung um die Winterspiele 2018, als München die IOC-Abstimmung gegen das südkoreanische Pyeongchang verlor, hatten die Bosse der Bewerbung stets von einem langen Atem geredet und argumentiert, das Projekt München sei einzigartig und unvergleichlich nachhaltig angelegt.

Den Bürgerentscheid in Garmisch-Partenkirchen konnte man im Mai 2011 knapp gewinnen. Seither hat eine Initiative, der auch hochrangige Wirtschaftsbosse angehören, mehrere Treffen abgehalten und Gedanken für die Winterspiele 2022 entwickelt: Kernpunkte sind die Einbeziehung der Biathlon-Hochburg Ruhpolding sowie Bürgerentscheide in allen betroffenen Regionen.

Bach und Ude haben andere Pläne

Doch die Führung des Deutschen Olympischen Sport-Bundes (DOSB) um Präsident Thomas Bach (FDP) und Münchens Oberbürgermeister Christian Ude (SPD) hält nichts von der seit Ende 2012 laufenden Unterschriftensammlung in München für einen sofortigen Bürgerentscheid. Frontmann dieser Initiative ist der CSU-Stadtrat Thomas Schmidbauer. Nur die Hälfte der benötigten 35.000 Unterschriften wurden bisher eingebracht.

Die Zurückhaltung von Bach und Ude erklärt sich auch so: Bach will im September 2013 auf der IOC-Vollversammlung in Buenos Aires IOC-Präsident werden. Ude ist bei den Landtagswahlen im September SPD-Spitzenkandidat und will bayerischer Ministerpräsident werden. Im September wird zudem ein neuer Bundestag gewählt.

Am 14. November 2013 ist Meldeschluss für Interessenten um die Winterspiele 2022. Nach dem Nein in Graubünden erklärte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper am Sonntag: Die Ereignisse in der Schweiz zeigen, "wie wichtig die Bürgerbeteiligung ist. Darum hat der DOSB diese auch zur Voraussetzung für jede mögliche neue Bewerbung gemacht." Man halte am Zeitplan fest und plane einen

Bürgerentscheid am 10. November.

Bis dahin sollten die Fragen der Finanzierung und der Olympiabürgschaften geklärt sein, sagt Vesper. Nur: Wer soll das klären, wenn die Parlamente in Bayern und im Bund erst Ende September neu gewählt werden? Vesper: "Die Konkurrenzsituation für die Winterspiele 2022 hat sich mit dem Votum aus Graubünden erheblich entspannt. Dies wird bei der Entscheidung des DOSB positiv Berücksichtigung finden."

München mit hervorragenden Chancen

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE hat sich Ende 2012 eine kleine Runde bei Vesper getroffen und darüber debattiert, wie die Pläne von 2018 für 2022 aktualisiert werden könnten und wer das finanziert. Überraschender sind nun die Signale aus dem Münchener Rathaus: Demnach wird bereits an einem interfraktionellen Ratsbeschluss gearbeitet. Ziel soll es sein, in der Landeshauptstadt und allen möglichen olympischen Partnergemeinden noch vor den Landtags- und Bundestagswahlen Bürgerentscheide durchzuführen. Eine offizielle Bestätigung für diese Pläne gibt es allerdings nicht.

Sollte es so kommen, wäre dies ein historisches Novum bei deutschen Olympiabewerbungen. Zum ersten Mal würden die Bürger vor einer solchen Offerte befragt. Die Chance, dass München im Jahr 2022, zum 50. Jubiläum der Sommerspiele 1972, die Winterspiele austragen darf, ist groß. Man kann auf dem Konzept für 2018 aufbauen. Trotz aller Probleme dieser Bewerbung kann man in Fragen der Nachhaltigkeit Zeichen setzen.

Wer käme außer München noch in Frage? In Oslo steht für Mai ein Beschluss des Stadtrates an, im September soll ein Olympia-Referendum stattfinden. Die Zustimmungsrate in Norwegen sinkt derzeit. Olympia-Interesse hegt auch die Ukraine. Eine Machbarkeitsstudie für das Projekt "Lwiw 2022" wurde von der deutschen Firma Proprojekt erstellt.

Man geht von Olympia-Investitionen in zweistelliger Milliardenhöhe aus. Kürzlich erklärte der ukrainische Präsident Wiktor Janukowitsch, er erwäge eine gemeinsame Bewerbung von Lwiw, Poprad (Slowakei) und Zakopane (Polen). Eine olympiaverdächtige Infrastruktur besteht dort allerdings nicht. München könnte dies bieten.



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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
Benjowi 03.03.2013
1. Kluge Graubündner!
Zitat von sysopDPAWill denn keiner die Winterspiele 2022 ausrichten? Nach dem negativen Bürgerentscheid im Schweizerischen Graubünden hat München beste Chancen, Gastgeber der Olympischen Spiele zu werden. Dafür soll es Bürgerentscheide in der Landeshauptstadt und möglichen Partnergemeinden geben. http://www.spiegel.de/sport/sonst/muenchen-hat-gute-chancen-auf-die-winterspiele-2022-a-886619.html
Kann man nur hoffen, dass die Bürger in München oder den dann ansonsten betroffenen Gemeinden genauso klug sind, wie die Graubündner. Die heutigen Spiele und ihre durchkorrumpierte Veranstalterriege bringen den Normalbürgern nur gewaltigen Ärger, Entmündigung und gewaltige Kosten ein. Die lokale Wirtschaft wird immer öfter zugunsten gut zahlender Sponsoren ausgesperrt und geknebelt!
marthaimschnee 03.03.2013
2. Macht unheimlich Sinn
die Spiele an einen Ort zu vergeben, der praktisch keine der notwendigen Wintersportanlagen in direkter Umgebung hat. Und im Gegenzug faselt man dann wieder vom alternativlosen Sparen!
aha-aha 03.03.2013
3. Nur ein Bewerber...
...ist natürlich ein Skandal. Da entgehen den Funktionären ja die fest einkalkulierten Schmiergelder.
eldoloroso 03.03.2013
4. Glücklich die Schweizer
Tach, Schön, dass unsere Nachbarn demokratisch abstimmen durften, ob sie das Abenteuer "Olympische Spiele" durchstehen wollen. Das IOC ist ein besserer Mafioso, welches von den durchschnittlich 5 Milliarden € Sponsoreneinahmen allerhöchstens 10% an den Veranstalter abgibt. Dafür darf der Austragungsort dank passender Knebelverträge alle übrigen finanziellen Risiken aus Steuerkosten tragen, verfassungsrechtlich heikle Erlasse zum unbedingten Schutz von Marken- und Urheberrechte einführen, sämtliche medizinischen Kosten der IOC-Kamarilla im Gastland übernehmen und die Chargen steuerfrei ihre Geschäfte betreiben lassen. Lohnt sich ehrlich gesagt nicht für 18 Tage WIntermärchen und das haben die Schweizer kapiert.
fkw 03.03.2013
5. warum?
nachdem sich inzwischen herumgesprochen hat, dass Olympische Spiele für den Ausrichter ein Minusgeschäft sind, warum sollte München sich dann bewerben? Richtig ist allerdings auch, dass die Bewerbung für 2018 ohne Folgebewerbung überhaupt keinen Sinn gemacht hat.
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