Muhammad Ali beim Rumble in the Jungle Der erste Gutmensch

Ich habe mich nie besonders für Boxen interessiert, aber mit Muhammad Ali war das anders. Er machte das Boxen zu Kunst. Zu Pop. Zu einer Frage der Schönheit.

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Muhammad Ali war unser Mann.

Weil er dafür antrat, dass die Welt ein besserer Ort würde. Eine Welt ohne den Krieg in Vietnam, eine Welt ohne eine Trennung nach der Farbe der Haut. Martin Luther King hatte einen Traum, und er musste ihn mit seinem Leben bezahlen. Ali stieg in den Ring, und er kämpfte für diesen Traum weiter, egal, ob er eine Chance hatte oder nicht.

Für solch einen Mann stand man auf, auch um drei Uhr in der Nacht.

Ali wollte das Gute, und einer wie Alexander Gauland, ein Mann so jämmerlich, dass nicht einmal ein Sakko aus Tweed in der Lage ist, ihm eine Statur zu verleihen, hätte wahrscheinlich Ali einen Gutmenschen geschimpft.

Auch George Foreman hielt nicht viel von Muhammad Ali, als sich damals 1974 der große Kampf gegen ihn anbahnte. Er hasste Ali, aber nicht irgendwie. Als ich Foreman traf im Jahr 2011 in seinem Boxzentrum in Houston, Texas, sagte er mir, dass er damals Ali hätte töten wollen in Zaire.

Der Rumble in the Jungle wurde als Kampf des Jahrhunderts promoted, und wenn man sich ansieht, was es sonst noch so gab in diesem Jahrhundert, dann war er das wohl auch.

Der Gegner: ein Knochenbrecher

Auf der einen Seite Muhammad Ali, der seine besten Jahre hinter sich hatte, der, weil er den Krieg in Vietnam verweigerte, seinen Titel als Heavyweight Champion of the World verloren hatte und sechs Jahre warten musste, um seine Krone zurückzuholen, die ihm ein paar Bürokraten gestohlen hatten.

Auf der anderen Seite George Foreman, ein Marine, sieben Jahre jünger als Ali, ein Knochenbrecher, der sich nicht für Gerechtigkeit interessierte oder Politik, und dessen Schläge klangen, schrieb Norman Mailer, "als würde jemand mit einem Baseballschläger auf eine Wassermelone eindreschen".

Der Kampf fand in Kinshasa statt. Aber in Wahrheit war er überall, wo Menschen sich einen Funken für Fairness und Gerechtigkeit interessierten. Vietnam, die Ermordung von John F. und Bobby Kennedy, die von Martin Luther King und Malcolm X, die Schüsse auf Benno Ohnesorg, die heimtückische Exekution von Che Guevara, das alles wurde noch einmal verhandelt in diesem Boxring in Kinshasa. Das Dumme war nur, dass Ali nicht den Hauch einer Chance hatte.

Er ließ es sich nicht anmerken. Er blieb zuversichtlich. Mutig. Man kann sagen, positiv verrückt.

"Wen mögen sie nicht in Zaire?", hatte er im Anflug auf Kinshasa seine Entourage gefragt. "Die Weißen."- "Wen noch?" - "Die Belgier", sagte einer, in Anspielung auf die früheren Kolonialherren. "Sagt ihnen, George sei Belgier", flüsterte Ali.

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Muhammad Ali: Großmaul, Kämpfer, Champion

Foreman, der damalige Champion, hatte den Kampf nicht gewollt. Er, ein ehemaliger Marine, war ein Elitekämpfer, ein Terminator im Ring. Von 40 Kämpfen hatte er 37 mit einem K.o. beendet.

Ali rede zu viel, sagte Foreman dem Promoter Don King. Außerdem sei Ali eine Ikone der Schwarzen. Wer dieses Denkmal schände, dem sei Hass und Wut gewiss. Er, Foreman, habe kein Interesse an so etwas.

"Stopfen wir ihm das Maul", lautete der Vorschlag von King. Foreman ging darauf ein, aber er hatte keine Ahnung, was ihn wirklich erwartete.

King wollte sich vor allem selbst einen Namen machen. Als schwarzer Super-Promoter. Deshalb musste ein Kampf der Superlative her. "From the Slaveship to the Championship", hieß ein Slogan. Ein anderer lautete "zurück in den Mutterleib, aus dem wir alle stammen - Afrika". Kleiner hatte es King nicht, und weil er schon einmal dabei war, legte er noch ein wenig drauf. Ein schwarzes Woodstock sollte dieser Kampf obendrein werden. Eine 747 sammelte die Superstars des damaligen Soul ein. James Brown, B.B. King, die Spinners, Sister Sledge.

"Ali, töte ihn"

Foreman hatte keine Antenne für solch ein Spektakel. Ganz anders Ali - die Musik, die Show, die Politik, Afrika - das waren Felder, die er auf seine Weise bearbeitet und zusammengeführt hatte.

Foreman, von Ali als Belgier denunziert, stieg tatsächlich mit einem Schäferhund an der Leine aus dem Flugzeug, der Hund ein unfreiwilliges Symbol der verhassten Kolonialherren. Dieser deutsche Schäferhund machte Foreman endgültig zum Belgier.

"Ali", sagt King, "sind die Herzen der Leute zugeflogen." Foreman trainierte allein, bewacht von seinem Hund, in der Abgeschiedenheit des Intercontinental-Hotels. "Ali", sagt King, "rannte scherzend durch die Straßen, hinter ihm her eine Entourage von 50 Afrikanern".

"Ali Bumaye" - "Ali, töte ihn", rief die Menge bereits Wochen vor dem Kampf. Der Ruf wurde lauter.

Foreman ließ Ali ausrichten, dass er ihn töten, ein Steak essen, und dann heim nach Texas fahren werde.

Zitate - Muhammad Ali über sich selbst:

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Muhammad Ali: "Ich bin der König der Welt"

Wenn Foreman davon erzählt, was in dieser Nacht vor 40 Jahren passierte, klingt er noch immer wie jemand, dem Unbegreifliches widerfahren ist. In der ersten Runde traf ihn Ali mit ein paar Schlägen, aber dann trat Ali den Rückzug in die Seile an, schützte mit beiden Händen seinen Kopf und gab manchmal seinen Körper preis, als wäre er ein schlecht gemauertes Gebäude - zum Abriss freigegeben. Es schien nur noch eine Frage der Zeit, bis Foreman den entscheidenden Treffer landen würde.

"Ich setzte ihm zu mit einigen meiner härtesten Schläge", sagt Foreman. "Ich traf ihn am Kopf, am Körper, überall, aber er schien beschlossen zu haben: Möglicherweise wird George Foreman mich heute umbringen, aber K.o. schlagen wird er mich nicht. Mir war solche Willensstärke noch nie begegnet. Irgendwann traf ich ihn so schlimm, dass er auf mich drauffiel, ich dachte, jetzt gibt er auf, aber er rief nur: 'Ist das alles, was du drauf hast, George?' Ich war schockiert, weil es die Wahrheit war: Ich hatte nichts mehr. Ab der dritten Runde wurde ich müde."

Aber Ali wartete noch fünf Runden, dann eine schnelle Kombination, ein linker Haken, ein rechter Cross. Der Champion fiel wie ein Betrunkener, der in einer Pfütze ausrutscht. Langsam und schwer und seltsamerweise endgültig.

Der Sieg machte ihn zum Superstar

Foreman ist an dieser Niederlage fast zugrunde gegangen. Er fiel in eine Depression, zweieinhalb Jahre später auf Puerto Rico, nach einem Kampf gegen Jimmy Young, glaubte er, sterben zu müssen und gab den Boxsport auf. Er wurde Priester und stieg erst zehn Jahre später wieder in den Ring, weil er dringend Geld brauchte.

Die Demütigung durch Ali habe ihn halb verrückt gemacht, sagt Foreman. Er habe sich das Foto, wie er niedergestreckt vor Ali liegt, in seinem Haus aufgehängt und davor meditiert. Jahre sei das so gegangen - bis er habe akzeptieren können, dass der K.o.-Geschlagene "nicht mein Bruder war, nicht mein Cousin, sondern ich selbst".

Der Sieg von Kinshasa machte Ali zum Superstar. Alle Türen öffneten sich - sogar die des Weißen Hauses, wo ihn Gerald Ford empfing.

"Ich wollte Ali treffen", sagte Ford, "nicht nur wegen meiner sportlichen Interessen, sondern weil er Teil meiner Bemühungen war, jene Wunden zu heilen, die Rassentrennung, Vietnam und Watergate gerissen hatten."

Hinweis: Am Freitag, 10. Juni, 18 Uhr, wird im neuen digitalen SPIEGEL eine ausführliche Geschichte über Muhammad Ali erscheinen. Am Kiosk ist sie einen Tag später, Samstag, 11. Juni, erhältlich.

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Jasro 04.06.2016
1. Muhammad Ali ein 'Gutmensch'?
Für jemanden, dessen Hauptberuf es war, seine Gegner im Ring k.o. zu schlagen, ist der Begriff "Gutmensch" wohl eher nicht angemessen. Aber eine Persönlichkeit war er, dass muss man ihm lassen.
Betrayer 04.06.2016
2. Fragwürdige Kunstbegriff
Es ist evident, dass häufige Schläge gegen den Kopf degenerative neurologische Krankheiten auslösen bzw. beschleunigen können. Dies erachte Sie als Kunst? Ihre Aufassung teile ich nicht im Geringsten, dieser krankhafte Sport gehört verboten.
surgeon84 05.06.2016
3. wirklich der Größte!
Ali war der einzige Boxer für den ich nachts aufgestanden bin und wird auch der einzige bleiben! Großartiger Sporler und mutiger Kämpfer gegen die Diskriminierung! RIP
mapcollect 05.06.2016
4. Ein guter Mensch
aber sicherlich kein naiver Gutmensch. Ali war herrlich politisch unkorrekt und wurde dafür vom Establishment gehasst.
prologo 05.06.2016
5. So ist es immer
Erst wenn ein ganz Großer, ein Ausnahme Mensch stirbt, dann wird er seiner Leistung gewürdigt. Aber dieser treffende Artikel, ist dem Mensch Ali gerecht. Dem kann ich mich nur dankbar anschließen.
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