Zum Tod von Harry Valérien Mit Herz und Verstand

Er war einer der ganz Großen im deutschen Sportjournalismus: Harry Valérien. Er kannte die Sportler - und sie schätzten ihn. Für seine ehrliche, leidenschaftliche und professionelle Arbeit und seinen Charme. Nun ist Valérien im Alter von 88 Jahren gestorben.

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dapd

Ein perfekt ausgeleuchtetes Fernsehstudio, alle Scheinwerfer sind auf ihn gerichtet: Harry Valérien. Doch der ist nicht mehr da, Sekunden vor Beginn der Aufzeichnung. "Ja, wo sammer denn?", tönt es aus einer dunklen Ecke. Valérien hat es sich kurzerhand anders überlegt, möchte das "Aktuelle Sportstudio" lieber von seinem neuen Platz im Studio aus moderieren - und verlangt nach einer Kamera. "So war es ganz oft", erinnert sich Norbert Geis, früherer Regisseur der ZDF-Sportsendung. "Alles war durchgeplant - und Harry hat einfach das gemacht, was er wollte."

Harry Valérien hatte stets seinen eigenen Kopf, seine eigenen Ideen. Oftmals spontan, aber immer ehrlich. So wurde aus ihm eine der prägenden Figuren des deutschen Sportjournalismus. Nun ist er Freitagnacht im Alter von 88 Jahren an Herzversagen gestorben, "friedlich eingeschlafen", wie sein Schwiegersohn Stefan Glowacz sagte.

Valérien war Sportreporter mit jeder Faser seines Körpers, der Sport war seine Leidenschaft. Bis zu seinem Tod verfolgte der gebürtige Münchner das sportliche Geschehen rund um den Globus, meist von seinem Alterswohnsitz am Starnberger See aus. Doch eigentlich war er gedanklich noch immer dabei, in den Skigebieten, den Leichathletik-Stadien und Schwimmhallen dieser Welt.

Über Jahrzehnte war Valérien ganz nah dran, und er kannte sie alle: "Die ganz Großen und die Amateursportler", sagt Geis. "Doch er ging mit jedem gleich um. Unprätentiös und nahbar." Er mache "keine Reportagen auf Kosten anderer, und auch bei Interviews soll keiner als Sieger oder Verlierer den Ring verlassen", betonte Valérien immer wieder.

Seine Reportagen lebten von der Nähe zu den Sportlern, Fachkenntnis und journalistischem Handwerk. Das hatte er zunächst nach dem Zweiten Weltkrieg an der Deutschen Journalistenschule in München erlernt. Über Stationen bei der Tageszeitung "Münchner Merkur" und beim Bayerischen Rundfunk führte ihn sein Weg zum ZDF. Bei dem öffentlich-rechtlichen Sender war er Mitbegründer des "Aktuellen Sportstudios", 283-mal stand er allein für diese Sendung vor der Kamera.

Das Vorbild eines Fernsehmachers

"Er war ein hervorragender Chef, Reporter und Moderator", sagt Geis, "für mich immer das Vorbild eines Fernsehmachers." Mit seinem Ehrgeiz habe Valérien die gesamte ZDF-Sportredaktion angetrieben. Das schaffte er durch seine Präsenz und seinen Charme vor der Kamera - aber auch durch seine unerbittliche Hartnäckigkeit im Umgang mit Interviewpartnern und Kollegen. "Harry wusste genau, was er will. Er konnte ziemlich deutlich sagen, wo es langgeht", sagt Geis.

Unvergesslich ist für den Regisseur eine Szene aus der Wintersportberichterstattung. Obwohl ihn viele gewarnt hatten, wollte der legendäre schwedische Skislalomläufer Ingemar Stenmark unbedingt beim Hahnenkamm-Rennen in Kitzbühel an den Start gehen. Die "Streif" gilt auch heute noch als gefährlichste Abfahrt der Welt. Stenmark bewältigte die Abfahrt mit einiger Mühe. Doch der Fahrer vor ihm flog aus einer Kurve, stürzte - und Kommentator Valérien geriet in Panik, weil er dachte, es sei der Schwede: "Mein Ingemar, mein Ingemar, was machst du nur für Sachen!", schrie er ins Mikrofon. "Das ging live über den Sender", sagt Geis, "so was konnte sich nur Harry erlauben."

Harry Valérien war selbst begeisterter Wintersportler, journalistisch war das Skifahren sein Spezialgebiet. Die Olympischen Winterspiele 1952 in Oslo waren der Auftakt für den damals 28-jährigen Berichterstatter, von da an berichtete er bis in die neunziger Jahre von beinahe jedem großen Sportereignis. Er konnte und wollte nicht anders, als draußen zu sein, bei den Sportlern, mitten im Geschehen. Als er im Jahr 1983 ZDF-Sportchef werden sollte, lehnte Valérien ab: "Ich bleibe lieber Reporter, das sagt mir mehr zu als jede Verwaltung."

In den neunziger Jahren arbeitete Valérien für die Privatsender Sat.1 und Premiere unter anderem als Kommentator für Golf, Schwimmen und Skisport. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Preise - darunter mehrmals den Bambi und die Goldene Kamera sowie 2004 den Ehrenpreis beim Bayerischen Fernsehpreis.

Auch ZDF-Intendant Thomas Bellut würdigte Valérien nun als einen der Großen im Sportjournalismus: "Ich war schon als junger Fernsehzuschauer ein Fan von Harry Valérien. Er hatte seinen ganz eigenen Stil und einen feinen Humor, war immer souverän, sympathisch und aufmerksam. Harry Valérien wird uns sehr fehlen." Und sein früherer "Sportstudio"-Kollege Dieter Kürten sagte: "Für Generationen von Journalisten in Funk und Fernsehen war Harry ein Idol. Er hatte immer einen festen Standpunkt, den er nie verließ. Ich habe viel von ihm gelernt."

Noch am Abend vor seinem Tod hatte Valérien sich mit ehemaligen Kollegen und Skirennläufern in Oberbayern getroffen. Auf der Rückfahrt blieb sein Herz einfach stehen. Mit der Erinnerung an einen schönen Abend mit Freunden, der Familie - und den Sport.



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insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
Scheidungskind 13.10.2012
1. ...
Zitat von sysopdapdEr war einer der ganz Großen im deutschen Sportjournalismus: Harry Valérien. Er kannte die Sportler - und sie schätzten ihn. Für seine ehrliche, leidenschaftliche und professionelle Arbeit und seinen Charme. Nun ist Valérien im Alter von 88 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/sport/sonst/nachruf-zum-tod-von-harry-valerien-a-861097.html
Als Harry Valerien moderierte, war das aktuelle Sportstudio für mich ein Muss. Bedächtigkeit, Verbindlichkeit und Wärme - ein feiner Mensch ist da gegangen.
gottgegenuns 13.10.2012
2. R.i.p.
R.I.P. Guter Mann. Teil meiner Kindheit/Jugend, wenn was über Sport lief.
tobo5824 13.10.2012
3. Guter Nachruf
Zitat von sysopdapdEr war einer der ganz Großen im deutschen Sportjournalismus: Harry Valérien. Er kannte die Sportler - und sie schätzten ihn. Für seine ehrliche, leidenschaftliche und professionelle Arbeit und seinen Charme. Nun ist Valérien im Alter von 88 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/sport/sonst/nachruf-zum-tod-von-harry-valerien-a-861097.html
Ein schöner und kundiger Nachruf, und den hat sich Harry Valérien auch mehr als redlich verdient. Wenn er kommentierte, konnte man immer bedenkenlos einschalten. Und ob er nun gerade großen oder auch mal kleineren Sport kommentierte - bei ihm gab es fast immer auch was zu lachen - und das nie auf Kosten anderer. Möge er in Frieden ruhen.
geronimo49 13.10.2012
4. Der Titel ist hier wirklich auf den Punkt
Zitat von sysopdapdEr war einer der ganz Großen im deutschen Sportjournalismus: Harry Valérien. Er kannte die Sportler - und sie schätzten ihn. Für seine ehrliche, leidenschaftliche und professionelle Arbeit und seinen Charme. Nun ist Valérien im Alter von 88 Jahren gestorben. http://www.spiegel.de/sport/sonst/nachruf-zum-tod-von-harry-valerien-a-861097.html
gekommen. Da geht ein ganz aussergewoehnlicher Mann, der uns den Sport, wie kaum jemand sonst, kompetent, herzlich und mit viel Charme ueber Jahrzehnte naeherbrachte. Valerien war kritisch und stets fair und nahm, wenn es um die "Sportfunktionaere" ging kein Blatt vor den Mund. Solche Kaliber und Persoenlichkeiten fehlen dem heutigen Fernsehen ganz gewaltig und Alternativen sind nicht sichtbar. rest in peace Harry
nhorwath 13.10.2012
5. Ehrlich, charmant, respektvoll, und humorvoll,
das was Herr Valerien dargestellt hat und leider jetzt mit sich genommen hat würden wir gerne in der heutigen Medienlandschaft wieder erleben.
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