Katars Olympiahoffnung Nasser Al-Attiyah: Zwischen Sanddünen und Tontauben

Von Christoph Sydow

Im vergangenen Jahr gewann er die Rallye Dakar, nun soll Olympiagold folgen: Nasser Al-Attiyah gehört in London zu den Favoriten im Tontaubenschießen. Der Katarer könnte der erste Olympiasieger seines Landes werden, das mit aller Macht auf die internationale Sportbühne drängt.

Nasser Al-Attiyah: Rallyefahrer und Olympiastarter Fotos
AFP

Für Nasser Al-Attiyah sind aller guten Dinge fünf. Im vergangenen Jahr gewann er im fünften Anlauf zum ersten Mal die Rallye Dakar, nun kämpft er in London bei seinem fünften Olympiastart um die erste Goldmedaille. Das Multitalent aus dem Golfstaat Katar tritt am Montag im Skeet - besser bekannt als Tontaubenschießen - an und will der erste Olympiasieger in der Geschichte seines Landes werden.

Ein Volksheld ist Attiyah in Katar schon längst. Unternehmen werben mit seinem Lächeln, das eine markante Zahnlücke offenbart, die Zeitungen feiern ihn als "Helden des Nahen Ostens" und Vorbild für die Jugend. Die beiden Sportarten, in denen er zur Weltspitze gehört, sind auch bei den 250.000 Katarern äußerst beliebt. Nicht nur die Vogeljagd ist Volkssport in der arabischen Welt. So wie Attiyah bei der Rallye Dakar mit seinem Rennjeep über Sanddünen rast, tun es ihm viele Landsleute in ihrer Freizeit in der Wüste von Katar nach. Der 41-Jährige vertritt zudem genau die Werte, die auch von Katars Herrscherfamilie al-Thani vorgegeben werden: Er ist sportlich erfolgreich, gleichzeitig aber bescheiden, zeigt sich als gläubiger Muslim und fürsorglicher Familienvater.

Attiyah ist bislang der einzige Katarer, der es im Sport zu internationalem Ruhm gebracht hat. Zwar versucht der Zwergstaat vom Persischen Golf nicht erst seit der erfolgreichen Bewerbung um die Fußball-WM 2022 zu einer Sportnation von Weltrang aufzusteigen, seine Athleten haben bislang jedoch kaum für Aufsehen gesorgt. Zwei Bronzemedaillen bei Olympischen Spielen im 1500-Meter-Lauf und im Gewichtheben schlagen für das Land zu Buche - beide wurden von Sportlern gewonnen, die eigens eingebürgert wurden, um das sportliche Renommee Katars zu stärken.

Bei Olympia 2012 soll nun erstmals ein Einheimischer ganz oben stehen: Und Attiyahs Chancen stehen gut wie nie zuvor, er ist in bestechender Form. Bei den French Open der Schützen kurz vor den Spielen belegte er den zweiten Platz, bei den Asienmeisterschaften Anfang des Jahres in seiner Heimat gewann er souverän den Titel. Dabei gelang Attiyah das Kunststück, während des Wettkampfs alle 150 Wurfscheiben zu treffen. Er ist erst der vierte Skeet-Schütze seit 2005, der dies schaffte.

Zweimal verpasste Attiyah eine Medaille knapp

Diese Leistung ist umso bemerkenswerter, weil die Vorbereitung auf die Asienmeisterschaften alles andere als optimal verlief. Attiyah reiste direkt von der Rallye Dakar, die er in diesem Jahr mit seinem Hummer vorzeitig aufgeben musste, aus Südamerika nach Katar. Der unerwartete Erfolg bestärkte ihn darin, sich in diesem Jahr ganz aufs Schießen und die Olympischen Spiele zu konzentrieren.

Seit seiner Jugend betrieb er Motorsport und Schießen parallel - letzteres war für ihn aber lange Zeit nicht viel mehr als ein entspannender Ausgleich zum hektischen Rennbetrieb. Das Tontaubenschießen helfe ihm, auch am Steuer blitzschnell zu reagieren und die richtigen Entscheidungen zu treffen, so Attiyah. Bei der laufenden Rallye-WM verzichtete er auf mehrere Rennen und trainierte stattdessen auf dem Schießstand. In einem mehrwöchigen Trainingslager in Tschechien brachte er sich in Olympia-Form.

Attiyah reist deshalb mit großem Selbstvertrauen nach London. "Ich war viermal bei Olympischen Spielen und habe zweimal eine Medaille knapp verpasst. Diesmal fühle ich, dass ich es schaffen kann", sagte er vor seinem Abflug. 2000 in Sydney verfehlte er Bronze um zwei, vier Jahre später in Athen um eine Scheibe. Nun aber sei er zuversichtlich, die Ziele im entscheidenden Moment zu treffen.

Die neue Selbstsicherheit rührt auch daher, dass er sich seinen großen Traum im Rallye-Sport bereits erfüllt hat. 2011 triumphierte Attiyah gemeinsam mit seinem deutschen Co-Piloten Timo Gottschalk bei der Rallye Dakar. "Seither will ich nichts mehr als diese Medaille", so der Katarer. "Ich habe auch 20 Jahre lang von einem Sieg bei der Rallye Dakar geträumt, ehe ich mir diesen endlich erfüllen konnte."

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Die erfolgreichsten Nationen bei Olympischen Sommerspielen (vor 2012)
Team Gold Silber Bronze Gesamt
USA 932 730 640 2303
Russland 549 458 439 1446
Deutschland 400 413 448 1261
Großbritannien 207 255 252 714
Frankreich 191 212 234 637

Rallye-Dakar-Sieger seit 2000
Jahr* Auto Motorrad Truck
2013 S. Peterhansel (Mini) C. Despres (KTM) E. Nikolaev (KAMAZ)
2012 S. Peterhansel (Mini) C. Despres (KTM) G. de Rooy (Iveco)
2011 N. Al-Attiyah (Volkswagen) M. Coma (KTM) W. Tschagin (KAMAZ)
2010 C. Sainz (Volkswagen) C. Despres (KTM) W. Tschagin (KAMAZ)
2009 G. de Villiers (Volkswagen) M. Coma (KTM) F. Kabirow (KAMAZ)
2007 S. Peterhansel (Mitsubishi) C. Despres (KTM) H. Stacey (MAN)
2006 L. Alphand (Mitsubishi) M. Coma (KTM) W. Tschagin (KAMAZ)
2005 S. Peterhansel (Mitsubishi) C. Despres (KTM) F. Kabirow (KAMAZ)
2004 S. Peterhansel (Mitsubishi) N. Roma (KTM) W. Tschagin (KAMAZ)
2003 H. Masuoka (Mitsubishi) R. Sainct (KTM) W. Tschagin (KAMAZ)
2002 H. Masuoka (Mitsubishi) F. Meoni (KTM) W. Tschagin (KAMAZ)
2001 J. Kleinschmidt (Mitsubishi) F. Meoni (KTM) K. Loprais (Tatra)
2000 J.-L. Schlesser (Schlesser-Renault) R. Sainct (BMW) W. Tschagin (KAMAZ)
*Rallye 2008 aus Sicherheitsgründen abgesagt