Beste Basketballliga der Welt Die (vielleicht) erste Cheftrainerin in der NBA

Die einen loben ihre Fachkenntnis, die anderen wittern einen "Frauenbonus": Erstmals in der NBA-Geschichte könnte mit Becky Hammon eine Frau Headcoach werden. Wäre das auch in Deutschland möglich?

Becky Hammon
DPA

Becky Hammon

Von Fabian Held


Becky Hammon ist 1,68 Meter groß, spielte für die russische Nationalmannschaft - und ist eine Frau. Nicht gerade das typische Profil eines Trainers in der US-amerikanischen NBA. Und dennoch könnte Hammon die erste weibliche Trainerin in der besten Basketballliga der Welt werden. Die Milwaukee Bucks haben sie zu einem Job-Interview eingeladen - bereits zum zweiten Mal.

Hammons Geschichte ist keine gradlinige Erfolgsgeschichte: Mit ihrem Spielverständnis und ihrer Wurftechnik gehörte sie zu den besten Basketballspielerinnen ihres Jahrgangs. Dennoch war zunächst kein Team der Profiliga WNBA bereit, das Risiko einzugehen, eine so kleine Spielerin zu verpflichten.

Erst die New York Liberty versuchten es mit Hammon, die später auch noch für die San Antonio Silver Stars spielte und zu einer der besten Spielerinnen der Profiliga wurde. In den Saisonpausen war sie, wie viele US-Basketballerinnen, zudem in Europa aktiv. Sie spielte in Madrid, Valencia - und auch in Russland, bei ZSKA Moskau.

Erst die Verletzung, dann die Chance

Die Verbindung zu ZSKA sorgte wohl auch dafür, dass Hammon 2008 bei den Olympischen Sommerspielen in Peking für Russland auflief. Weil sie von der amerikanischen Nationalmannschaft keine Einladung bekommen hatte, beantragte sie einen russischen Pass und spielte sowohl in Peking als auch vier Jahre später in London für die russische Auswahl.

Als Hammon sich 2013 verletzte, durfte sie während der Reha bei den San Antonio Spurs hinter die Kulissen schauen. Trainer Gregg Popovich, der für unorthodoxe Methoden bekannt ist, fragte sie nach ihren Einschätzungen. Die schienen Popovich so zu imponieren, dass er Hammon kurzerhand als Assistenz-Coach einstellte. Mittlerweile hat sich Hammon einen solch guten Ruf erarbeitet, dass sie die erste weibliche Trainerin in der NBA werden könnte.

Die NBA versucht sich derzeit beim Thema Gleichberechtigung im Profisport zu profilieren. So unterstützt die Liga zum Beispiel die "Lean In Together"-Kampagne, die für ein größeres Bewusstsein beim Thema Gleichstellung sorgen soll. Hammon als erste Cheftrainerin einer Männermannschaft würde da sicher gut ins Konzept passen.

"Sie kann in der NBA coachen. Punkt."

Fachlich scheint Hammon für den Posten geeignet und dennoch gibt es hitzige Diskussionen. Hammon sei nur eingeladen worden, weil sie eine Frau sei, sagen Kritiker. Sie verfüge über nicht genug Erfahrung, sei nur von Popovich hofiert worden, lautet ein anderer Vorwurf. Und überhaupt müssten Frauen doch nicht auch noch im Männersport auf Gleichberechtigung pochen, schallt es aus den sozialen Netzwerken.

Beistand bekommt Hammon von einem ihrer Spieler. "Ich sage: Sie kann in der NBA coachen. Punkt", schreibt Pau Gasol, der seit 17 Jahren in der NBA spielt und aktuell bei den Spurs unter Vertrag steht, in einem Offenen Brief.

In den USA ist die Debatte bereits voll im Gange, in Deutschland ist es wohl noch ein langer Weg, bis eine weibliche Trainerin zum Beispiel in der Fußballbundesliga an der Seitenlinie steht. Ob als Assistentin oder als Cheftrainerin. Mehr noch: Selbst eine weibliche Fußballkommentatorin sorgt 2018 noch für reichlich Diskussionen.

"Viele Frauen neigen dazu, sich selbst zu unterschätzen"

Ein paar Ausnahmen gibt es. Die ehemalige Hockey-Nationalspielerin Tina Bachmann gewann mit Uhlenhorst Mülheim den Meistertitel. Und dann ist da noch Jennifer Kettemann. Die 36-Jährige ist Geschäftsführerin beim Handballbundesligisten Rhein-Neckar Löwen, sie ist dort für Finanzen zuständig. Die sportliche Leitung liegt bei Oliver Roggisch. "Mir ist es bewusst, dass ich besonders im Sport in einer Männerdomäne arbeite", sagt sie: "Für mich spielt das Geschlecht in der Arbeitswelt aber keine Rolle."

Kettemann vermutet im Wesentlichen zwei Gründe für die geringe Zahl an Frauen im männlichen Profisport. Zum einen die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie. "Zudem glaube ich, dass viele Frauen dazu neigen, sich selbst zu unterschätzen", sagt sie: "Dazu gehöre ich übrigens auch. Manchmal fehlt wohl einfach noch ein wenig der Mut".

Diskriminierungen aufgrund ihres Geschlechts habe sie noch nicht erlebt, auch wenn Frauen wohl öfter durch Leistung überzeugen müssten, sagt Kettemann. Vielmehr hätten sie viele Männer bestärkt, sagt die zweifache Mutter: "Mir wurde gesagt, dass oftmals eine nettere Atmosphäre in der Männerdomäne herrscht, wenn eine Frau mit am Tisch sitzt."

Ob Hammon nun bei den Milwaukee Bucks für positive Stimmung sorgen würde? Wenn man ihrem Spieler Pau Gasol glaubt, dann besticht sie vor allem durch zwei andere Eigenschaften: klare Ansprachen und einen scharfen Blick für Details.

Mehr zum Thema


insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
themistokles 15.05.2018
1.
Lächerliche Vorwürfe. Wer bei Popovich "in die Lehre" geht, lernt bei einem der besten NBA Coaches ever. Der Rückhalt der Spieler der Spurs spricht ebenso für sie. Ich rate einfach mal in´s Blaue rein und vermute, dass die Kritik vor allem von den Leuten kommt, die Hammon damals, als sie für Russland aufgelaufen ist, als "Verräterin" und "unpatriotisch" bezeichnet haben. Und natürlich wieder die puren Neider, die sowieso alles besser können. Ich drücke Hammon jedenfalls beide Daumen.
fenasi_kerim 15.05.2018
2. Sehe ich genauso
Wer von Pop lernt, wird wissen, wie man aus einer Gruppe von Individuen ein echtes Team formt, das mehr ist als die Summe seiner Einzelteile. Bei den Bucks hätte sie zudem eines der aufregendsten Teams der nächsten Jahre zu coachen.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.