Von Jan Hieronimi
"Maverick" lässt sich übersetzen mit dem Wort "Querdenker". Und das passt in Dallas. Team-Besitzer Mark Cuban leistet sich gerne eine eigene Meinung. Und er greift für seine Franchise zu unkonventionellen Strategien. So wie nach dem Gewinn der Meisterschaft 2011: Anstatt die alten Spieler auf Jahre an den Verein zu binden, ordnete er den Umbau an. Und der ist noch lange nicht abgeschlossen.
Cuban will sein Team schnell verjüngen, Dirk Nowitzki soll nicht neben einem Haufen Oldies altern, sondern neben Jungstars, die ihm die Chance auf Playoffs und Titel geben. Dass Nowitzki in diesem Sommer auf Twitter ankündigte, noch zwei Jahre zu spielen und danach weiterzusehen, setzt Cuban noch ein wenig mehr unter Zeitdruck.
Seit dem Titel gingen zunächst Tyson Chandler, J.J. Barea, DeShawn Stevenson sowie Jason Terry und Jason Kidd. Insgesamt fünf Leistungsträger sind weg, zudem wurde Brendan Haywood amnestiert und Ian Mahinmi getradet. Im Gegenzug für die Abgänge sollten eigentlich neue Stars kommen. Aufbauspieler Deron Williams stand kurz vor der Unterschrift, blieb dann aber doch in Brooklyn. Cuban ist trotzdem der Meinung, der Sommer sei ein Erfolg gewesen.
Eine Management-Meisterleistung
Er könnte damit richtig liegen. Es gab keinen neuen Superstar, doch die "Mavs" reagierten und holten fünf hochkarätige Zugänge, die aus dem Erstrundenopfer 2012 eines der besseren Teams der kommenden Saison machen werden. Noch besser: Die Franchise behielt ihre Flexibilität unter dem Salary Cap und kann in einem Jahr auf dem Free-Agent-Markt rechnerisch Stars wie Dwight Howard, Chris Paul, Andrew Bynum, Andre Iguodala oder Monta Ellis verpflichten. Was aussah wie eine Katastrophe, wurde zu einer kleinen Management-Meisterleistung.
Immerhin sechs Leistungsträger sind noch in Dallas. Zwei davon sind Starter: Shawn Marion blieb dem Team erhalten, trotz seiner 34 Jahre ein vielseitiger Verteidiger, guter Rebounder und stetig aktiver Flügelspieler, der in Brettnähe durch ständige Bewegung effektiv punktet. Aufgrund seines 2014 auslaufenden Vertrages ist er ein Kandidat für einen Trade zur Saisonmitte oder im Sommer, der das Team erneut verstärken könnte.
Nowitzki blieb selbstverständlich auch. 2011/2012 war ihm anzusehen, dass die Strapazen nach dem Titel und der Umbau des Teams, Spuren hinterlassen hatten. Das drückte sich in schlechteren Statistiken aus. Auch 2012/2013 geht er mit einer Vorbelastung in die neue NBA-Saison, die für Dallas am 31. Oktober (2 Uhr MESZ) mit der Partie gegen die Los Angeles Lakers beginnt. Nowitzki wird nicht dabei sein. Er musste sich einer Gelenkspiegelung an seinem rechten Knie unterziehen und wird wohl noch bis zu fünf Wochen ausfallen.
Kaman hilft dem Team weiter
Um diesen Kern von Leistungsträgern herum bastelten die Mavericks in Rekordzeit eine beeindruckende Mischung aus Neuzugängen. Chris Kaman bringt seine filigranen Postmoves sowie viel Länge am Brett, Nowitzki nennt ihn nicht umsonst den "besten offensiven Center, mit dem ich in Dallas je zusammengespielt habe". Er kennt Kaman aus der Nationalmannschaft, kennt dessen Hakenwürfe und den soliden Mitteldistanzwurf, aber auch dessen Schwächen: Defensiv liegen bei dem Center Licht und Schatten eng beisammen, Pässe spielt Kaman nur in Ausnahmefällen. Trotzdem hilft er dem Team insgesamt weiter. Das Gleiche gilt für Elton Brand.
Zwei absolute Glücksgriffe sind auch O.J. Mayo und Darren Collison: Cuban will die beiden jungen Guards auf Jahre behalten. Über Mayo sagt Cuban, er werde in Dallas zu dem großen Spieler mutieren, als der er bereits vor Jahren gehandelt wurde. Der 24-Jährige legte noch vor zwei Jahren 17,5 Punkte bei 45,8 Prozent aus dem Feld und 38,3 Prozent von Downtown auf. Kehrt Mayo zu solchen Zahlen zurück und sucht noch öfter den Weg zum Korb (2011/12: nur 2,6 Freiwürfe pro Spiel), dann haben die "Mavs" ihre Nummer zwei hinter Nowitzki gefunden.
Die Schattenseite all dieser Veränderungen: Die Mavericks sind nicht länger die eingespielte Truppe, die einst die Heat im Finale demontierte. Bei insgesamt acht Neuzugängen muss Coach Carlisle die auf viel Bewegung ausgelegten Offensivsysteme zu Beginn etwas vereinfachen - Priorität hat die Defensive. Zudem hat Dallas an Erfahrung und Reife verloren. Gerade im Backcourt wird das schnell spürbar sein: Es gibt keinen klassischen Spielgestalter, der ein Spiel auch nur annähernd so lesen kann wie Kidd - gerade Nowitzkis Spiel könnte darunter leiden, dass er den Ball nicht so aufgelegt bekommt wie zuvor.
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