NBA-Endspiel Golden State gegen Cleveland Ein Superfinale entschädigt für alles

Die NBA-Saison war spannungsarm. Jetzt aber entlädt sich alles in einem Superstar-Endspiel, das selbst Legende Michael Jordan in den Schatten stellt.

AP

Charles Barkley mochte nicht mehr hinschauen. Der 54-Jährige saß als TV-Experte des US-Kabelsenders TNT im Bostoner TD Garden bei Spiel fünf des Eastern-Conference-Finals zwischen den Boston Celtics und den Cleveland Cavaliers. Doch gedanklich war Barkley beim Eishockey, genauer gesagt: in Pittsburgh, wo die Penguins und die Ottawa Senators in einer siebten und entscheidenden Partie den Finalgegner der Nashville Predators ermittelten.

Als seine Expertenkollegen um Shaquille O'Neal die 75:57-Halbzeitführung der Cavaliers in einem an Einseitigkeit kaum zu überbietenen Match analysierten, unterbrach Barkley: "Wisst ihr, was ich jetzt mache? Ich gehe ins Hotel und schaue mir das Ende des Eishockey-Spiels an. Da steht es 1:1. Das Ding hier ist doch durch."

Ex-Spieler und TV-Experte Charles Barkley
AP/dpa

Ex-Spieler und TV-Experte Charles Barkley

Es sagt einiges aus, wenn einer wie Barkley die eigene Sportart nicht mehr sehen kann und lieber eine andere verfolgt. Aber wer kann es ihm verdenken?

Die NBA ist eine Zwei-Team-Liga geworden, in der zwar 30 Mannschaften spielen und 16 die Playoffs erreichen, wo aber von vornherein feststeht, welche beiden Klubs es in die Finalserie schaffen, die in der Nacht von Donnerstag auf Freitag beginnt. Eine Gewissheit, die durch Kevin Durants Wechsel am 4. Juli 2016 von Oklahoma City nach Golden State nochmals zementiert worden war.

"Jeder wusste vor sieben Monaten schon, dass die Cavs und die Warriors um die Meisterschaft spielen werden. Aber es gibt nicht einen Menschen, der dachte, dass Nashville im Stanley-Cup-Finale stehen würde", sagte Barkley. Auf seinen Wunsch hin ist nun auf zwei der 20 Fernseher im TNT-Studio immer Eishockey zu sehen. Die Stanley-Cup-Playoffs seien das Beste, was es gebe. Und die Verlängerungen schlichtweg die "nervenaufreibendste Sache der Welt - mit nichts vergleichbar".

Vote
NBA-Finals 2017

Wer wird Meister?

Was nicht nur den Ex-Basketballstar besonders fasziniert: In der NHL habe man zwar generell "so eine Idee, wer gewinnen könnte", letztlich sei dennoch "alles möglich". Wie in diesem Jahr: Nashville erreichte erst als 16. Team die Playoffs - und spielt trotzdem gegen Meister Pittsburgh um den Stanley Cup. In der NBA derzeit undenkbar. Von den 82 NHL-Playoff-Partien wurden 27 in der Verlängerung entschieden. 50 Spiele endeten mit einem Tor Unterschied. 10 der 14 Serien gingen über mindestens sechs Begegnungen.

Es liegt in der Natur der Sportart, dass Eishockey weniger vorhersehbar ist. Schließlich geht es körperbetonter zu, Teams können technische Nachteile durchaus durch aggressiveres Spiel ausgleichen. Und es gibt in der NHL schlicht keine Superteams wie Golden State und Cleveland.

Die Warriors mit Steph Curry, Klay Thompson, Draymond Green und Durant haben ihre Playoff-Gegner ebenso überrannt wie die Cavaliers um LeBron James, Kyrie Irving und Kevin Love. Die gemeinsame Bilanz ins Finale: 24:1. Und diese eine Niederlage, Clevelands Halbfinal-Heimpleite gegen Boston, glich einer Sensation. Nach 74 Spielen standen die Endspielteilnehmer fest - so schnell ging es in diesem Jahrtausend noch nie. 2014 waren noch 84 Partien nötig gewesen.

Fotostrecke

14  Bilder
NBA und NHL Playoffs: Wie es die Teams ins Finale schafften

Gut möglich, dass San Antonio gegen die Warriors besser ausgesehen hätte, wenn die Stars Tony Parker und Kawhi Leonard nicht verletzt gewesen wären. Doch derlei Rückschläge, betonen Profis und Trainer immer, seien "Teil des Spiels". Golden State gewann seine zwölf Matches im Schnitt mit 16,3 Punkten. Cleveland war 15 Zähler besser. Natürlich gab es in den Neunzigern einen Michael Jordan, der mit seinen Chicago Bulls die Liga dominierte und sechsmal Meister wurde. Doch selbst er erreichte nie in einem solchen Eiltempo die Finals wie jetzt die Warriors und die Cavaliers.

"Es war ein bisschen langweilig. Das sieht man so eigentlich nicht, dass zwei Teams gleichzeitig ihren Weg durch die Gegner mähen", sagt der Ex-Trainer und jetzige ESPN-Experte Jeff van Gundy. Durant kontert: "Wenn's euch nicht gefällt, dann guckt doch nicht." Curry nennt die Klagen "fast respektlos" und hebt hervor, dass es "nicht einfach war, dorthin zu kommen, wo wir jetzt sind". Golden State und Cleveland hätten alles gegeben, damit sie nun um die Meisterschaft spielen könnten, so Curry. Und Golden State gegen Cleveland - das wollen alle sehen. "Die NBA-Playoffs sind vorhersehbar, aber nicht länger langweilig", schreibt der "San Francisco Chronicle" und spricht von einer "epischen Endspielserie".

Erstmals in der Finalhistorie spielen zwei Vereine zum dritten Mal nacheinander um die bedeutendste Basketball-Trophäe der Welt. 2015 gewann Golden State, im Vorjahr drehten die Cavaliers einen 1:3-Serienrückstand noch und wurden erstmals Meister. Das entscheidende Spiel verfolgten 30,8 Millionen Amerikaner - es war die zweithöchste Zuschauerzahl der NBA-Geschichte.

Pittsburgh gegen Nashville hat zweifellos seinen Reiz. Können die Penguins als erstes Team seit 1998 ihren Titel verteidigen? Oder geht der Stanley Cup erstmals ins tiefste Tennessee? Aber die Eishockey-Endspiele sind kein Vergleich zum Gigantengipfel unter den Körben. So unspektakulär die NBA-Playoffs auch gewesen sein mögen - die Finalpaarung entschädigt für alles. Die Langeweile-Liga wird in ihren letzten zwei Saisonwochen doch noch spannend.



insgesamt 6 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
tizian 01.06.2017
1.
Die Playoffs waren nicht ganz so langweilig, wie dargestellt, die Serie Cleveland gegen Indiana war extrem knapp. Das hätte für Cleveland auch anders ausgehen können. Im Übrigen, die Jordanvergleiche finde ich überflüssig. Jordan ist und bleibt eine Legende, LeBron wird da nie rankommen, so gut er auch ist. Das "Flu-Game" z.B. konnte nur Jordan praktisch im Alleingang gewinnen, niemand anders.
Peitsche 01.06.2017
2. ...oh doch, besonders im Osten war es extrem langweilig!
Zitat von tizianDie Playoffs waren nicht ganz so langweilig, wie dargestellt, die Serie Cleveland gegen Indiana war extrem knapp. Das hätte für Cleveland auch anders ausgehen können. Im Übrigen, die Jordanvergleiche finde ich überflüssig. Jordan ist und bleibt eine Legende, LeBron wird da nie rankommen, so gut er auch ist. Das "Flu-Game" z.B. konnte nur Jordan praktisch im Alleingang gewinnen, niemand anders.
Also ich habe fast alle Spiele der Cavs und Dubs in voller Länge gesehen und da ist im Osten nur in Spiel 3 gegen die Pacers fast etwas angebrannt, die anderen Spiele haben die Cavs extrem locker eingefahren. Das eine Spiel gegen Boston war ein Ausrutscher, wo vieles zusammengekommen ist. Im Osten gibt´s eigentlich überhaupt kein Team das annähernd mit den Cavs mithalten könnte. Im Westen siehts schon anders aus aber da hat GSW einfach auch durch den 1. Platz im Ranking den einfacheren Weg gehabt. Gegen Houston oder ein komplettes San Antonio wären sie zwar auch durchgekommen aber wahrscheinlich nicht mit 4:0. Der Vergleich Jordan vs LeBron ist müssig. Jordan steht über allen, aber ganz nüchtern betrachtet ist Lebron der komplettere Spieler. Finale 4:2 für GSW
Hintergrundrauschen 01.06.2017
3. Da werden Äpfel mit Birnen verglichen
Das sind 2 völlig verschiedene Sportarten. Im Basketball geht es nicht nur um den Sieg. Es geht um die Eleganz, die aus der enormen Feinmotorik entsteht. Es gibt Spielzüge, da kommt man aus der Euphorie für das Gesehene kaum heraus. Dabei ist es egal, ob es die eigene Mannschaft oder der Gegner vollbracht hat. Basketball ist für mich das Ballett des Sport! Und die NBA mit Abstand die beste Liga der Welt. Um übrigen waren die Finals im letzten Jahr extrem spannend. Eishockey bewundere ich genau so wie Basketball.
themistokles 02.06.2017
4.
Zitat von HintergrundrauschenDas sind 2 völlig verschiedene Sportarten. Im Basketball geht es nicht nur um den Sieg. Es geht um die Eleganz, die aus der enormen Feinmotorik entsteht. Es gibt Spielzüge, da kommt man aus der Euphorie für das Gesehene kaum heraus. Dabei ist es egal, ob es die eigene Mannschaft oder der Gegner vollbracht hat. Basketball ist für mich das Ballett des Sport! Und die NBA mit Abstand die beste Liga der Welt. Um übrigen waren die Finals im letzten Jahr extrem spannend. Eishockey bewundere ich genau so wie Basketball.
Sehe ich ganz genau so. Hinzu kommt noch das weltbeste Publikum in einer Sportart! ;-) :-) Dubs in 5.
arthur.leibundgut 02.06.2017
5. the 80's
Hatten wir doch schon in den 80er Jahren: LA Lakers vs. Boston Celtics !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.