NBA-Playoffs Krieger gegen Besessene

Die Houston Rockets waren das beste Team der regulären NBA-Saison, die wahre Prüfung aber kommt jetzt: Können sie im West-Finale Titelverteidiger Golden State Warriors besiegen?

Golden-State-Superstar Curry
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Golden-State-Superstar Curry

Von Philipp Awounou


"We want Houston! We want Houston!"
Als in den Schlussminuten von Spiel fünf zwischen Golden State und den New Orleans Pelicans bereits klar war, dass die Warriors zum vierten Mal in Folge in die Conference Finals einziehen würden, schworen sich die Fans in Oakland schon einmal auf ihren kommenden Gegner ein, die Houston Rockets. Es waren Rufe der Sehnsucht. Als wollten sie sagen: "Gebt uns einen Gegner - und nicht schon wieder ein Opfer." Die Serie beginnt in der Nacht auf Dienstag.

Seit drei Jahren diktieren die Golden State Warriors in der NBA das Geschehen, gewannen die Titel 2015 und 2017 (2016 verloren sie die Finals gegen Cleveland), 13 von 14 Playoff-Serien, 207 von 246 Spielen der regulären Saison. Etliche Rekorde hat das Team gebrochen, und gerade als es 2016 mit 73 Siegen aus 82 Spielen schien, als könne die Dominanz nicht noch größer werden, verstärkte sich die Franchise mit Superstar Kevin Durant nochmals erheblich. Keine Frage: Die Warriors sind das Über-Team der vergangenen Jahre. Und obwohl den Rockets aktuell einiges zugetraut wird, sind die einzigen, die die Warriors gefährden könnten: sie selbst.

Mit Stephen Curry, Klay Thompson, Draymond Green und Durant hat die Mannschaft vier All-Stars im Kader, garniert von einer Reihe erfahrener Rollenspieler. Trainer Steve Kerr hat daraus ein Team geformt, in dem die Stars harmonieren und gewinnbringend koexistieren können, anstatt sich die Luft zum Atmen zu nehmen.

Kevin Durant
AP

Kevin Durant

Dank dieser Allianz aus Star-Power und gutem Coaching spielten sich die Warriors über die Jahre in einen Erfolgsrausch, der an die Ära der Chicago Bulls unter Michael Jordan erinnert (1991 bis 1993 sowie 1996 bis 1998). So war sich Ex-NBA-Coach Jeff Van Gundy schon vor Beginn der aktuellen Spielzeit sicher: "Die Saison ist gelaufen. Die Warriors werden gewinnen." Damit fasste er die einhellige Meinung der Basketballwelt treffend zusammen.

Besessen davon, die Warriors zu schlagen

Mittlerweile sind sich die Experten da nicht mehr so sicher, und das hat vor allem mit einem studierten Computerwissenschaftler aus Texas zu tun: Daryl Morey. Der General Manager der Houston Rockets arbeitet seit Jahren daran, die Dominanz der Warriors zu brechen. "Eigentlich sollte ich das nicht sagen, aber wir sind im Grunde genommen besessen von der Frage, wie wir die Warriors schlagen können", sagte der 46-Jährige unlängst ESPN.

Auf seiner Suche nach Antworten vertraut Morey den Gesetzen der Rationalität. Er prägte einen mittlerweile nach ihm benannten Spielstil, "Morey-Ball", der auf den statistisch effizientesten Abschlüssen basiert: Dreiern, Korblegern, Freiwürfen. Defensiv will er der Wurfgewalt der Warriors mit vielseitigen, athletischen Flügelverteidigern und einem beweglichen Abräumer in der Zone Herr werden.

Zur Umsetzung dieser Ideen krempelte Morey in den vergangenen Jahren das gesamte Team um - und scheint seiner Vision aktuell näher denn je. Superstar James Harden erzielte in der regulären Saison den höchsten Punkteschnitt der Liga (30,4), Co-Star Chris Paul fügte sich in seiner ersten Spielzeit in Texas blendend ein und hievte das Team defensiv wie offensiv auf ein neues Level. Angeführt von ihren Top-Spielern brausten die Rockets zu einem Franchise-Rekord von 65 Siegen und erzielten damit die beste Bilanz der NBA. Noch vor den Warriors.

Jahrelange Dominanz kann schlampig machen

Nicht nur deshalb geriet in Oakland die Fassade der Unbesiegbarkeit ins Bröckeln. Während der kräftezehrenden regulären Saison hatte Golden State mit reichlich Verletzungssorgen zu kämpfen. Und nicht nur das. "Wir sind mental müde", erklärte Coach Kerr ESPN, seine Mannschaft spielte über Monate fahrig und unkonzentriert.

Stephen Curry
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Stephen Curry

Jahrelange Dominanz und das Wissen, besser zu sein, kann eben auch nachlässig machen - und sicher geglaubte Titel kosten. Nach zehn Niederlagen aus den finalen 17 Saisonspielen schwenkten daher viele Basketball-Experten um und erklärten die Houston Rockets zum neuen Titelfavoriten Nummer eins.

Zwei Playoff-Runden später wirkt diese These mehr als gewagt. Pünktlich zur heißen Titelphase scheinen die Probleme der Warriors vergessen. Das Team spielt wieder in Bestbesetzung, erzielt unter allen Playoff-Teilnehmern die meisten Punkte (110,3), spielt die meisten Assists (28,8) und lässt pro 100 Ballbesitze die wenigsten Zähler zu (99,3). Kurzum: Die Warriors sind auf dem Weg zurück zu ihrer Spitzenverfassung. Und in Top-Form sind sie weiterhin konkurrenzlos.



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