SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

22. Juni 2012, 12:25 Uhr

Triumph im NBA-Finale

"King James" krönt sich selbst

Aus Miami berichtet Marcel Friederich

Den Spitznamen "King James" hatte sich LeBron James schon vor langer Zeit gegeben. Doch er war ein König ohne Krone - bis jetzt. Der Basketball-Superstar hat die Miami Heat zum NBA-Titel geführt. In den Playoffs hat der 27-Jährige endgültig den Wandel vom Ego-Zocker zum Anführer vollzogen.

Auf diesen Moment hatte er so lange gewartet. Und als es endlich soweit war, "wusste ich gar nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte", sagte LeBron James SPIEGEL ONLINE. Wie ein kleines Kind, ja wie eine Art Zappelphilipp hüpfte er nach dem entscheidenden vierten Sieg in den NBA-Finals über das Spielfeld. "Hat das wirklich so dämlich ausgesehen?", fragte James: "Falls ja, ist mir das heute völlig egal. Wir sind Champion. Das alleine zählt."

Dämlich, unglücklich, ungekrönt - so war es für James bei seinen beiden vorherigen Auftritten in den NBA-Finals gelaufen. Der 27-Jährige gehört schon jetzt zu den besten Basketballern der NBA-Geschichte, die Meisterschaft hatte er bislang aber nicht gewonnen. 2007 verlor er mit den Cleveland Cavaliers gegen die San Antonio Spurs (0:4), im Vorjahr scheiterte er im Heat-Trikot an Dirk Nowitzki und den Dallas Mavericks (2:4).

"Ich bin mir sicher: Jetzt wird niemand mehr sagen, dass LeBron und die Finals nicht zusammen passen", sagte Miamis Co-Star Dwyane Wade: "Heute hat jeder gesehen, dass er ein Siegertyp ist." So erhielt James auch die Auszeichnung zum wertvollsten Spieler (MVP) der Best-of-seven-Finalserie. Sowohl bei den Punkten (durchschnittlich 28,6) wie auch bei den Rebounds (10,2) und Assists (7,4) führte er sein Team gegen die Oklahoma City Thunder an.

"Nach der Niederlage im vergangenen Jahr haben mich viele Leute verspottet. Sie haben gesagt, ich sei ein egoistischer Basketballer, ein egoistischer Mensch sogar, der nur auf seine eigenen Vorteile schaut", sagt James. "Das war eine ganz bittere Erfahrung. Aber es mag vielleicht ein bisschen komisch klingen: Im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte. Denn so habe ich zurück zu den Basics gefunden", sagte der Superstar.

James ist zu einem echten Anführer geworden

Im vergangenen Sommer arbeitete James hart an seinen Fähigkeiten - nicht immer hatte er zuvor einen solchen Trainingseifer entwickeln können - und stand dabei auch mit Center-Legende Hakeem Olajuwon in der Trainingshalle. So verbesserte das 2,03-Meter-Muskelpaket seine Bewegungen direkt unter dem Korb, während er auf dem Flügel und im Schnellangriff dank seiner einmaligen Dynamik und Schnelligkeit ohnehin kaum zu stoppen ist. "Mittlerweile", sagt Wade, "ist LeBron für mich der dominanteste Spieler, den die NBA jemals gesehen hat".

Aber nicht nur sportlich, sondern auch charakterlich hat James einen entscheidenden Schritt nach vorne gemacht. Aus dem einstigen Ego-Zocker ist speziell in den diesjährigen Playoffs mehr und mehr ein echter Teamspieler geworden.

Vor gar nicht allzu langer Zeit war es für James' Mitspieler noch sehr frustrierend, mit im zusammen auf dem Feld zu stehen. "Er wollte andauernd den Ball haben. Und wenn du selbst einen Fehler gemacht hast, hat er dich sofort angeschissen", sagt Teamkollege Shane Battier: "Doch in den vergangenen Wochen ist er viel ruhiger und abgeklärter geworden. Er vertraut jetzt seinen Mitspielern und gibt uns dadurch allen Selbstvertrauen. So wie ein echter Leader eben."

Auch in der Kabine zeigte James während der achtwöchigen Playoffs ein anderes Gesicht. Anstatt seine Mitspieler regelmäßig mit lauter Rap-Musik zu beschallen, griff der Forward vor wichtigen Spielen immer wieder zu Büchern. Zuletzt die Science-Fiction-Trilogie "The Hunger Games" von Suzanne Collins. "Während den Playoffs denkst du fast 24 Stunden lang nur an Basketball", sagt James. "Aber durch das Lesen 20 oder 25 Minuten vor dem Anpfiff kann ich noch mal abschalten und ein bisschen runterfahren."

Die Entwicklung des vormals verwöhnten und habgierigen Ego-Zockers hin zum ausgeglichenen und teamfähigen Anführer hat sich gelohnt. LeBron James, einer der talentierteste Basketballer der Welt, hat seinen großen Traum erfüllt: den Gewinn des NBA-Titels. Weil die wichtigsten Spieler des Teams auch in Zukunft an die Heat gebunden sind, hat James weitere Titel fest im Blick. Im Überschwang der Gefühle ist deshalb auch ein dämlicher aussehender Jubeltanz erlaubt.

URL:

Mehr auf SPIEGEL ONLINE:


© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH