LeBron James in den Playoffs Es reicht nicht, der Größte zu sein

Der beste Basketballer der Geschichte? Für viele ist das mittlerweile LeBron James. Aktuell spielt Clevelands Superstar die besten Playoffs seiner Karriere - und doch ist er in den Finals nur der Underdog.

LeBron James
DPA

LeBron James

Von Philipp Awounou


Spiel eins der NBA-Finals zwischen den Cleveland Cavaliers und Golden State Warriors, die letzten Sekunden laufen. Es steht 107:107 - und LeBron James ist außer sich. "Tu doch irgendwas!", scheinen seine Hände zu schreien. Die Gesten richten sich an J.R. Smith, der nach einem vergebenen Freiwurf seines Teamkollegen George Hill den Ball in den Händen hält. Er könnte werfen, James anspielen, ein Timeout nehmen. Zum Held werden.

Doch Smith tut nichts dergleichen. Er wendet sich vom Korb ab und dribbelt weit hinter die Dreierlinie. Dort lässt er die Uhr herunterlaufen, bis die Cavaliers nur noch einen erfolglosen Verzweiflungswurf loswerden. Wenig später wird er, auf TV-Bildern gut erkennbar, sagen: "Ich dachte, wir lägen vorne." Er irrte.

In der anschließenden Overtime unterlag Cleveland den Golden State Warriors 114:124 und die Bilder des verzweifelten James, der sekundenlang vergeblich auf Smiths Anspiel wartete, gingen um die Welt. Sie stehen sinnbildlich für das Dilemma des selbst ernannten "Kings": Das Dilemma, besser zu sein als alle anderen - es aber trotzdem nicht allein richten zu können.

Stellenweise hatte James die Welt an dem Grundsatz des Teamsports zweifeln lassen. Quasi im Alleingang führte er seine Cavaliers ins Finale und trat dabei so dominant auf, dass viele schon jetzt von der besten Playoff-Performance der Geschichte sprechen.

"Es gibt nichts, was er nicht kann"

"LeBron ist der Wahnsinn", sagt auch Jared Cunningham. Aktuell kämpft der Shooting Guard mit dem FC Bayern um die deutsche Meisterschaft, vor drei Jahren spielte er an James' Seite in der NBA. "Er kann punkten, passen, rebounden und ist dazu noch ein großartiger Anführer. Es gibt nichts, was er nicht kann."

James' aktuelle Statistiken decken Cunninghams Eindruck. Der Superstar der Cavaliers liefert mit 34,6 Punkten, 9,2 Rebounds, 9,0 Assists, 1,4 Steals und einem Block pro Spiel überragende Playoff-Leistungen, doch sein Einfluss geht über nackte Zahlen hinaus: Die Selbstverständlichkeit, mit der er sein Team trägt. Die Nervenstärke in spielentscheidenden Situationen.

LeBron James spielt die besten Playoffs seiner Karriere
AP

LeBron James spielt die besten Playoffs seiner Karriere

Die Erwartbarkeit seiner Brillanz, die so weit reicht, dass 29 Punkte, 13 Rebounds und neun Assists in Spiel zwei gegen die Warriors (103:122) als allenfalls mittelmäßige James-Leistung eingestuft werden. Aktuell setzt er Maßstäbe, die bloße Zahlen kaum angemessen wiedergeben können - weshalb historische Vergleiche gezogen werden. "Ich weiß nicht, ob ich jemals einen Spieler so gut habe Basketball spielen sehen", sagte etwa Warriors-Trainer Steve Kerr.

Der Erfolgscoach darf sich ein Urteil erlauben: Mit Kevin Durant, Steph Curry, Klay Thompson und Draymond Green trainiert er gleich vier der besten Spieler ihrer Generation, obendrein spielte er zu aktiven Zeiten an der Seite von Michael Jordan. Letzterer genoss über zwei Jahrzehnte unangefochten den Ruf des GOAT, des "greatest of all time". An diesem Status rüttelt James mittlerweile gewaltig, nicht zuletzt dank seiner herausragenden Playoffs 2018.

Und James' Mitspieler? "Es ist super, an LeBrons Seite zu spielen. Er macht die Dinge für alle leichter", sagt Cunningham. Aktuell lässt sich allerdings keiner von James' Nebenmännern wirklich positiv hervorheben. Hill, Smith und Kevin Love leisten vereinzelt Hilfe, doch konstante, verlässliche Unterstützung erhält James derzeit von keinem seiner Teamkollegen.

Können die Cavaliers dennoch gegen die Warriors bestehen?

In Spiel eins lieferte James mit 51 Punkten, acht Rebounds und acht Assists eine der besten Individualleistungen der Playoff-Geschichte. Am Ende musste er jedoch zusehen, wie Hill seinen Freiwurf vergab und Smith einen Denkfehler beging. Statt des möglichen Überraschungssiegs in Oakland stand so eine bittere Niederlage zu Buche, die der ohnehin schon dürftigen Teamchemie in Cleveland weiteren Schaden zugefügt haben dürfte.

Bereits in Spiel zwei machte sich das bemerkbar: Ohne den Hauch einer Chance gingen die Cavaliers gegen solide, aber keinesfalls glänzende Warriors unter. Und während Curry (33 Punkte) den Ball an All-Stars wie Durant (26), Thompson (20) oder Green weiterreichen konnte, lastete die Verantwortung auf Seiten der Clevelands einmal wieder auf den Schultern von James.

Gelaufen ist die Serie laut Cunningham trotz des 0:2-Rückstands der Cavaliers noch nicht: "LeBron sollte man niemals abschreiben. Aber er braucht sicher mehr Hilfe von seiner Crew."

Mit anderen Worten: Für einen Titel reicht es nicht, der GOAT zu sein.



insgesamt 18 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
vliege 06.06.2018
1. His Airness Michael Jordan
ist und bleibt der GOAT. Bis heute gab es keine Ära mit solch einer breiten Masse von außergewöhnlichen Talenten und Spielern wie in den 90ern und 2000ern in den jeweiligen Teams. Von Barkley und Bird bis Duncan, von Malone und Magic bis Olajuwon, von Ewing bis Stockton, um nur einige zu nennen. Das waren die Gegenspieler eines Jordan. Das "Original" Dream Team der Olympischen Spiele von 1992 in Barcelona ist bis heute das non plus Ultra des Basketball. Le Bron James ist ohne Zweifel ein außergewöhnlicher Spieler der sicherlich auch in der Golden Ära des Basketballs gestrahlt hätte. Gegen die Eleganz in der Spielweise und die Dominanz über mehr als ein Jahrzehnt von MJ kommt er allerdings nicht heran.
maschwabu 06.06.2018
2. Also bitte..:
Vergleiche haben immer einen angeborenen Klumpfuß. Wenn man Basketball aber als mehr betrachtet als es Statistiken aussagen -ein Spiel, dessen Reiz sich ohne etwas wie Anmut der Bewegung nicht erklären lässt, dann - dann stellt sich die Frage nach GOAT so nicht. Da fielen mir viele Erinnerungswürdigere ein.
bistdusafe 06.06.2018
3. LeGoat
Basketball ist ein Teamsport, Ja. Trotzdem sind die Stats die LeBron auflegt, Jahr für Jahr, unerreicht. Die Liga heute ist sehr stark, wenn nicht sogar stärker als in den 90er. Man gucke sich nur das Olympia Team von 2012 an. Esthetik hin oder her, LeBron James ist durchaus ein ernstzunehmender Kandidat den GOAT Status von MJ zu übernehmen. Man kann nur hoffen, das ein Ausnahmeathlet wie er noch ein paar Jahr seinem Sport nachgeht.
larry_lustig 06.06.2018
4. Er ist nicht der GOAT
egal wie viele Titel er holt oder Punkte macht.... Oder wie tolle Werbeverträge er hat Er hat einfach nicht die technische Brillanz und das Gefühl eines Michael 'Air Jordon....
ramon 06.06.2018
5. King James oder His Airness
Die Diskussion um den GOAT ist so müßig. Es gibt so viele Spieler, die Basketball maßgeblich beeinflusst haben. Unabhängig davon sind die Leistungen von LeBron einfach phänomenal.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.