New York Knicks: Große Träume im großen Apfel

Von Sebastian Dumitru

Keine Stadt ist hysterischer als New York, wenn es um die eigenen Profiteams geht. Nach zahlreichen Neuverpflichtungen und dem besten Knicks-Start seit 19 Jahren träumen einige schon wieder vom Titel. Das Basketballmagazin "FIVE" erklärt, wie groß die Chancen wirklich sind.

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NBA-Profi Anthony: Topscorer der New York Knicks

In New York ist alles anders, größer, intensiver, überspannter. Das gilt insbesondere für den Sport und das Verhältnis der Menschen zu ihren Teams. Dauerspekulationen und cholerische Medien tragen ihren Teil dazu bei, in der stolzen Metropole, wo sie mit diesem Anspruch geboren werden, immer und bei allem der Beste zu sein.

Und mit den furios gestarteten Knicks gibt es nun wieder ein Team, das bei Fans Hoffnungen und Träume weckt. Eine Entwicklung, die nach der kapriziösen Offseason nicht zu erwarten war. Mit den Zugängen Jason Kidd (39 Jahre), Raymond Felton (28), Ronnie Brewer (27), Marcus Camby (38), Kurt Thomas (40), Pablo Prigioni (35) und Rasheed Wallace (38) wurden die Knicks zum ältesten Team der Liga - und kaum als Kandidat für die Top-Plätze angesehen. Ein Fehler.

Denn mit 21:8 Siegen und der fünftbesten Punktedifferenz hat sich die Mannschaft von Trainer Mike Woodson oben festgesetzt. Die Gründe für den Erfolg im Big Apple sind offensichtlich. Da ist zum Beispiel Coach Woodson, der es viel besser als sein Vorgänger Mike D'Antoni geschafft hat, den Spielstil auf sein Personal zuzuschneiden. Wie schon bei seinem letzten Club Atlanta Hawks setzt Woodson auf einen "Top Dog", einen Leitwolf, über den dann die meisten Angriffe laufen. Bei den Hawks war es Joe Johnson, in New York ist es Carmelo Anthony.

Der scheint, so komisch es klingen mag, vom verletzungsbedingten Fehlen Amar'e Stoudemires zu profitieren. Dadurch rutschte Anthony auf die Power-Forward-Position und hob sein Spiel auf ein neues Level. 28,5 Punkte erzielt er im Schnitt - der beste Wert seiner bisherigen Karriere.

Größere Gegner sind ihm meist hoffnungslos unterlegen, weil sie mit seiner Schnelligkeit nicht zurechtkommen. Über kleinere Forwards wirft Anthony einfach drüber. Die kleine Knicks-Aufstellung mit Tyson Chandler als einzigem Mann für das Pick-and-Roll auf der Fünf und "Melo" als Mismatch auf der Vier besitzt eine große Power, weil die restlichen Positionen ebenfalls "nach oben rutschen" und die unorthodoxe Aufstellung fortsetzen.

Stoudemires Rückkehr könnte zum Problem werden

Normalerweise assoziiert man mit offensiver Effizienz schnellen und spektakulären Basketball. Die Knicks sind hierzu das Gegenbeispiel, denn seine Wirkung bezieht der extrem langsame Angriff vornehmlich aus Ballsicherheit, Isolationen und Distanzwürfen. Exzellentes Aufbauspiel und die mit Abstand niedrigste Turnover-Rate der Liga haben zur Folge, dass New York nur selten Fastbreak-Punkte kassiert.

Anthonys Extraklasse bei Isolationen und Post-ups, gute Raumaufteilung und die zahlreichen uneigennützigen Passstafetten garantieren viele freie Dreier. Doch der Spielstil sorgt auch für Probleme: Das Rebounding der Knicks leidet immens, da Chandler häufig auf dem Flügel aushelfen muss und so zu weit vom Korb entfernt ist, um den Rebound zu dominieren.

Das häufige Werfen von draußen hat außerdem zur Folge, dass außer Anthony kaum jemand regelmäßig Freiwürfe - und damit leichte Punkte - bekommt. Und letztlich: Egal wie gut Woodsons Teams in der regulären Saison auch immer waren - der Übungsleiter hat es mit ihnen nie über die zweite Playoffrunde hinausgeschafft. Seine Postseason-Bilanz von 12:22 ist schwach.

Ob der Coach diese Bilanz ausgerechnet mit den Knicks aufbessern kann, wird vor allem von einer Sache abhängen: Wie schafft er es, Stoudemire in die Rotation zu integrieren? Woodson will vermeiden, dass seine bisher erfolgreiche Mannschaft mit der Erzeugung neuer, ungesunder Dynamiken geschwächt wird. Stoudemire also direkt nach seiner Genesung Ende Dezember wieder in die Starting Five zu beordern, wäre grob fahrlässig. Zum einen, weil er damit die gesamte Chemie der Startformation zunichte machen würde. Zum anderen, weil die Vergangenheit gezeigt hat, dass der Frontcourt für ein Trio bestehend aus Chandler, Stoudemire und Anthony einfach zu klein ist.

Das bedeutet nicht, dass Stoudemire nun auf einmal überflüssig geworden ist, ganz im Gegenteil. Schließlich führte er die Knicks 2011 mit 25,3 Punkten bei 50,2 Prozent Feldquote nach sechs Jahren Abstinenz wieder in die Playoffs. Aber Anthony und Stoudemire, Seite an Seite über mehr als 30 Minuten, das kann nicht gutgehen. Stoudemire hat indirekt bereits verlauten lassen, mit einer Ersatzrolle kein Problem zu haben. Er würde so vieles erleichtern.

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Basketball-Glossar
Zu einem Basketballteam gehören fünf Akteure. Auf der Eins spielt der Point Guard (Aufbau). Die Zwei hat der Shooting Guard inne, dessen vornehmliche Aufgabe es ist, Punkte zu erzielen. Die Drei ist der Small Forward, eine wendige Flügelkraft mit einem guten Wurf. Spieler, die auf der Zwei oder Drei eingesetzt werden können, heißen "Swingmen". Die Vier ist der Power Forward, ein kräftiger Spieler, der durch seine Größe auch für Rebounds prädestiniert ist. Auf der Fünf spielt der Center, der zumeist in Korbnähe agiert. Die Positionen Eins und Zwei bilden den Backcourt, Drei bis Fünf sind der Frontcourt.