NBA-Star Terry Rozier III Mein Vater, der Verbrecher

Im Alter von 24 Jahren feiert Terry Rozier III erstmals gemeinsam mit seinem Vater Neujahr. Der Spieler der Boston Celtics musste lange ohne Terry Senior auskommen - weil der im Gefängnis saß.

Terry Rozier Jr. im Spiel der Boston Celtics gegen die Milwaukee Bucks
AP

Terry Rozier Jr. im Spiel der Boston Celtics gegen die Milwaukee Bucks


Sie kennen sich schon lange, sie sind sogar verwandt - dennoch haben der 42 Jahre alte Terry Rozier Sr. und sein 24-jähriger Sohn, Terry Rozier III, bislang nur wenig Zeit miteinander verbracht. Denn während der Sohn es zu den Boston Celtics in die Basketball-Profiliga NBA schaffte, saß der Vater fast durchgehend im Gefängnis. Nun ist er wieder frei und die beiden verbringen erstmals den Neujahrstag zusammen. "Ich weiß noch nicht, was wir machen. Aber es wird auf jeden Fall ein Spaß. Dafür werden wir sorgen", sagt Rozier III dem SPIEGEL.

Er steht in der Celtics-Kabine und spricht ausführlich über seinen Vater, Schusswaffen in den Kindheitstagen und Lebensgefahr daheim in Youngstown, Ohio. Rozier III hat keine Probleme, seine Geschichte zu erzählen. Er wirkt dabei weder emotional, noch aggressiv. Für ihn sei es eine "Selbstverständlichkeit" gewesen, seinen Vater abzuholen, als dieser am 6. August aus der Haftanstalt entlassen wurde. Er betont, dass die Beziehung "nun anders ist", beide miteinander reden könnten, "wann immer wir wollen." Das sei er bislang nicht gewohnt gewesen.

Kindheit in Murdertown, USA

Terry Rozier III kommt am 17. März 1994 in Youngstown zur Welt. Seine Heimat war einst eine stolze Stahlstadt. Weitaus bekannter ist sie jedoch für Kriminalität und Korruption. Als die Mafia-Clans aus Pittsburgh und Cleveland in den Fünfziger- und Sechzigerjahren um die Vorherrschaft im Mahoning Valley kämpften, in dessen Zentrum Youngstown liegt, hatte die Stadt Spitznamen wie "Murdertown, USA" oder auch "Bomb City, USA".

Wer der Mafia in die Quere kam, wurde entweder erschossen oder mit Autobomben in die Luft gejagt. Bis zur Jahrtausendwende dauerten die erbitterten Kämpfe in der 65.000-Einwohner-Stadt an. Noch im Jahr 2000 hieß es im Politikmagazin "The New Republic", dass der Polizeichef, der aus dem Amt scheidende Staatsanwalt, der Sheriff, Mitglieder der lokalen Polizei, verschiedene Strafverteidiger, Politiker und Richter vom "Mob" kontrolliert würden.

"Viele, die hier aufwachsen, verbringen ihr gesamtes Leben hier. Weil sie nichts anderes kennen", sagt Roziers Mutter, Gina Tucker. Sie hat drei Kinder von drei Männern. Einer wurde erschossen, die anderen beiden, darunter Terry Rozier Sr., landeten im Knast. Er ist 18 Jahre alt, als Terry Rozier III geboren wird. Nur zwei Monate später wird der Vater wegen schweren Raubes zu acht Jahren Gefängnis verurteilt.

Als der Sohn sechs ist, entscheidet die Mutter, der kleine Terry müsse weg aus Youngstown. Die Gegend, in der sie lebt, ist zu gefährlich. Um sich und den Sohn zu schützen, besitzt sie drei Waffen - alle drei hat sie immer griffbereit. Einmal feuert ein Ex-Freund von ihr mehrere Schüsse aufs Haus ab. Die Kugeln durchschlagen die Außenwand. Terry ist zwar noch sehr jung, bekommt aber mit, dass im Haus Waffen versteckt sind - und spielt mit ihnen. Das sei alles "Teil meiner Umgebung" gewesen, sagt Rozier III, der das Gros seiner Kindheit und Jugend fortan bei der Großmutter in einem Vorort von Cleveland verbringt.

Raus aus dem Gefängnis, rein ins Gefängnis

Als er neun Jahre alt ist, kommt sein Vater aus dem Gefängnis. Die zwei finden schnell zueinander, verbringen viel Zeit miteinander. Es sei "der beste Sommer" seines Lebens gewesen, sagt Rozier III noch heute. Er hatte endlich das, was seine Freunde schon immer hatten: einen Vater, der mit ihm Football oder Basketball spielt und ihm das Angeln beibringt. Doch diese Harmonie endet am 27. Juli 2003. Er bereue jeden Tag, was er damals getan habe, sagt Rozier Sr., denn er habe "so viel verloren".

Zusammen mit drei Kumpels lockt er ein Paar zu einem Haus, um ihm vermeintlich Autofelgen zu verkaufen. Doch in Wirklichkeit wollen sie die beiden ausrauben. Es kommt zu einer Rauferei, in deren Folge sich ein Schuss löst und ein 17 Jahre alter Räuber stirbt. Rozier Sr. und die anderen beiden bekennen sich schuldig, werden wegen Entführung, Raubes sowie fahrlässiger Tötung in einem minder schweren Fall verurteilt. 2005 tritt Rozier Sr. eine 13-jährige Haftstrafe an. Sein Sohn ist elf Jahre alt - und für die wichtigste und prägendste Phase seines Lebens ohne Vater.

Beide reden einmal die Woche miteinander. Es sind lange Gespräche. Wenn Sohn und Vater heute telefonieren, sagt Rozier III, dann sei das "wie zu seinen Gefängniszeiten. Denn wir reden eine Ewigkeit." Er hat seinem Vater ein kleines Haus in einem Vorort von Youngstown gekauft. Terry Rozier Sr. arbeitet dort bei einer Reinigungsfirma. Anfang Oktober hatte er seinen Sohn erstmals live spielen sehen. Die Celtics gastierten in Cleveland und der Junior hatte seinem Vater einen Platz direkt am Spielfeld besorgt. Mitte November war Rozier Sr. dann zum ersten Mal bei einem Heimspiel der Celtics. Am 2. Januar gegen Minnesota wird er wieder in der Arena sitzen.

Beiden sei bewusst, sagt Rozier III, dass der Vater die verlorene Zeit im Gefängnis nicht wiedergutmachen könne. Dennoch sei es ihm immer wichtig gewesen, ihn in seinem Leben zu behalten, den Kontakt nie abzubrechen. Terry Rozier Sr. ist stolz auf seinen Sohn, bewundert seine Entwicklung, macht aber zugleich deutlich, dass er keinen Anteil daran habe. Gegenüber der Tageszeitung "Boston Globe" meinte er: "Terry ist irgendwie genau wie ich, aber andererseits komplett anders. Er ist ein besserer Mann, als ich es war."

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die ursprüngliche Überschrift "Mein Vater, der Killer" geändert. Terry Rozier Sr. wurde wegen Entführung, Raubes sowie fahrlässiger Tötung in einem minder schweren Fall verurteilt - nicht aber wegen eines Mordes. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.



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schimpfele 31.12.2018
1. Schöner Artikel...
...mit einer Überschrift, welche auch aus der Bild-Zeitung stammen könnte....
doc_snyeder 31.12.2018
2. Wie nett!
Was für eine schöne Geschichte! - Richtig herzerwärmend.
slideaway 01.01.2019
3.
rozier hat mit seinem rookie-vertrag, der nach der laufenden saison endet, gut 9 mio dollar brutto verdient. er wird wahrscheinlich nach der saison einen vertrag unterschreiben, der ihm in den nächsten 4 jahren mind. 10 mio jährlich einbringt. da hätte es doch bessere möglichkeiten gegeben, den vater unterzubringen, als den im artikel beschriebenen ort youngstown.
creusa 03.01.2019
4. ist ja schließlich sein Arbeitsort...
Zitat von slideawayrozier hat mit seinem rookie-vertrag, der nach der laufenden saison endet, gut 9 mio dollar brutto verdient. er wird wahrscheinlich nach der saison einen vertrag unterschreiben, der ihm in den nächsten 4 jahren mind. 10 mio jährlich einbringt. da hätte es doch bessere möglichkeiten gegeben, den vater unterzubringen, als den im artikel beschriebenen ort youngstown.
Das stimmt. Allerdings arbeitet er dort ja und als mehrfach vorbestrafter Mann ist es wahrscheinlich auch nicht so einfach, nen Job zu finden. Auch wird er vielleicht dort noch Freunde und/oder Familie haben, dort kommt er ja schließlich her. Bei dem beschreiben guten Verhältnis von Vater und Sohn kann ich mir jedenfalls nicht vorstellen, dass das nicht in Absprache miteinander geschehen ist.
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