NBA-Überraschung Utah Mormonen, die Jazz lieben

Die NBA-Playoffs gehen in die heiße Phase, und mittendrin steht Utah Jazz. Zwischen den Top-Teams mit ihren Superstars wirkt der Klub wie ein verschrobener Außenseiter.

Donovan Mitchell
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Donovan Mitchell


Die Sache mit dem merkwürdigen Namen ist schnell erklärt. Das NBA-Team, das heute Utah Jazz heißt, wurde ursprünglich in New Orleans gegründet, der Geburtsstadt des Jazz. Fünf Jahre später, 1979, zog der Klub in den Mormonen-Staat Utah, nach Salt Lake City. Eine historische Verbindung zum Jazz gab es zwar nicht. Doch der Name blieb. Und wer sich auch nur ein wenig für den US-Basketball interessiert, dem ist er begegnet.

Etwa wegen John Stockton, der in 19 Jahren bei diesem Team auf 15.806 Vorlagen kam. NBA-Rekord. Stocktons langjähriger Teamkollege Karl Malone ist mit fast 37.000 Punkten der zweitbeste Scorer der NBA-Geschichte. Ende der Neunzigerjahre stand das Duo zweimal im Finale um die Meisterschaft, das Team verlor beide Serien gegen Michael Jordan und die Chicago Bulls. Utah gewann zwar nie die Meisterschaft, eine große Zeit erlebte der Klub damals trotzdem.

Ein Finale Bulls gegen Jazz, das klingt aktuell reichlich absurd. Dass Utah in dieser Saison in den Playoffs dabei ist, war keinesfalls selbstverständlich. Dass in der ersten Serie mit Oklahoma City Thunder ein Top-Team ausgeschaltet wurde (4:2), geht als Überraschung durch.

Je weniger Stars, desto besser

Oklahoma hat mit Russell Westbrook, Paul George und Carmelo Anthony drei Ausnahmeathleten der NBA unter Vertrag. Das Team folgt damit einem aktuellen Trend in der Liga: Je mehr Stars, desto besser. Stars im Utah-Kader? Sucht man vergebens. "Die Stärke unseres Teams ist: wir spielen als Team", sagte Jazz-Profi Ricky Rubio zu NBA TV. Klingt nach einer Plattitüde, stimmt aber tatsächlich. In den Playoffs kommen bisher fünf Utah-Profis auf einen zweistelligen Punkteschnitt.

Natürlich gibt es Spieler, die sportlich stärker einzuschätzen sind als die Kollegen. Rubio selbst gilt als geschickter Passgeber, aber wenig begnadeter Scorer. Vor der Saison schickten ihn die Minnesota Timberwolves nach Utah. Dort konnte er seine Trefferquote steigern, in den Playoffs gelangen ihm bislang im Schnitt 14 Punkte, sieben Vorlagen und sieben Rebounds.

Ricky Rubio
AFP

Ricky Rubio

Vor allem aber ist Donovan Mitchell zu nennen, ein 21-Jähriger, der seine erste NBA-Saison spielt. Die Erwartungen an solche Neulinge, genannt "Rookies", sind gering. Mitchell aber ist der beste Scorer seines Teams. 21 Punkte pro Partie legte er in der regulären Saison auf, in der ersten Playoff-Runde waren es sogar fast 28.

Utahs Erfolg basiert aber vor allem auf einer starken Verteidigung. Im Schnitt lässt das Team knapp 100 gegnerische Punkte zu. Nur die San Antonio Spurs haben in der regulären Saison genauso gut verteidigt. Jazz hat von seinen vergangenen 32 Saisonspielen nur sechs verloren und es so noch in die Playoffs geschafft.

Im Halbfinale erneut klarer Außenseiter

Im Gegensatz zum Namen blieb Utah Jazz ein Markenzeichen nicht erhalten: das "J" im Logo, das die Form einer Musiknote hat, eine Hommage an die Jazzmusik. Das Logo überstand zwar den Umzug nach Utah 1979, allein der Stadtname im Emblem wurde ausgetauscht. 1996 aber wurde das Logo geändert. Statt der Note war etwas zu sehen, für das Utah eher bekannt ist: Bergspitzen. Doch 2010 kehrte die Musiknote auf Wunsch der Fans zurück. "Für viele ist es das Logo, mit dem sie aufgewachsen sind und mit dem sie das Team haben spielen sehen", sagte der damalige Jazz-Präsident Randy Rigby. Und die Meinung des Anhangs wird im Klub geschätzt. Schließlich trägt er seinen Teil zum Erfolg bei.

Die Fans seien "erbarmungslos", sagt Rookie Mitchell. Das waren sie schon früher. Lakers-Legende und Ex-Profi Kobe Bryant sagte einst: "Die Jazz-Fans haben mich richtig sauer gemacht. Bei Freiwürfen hatte ich das Gefühl, sie schreien mir direkt ins Ohr." Thunder-Star Russell Westbrook beklagte nach dem Playoff-Aus, die Anhänger würden die Familien und Kinder der gegnerischen Profis beleidigen. "Den Spielern werden hier viele respektlose und vulgäre Dinge an den Kopf geworfen", so der MVP der Vorsaison.

In der zweiten Playoff-Runde muss Utah zunächst auf seine Fans verzichten. Das erste Spiel der Serie findet am Sonntagabend (21.30 Uhr) in Houston bei den Rockets statt. Gegen das Team um die Superstars James Harden und Chris Paul gilt Utah als krasser Außenseiter. Die Rolle scheint Utah Jazz zu liegen.

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insgesamt 4 Beiträge
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fenasi_kerim 29.04.2018
1. Mitchell
ist wirklich DER Steal seiner Draft-Klasse. Schon die Regular Season war auf roty-niveau. Aber die Steigerung in den Playoffs lässt einen ernsthaft den Hut ziehen!
tizian 29.04.2018
2.
Hallo, Da hat sich ein kleiner Fehler eingeschlichen. Die Serie ist mit 4:2 an Utah gegangen, nicht 4:3 wie im Artikel gesagt wird. Hat man da vielleicht schon an Cleveland gedacht ;) ?
meimic29 29.04.2018
3.
„Doch 2010 kehrte die Musiknote auf Wunsch der Fans zurück“ - laut der angegeben Quelle wurden 2010 die Vereinsfarben gewechselt. Das Logo blieb ansonsten in seiner Form von 1996... ich sehe da keine Musiknote.
ulancelot 29.04.2018
4. Hier in Utah keine denkt an Utah als einen Aussenseiter
Utah Jazz hat schon in regulaerer season alle groessen clubs in Western Conference geschlagen, inklusive 3 mal Golden Gates Warriors, nur Rockets blieben ungeschlagen. Rockets spielen einen beindrueckenden saeson. Ich hoffe die lassen uns ein paar spiele gewinnen. gruesse aus Salt Lake
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