Neuer Weltmeister Duhamel: Die Pokerjugend triumphiert

Von Lasse König

Er ist jung - und braucht nun kein Geld mehr. Jonathan Duhamel hat sich in Las Vegas zum Pokerweltmeister und Millionär gemacht. Der Sieg des Kanadiers bestätigt einen Trend: Über-30-Jährige haben am Spieltisch kaum eine Chance.

Pokerweltmeister: Duhamel und die Diamanten Fotos
REUTERS

Ganz am Ende überraschte er doch noch alle - mit seinen Emotionen. Bangte vor der letzten Karte und schrie danach. Rannte zu seinen Fans, jubelte, ballte die Fäuste. Es war ein Ausbruch scheinbar ganz untypisch für Jonathan Duhamel: Den Großteil der Poker-WM hatte er damit zugebracht, sich regungslos unter seiner schwarzen Kapuze zu verstecken.

Seit dieser Nacht ist Duhamel, 23, der neue König der Pokerwelt. Der Kanadier siegte beim Main Event der World Series gegen John Racener und gewann den prestigeträchtigsten Titel im Poker samt neun Millionen Dollar und bleibendem Ruhm. Sein Bild wird im kommenden Jahr überlebensgroß von der Decke der Casinos von Las Vegas hängen neben all den legendären Vorgängern wie Doyle Brunson, Stu Ungar oder Johnny Chan.

Nur dass das niemanden mehr überraschte.

Mit 190 Millionen in Chips hatte sich Duhamel an den Pokertisch im Penn & Tellers Theatre in Las Vegas gesetzt, erspielt in einem achttägigen Marathon gegen mehr als 7000 Gegner im Juli. Noch weiter erhöhte sich die Summe am Finaltisch der besten neun vor zwei Tagen. Gegenüber von Duhamel saß John Racener mit gerade mal 30 Millionen. Es war, als würde Borussia Dortmund gegen Bayern München spielen - und schon vor dem Anpfiff 0:5 zurückliegen.

Grinsen unter der Kapuze

Unter diesen Voraussetzungen dauerte das Heads-up verhältnismäßig lange. Einmal konnte der ständig kaugummikauende Racener seinen Stack mit Damen gegen Duhamels König-4 verdoppeln, doch schon nach zwei Stunden war er machtlos gegen Ass-Bube. Er tröstete sich mit 5,5 Millionen Dollar, während Duhamel, gebeugt über einen Berg Dollarscheine, in die Kameras lächelte.

Viele haben den Kanadier Duhamel als arrogant bezeichnet, genau wegen dieses Lächelns. An Tag acht des Main Events war das, als Jonathan Duhamels Traum vom Titel fast geplatzt wäre. Eine andere Karte, und nicht der junge Mann aus Montreal wäre in Führung gegangen, sondern ein rundlicher, junger Mann namens Matt Affleck. Doch Duhamel gewann mit einer Straße gegen Afflecks Asse, und als dieser weinend und mit hängendem Kopf am Tisch stand, grinste Duhamel unter seiner Kapuze.

Duhamel hatte oft Glück während des Main Events. Aber er war auch gnadenlos, berechnend und mutig. Er bluffte in den richtigen Momenten. Der Mann, der schnelle Autos mag und Fallschirmspringen, spielte so, wie er lebt: immer am Anschlag. Und der Fallschirm ging stets auf: Bereits am sechsten Tag rettete ihn ein Ass vor dem Aus.

Nach seinem Sieg schien Duhamel kurzfristig so überwältigt, dass ihm vor den Kameras nichts Besseres einfiel, als zu sagen, dass er nichts sagen könne. Der Mann, der Finanzwissenschaften studiert, sagt einfach, was er denkt.

Die Internetkids dominieren

Peter Eastgate gewann das Main Event 2008 mit gerade 21 Jahren. Joe Cada im vergangenen Jahr war sogar noch jünger. Nun saßen sich im Penn & Tellers ein 23-Jähriger (Duhamel) und ein 24-Jähriger (Racener) gegenüber, die sich an einem Neun-Mann-Tisch mit lauter 22-, 23- und 24-Jährigen durchgesetzt hatten. Der Angestellte und Pokeramateur Soi Nguyen war mit 37 der Älteste. Und so wurde das abgelaufene Main Event endgültig zum Triumph der Pokerjugend.

"In den vergangenen Jahren ist eine deutliche Verjüngung im Poker zu sehen", sagt Benjamin Kang, deutscher Pokerprofi und Autor. Die junge Generation habe die Theorie der Spielvariante No Limit Hold'em "wesentlich schneller verarbeitet und angewandt". Die Ursache dieses "exponentiell schnell wachsenden Wissensstands" sieht Kang in der Internetaffinität der Unter-30-Jährigen. Die Folge: Immer mehr junge Männer gewinnen immer mehr große Turniere - und das nicht nur in Amerika, sondern auch in Europa.

Die früher belächelten "Internetkids" dominieren das Poker, die Generation der 40-Jährigen hat Schwierigkeiten, überhaupt mitzuhalten. "Man ist im Job, hat vielleicht sogar Familie - da bleibt nicht unbedingt die Zeit, sich intensiv mit der Materie zu beschäftigen", sagt Kang. Racener fing mit 17 mit Pokern an, Duhamel in ähnlichem Alter. Nicht mal fünf Jahre später ist er der erste kanadische Pokerweltmeister.

Es gibt nicht viel, was Duhamel jetzt noch erreichen kann. Er wird einen großen Werbevertrag bekommen und Schwierigkeiten haben, sein Geld auszugeben. Das Erreichte zu bestätigen, gelingt ohnehin den allerwenigsten - es gibt sehr viele junge Spieler da draußen. Aber wenn es jemandem zuzutrauen ist, dann diesem Mann aus Montreal, der seine Zukunft schon vor zwei Wochen sehr genau kannte. Auf die Frage, wem er den Sieg beim Main Event gönnen würde, wenn er es selbst nicht schaffte, sagte Duhamel nur: "Ich werde gewinnen, nächste Frage."

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insgesamt 54 Beiträge
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1. nicht zum thema
924Frg 09.11.2010
Zitat von sysopEr ist jung - und braucht nun kein Geld mehr. Jonathan Duhamel hat sich in Las Vegas zum Poker-Weltmeister und Millionär gemacht. Der Sieg des Kanadiers bestätigt einen Trend: Über-30-Jährige haben am Spieltisch kaum eine Chance. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,728125,00.html
Einen schlechteren Vergleich hätte der Autor wohl kaum finden können!
2. Aha!
mafigo 09.11.2010
"Gegenüber von Duhamel saß John Racener mit gerade mal 30 Millionen. Es war, als würde Borussia Dortmund gegen Bayern München spielen - und schon vor dem Anpfiff 0:5 zurückliegen" Dortmund würde noch gewinnen
3. Poker und Schach ?
augu 09.11.2010
Stimmt es, dass gute Schachspieler auch ganz gute Pokerspieler sind und sich ihren Lebensunterhalt auf Pokerturnieren erspielen, weil durch Siege auf Schachturnieren nur sehr wenige ausreichend Geld zum Leben verdienen können ?
4. .
obacht! 09.11.2010
Zitat von mafigo"Gegenüber von Duhamel saß John Racener mit gerade mal 30 Millionen. Es war, als würde Borussia Dortmund gegen Bayern München spielen - und schon vor dem Anpfiff 0:5 zurückliegen" Dortmund würde noch gewinnen
Das ist doch eh ein hinkender Vergleich. Im Gegensatzt zum Fussball ist Pokern ein reines Glücksspiel. Mit Können hat das nichts zu tun. Das sieht man auch daran, dass noch nie ein Poker"meister" seinen Titel verteidigen konnte. Btw: gibt es eigentlich auch einen Roulette-Weltmeister?
5. .
obacht! 09.11.2010
Zitat von auguStimmt es, dass gute Schachspieler auch ganz gute Pokerspieler sind und sich ihren Lebensunterhalt auf Pokerturnieren erspielen, weil durch Siege auf Schachturnieren nur sehr wenige ausreichend Geld zum Leben verdienen können ?
Wer behauptet denn so etwas?
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Flush-Hour-Fans

Post für Lasse
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