Deutsche Rugby-Nationalmannschaft Entwicklungshilfe vom Exoten

In seiner rugbyverrückten Heimat Neuseeland wollte Kieran Manawatu Profi werden, doch Verletzungen kosteten ihn den Anschluss an die Top-Talente. Nun soll der 25-Jährige der erfolglosen deutschen Nationalmannschaft das Siegen beibringen. Sein Debüt am Wochenende war vielversprechend.

Jürgen Keßler

Von Tobias Jochheim


In der vorletzten Spielminute seines Länderspiel-Debüts stieß er in die Lücke der Verteidigung und drückte den Ball zum Siegtreffer hinter die gegnerische Linie. In seiner Heimat wäre Kieran Manawatu nun ein Volksheld. Doch der 25-Jährige spielt nicht mit den legendären "All Blacks" für den Weltmeister Neuseeland. Er spielt für Deutschland. Ein Land ohne eine einzige WM-Teilnahme. Auf Weltranglistenplatz 36, hinter Kasachstan und Korea. Doch hier bekam er die Chance, die ihm in Neuseeland keiner gab.

Statt vor 60.000 Zuschauern in Neuseelands Vorzeigestadion "Eden Park" spielte Manawatu am Wochenende auf einem winterlichen Acker in Tschechien. Es war sein erstes Spiel für die weitgehend unbekannte deutsche Rugby-Nationalmannschaft. Er spielte vor ein paar hundert Zuschauern auf Tore mit rostigen Pfosten. Er spielte nach sechs langen Stunden im Reisebus und vier kurzen Trainingseinheiten mit der Mannschaft. Doch er spielte. International. Nach drei Jahren Verletzungspause und einer Flucht ans andere Ende der Welt.

Mit 1,92 Metern und 95 Kilo ist Kieran Manawatu nie der größte oder der stärkste Mann auf dem Platz. Aber als kleiner Junge schon hatte er Rugby-Profi werden wollen, natürlich. "So ist das eben in Neuseeland", sagt Manawatu, als müsste er sich dafür entschuldigen. Sein Kreuz ist breit, seine Tacklings sind hart, aber seine Stimme ist leise. Als Fünfjähriger hatte er mit Rugby begonnen. Sehr bald fiel er auf: als außergewöhnlich schnell, entschlossen, mutig. Als Teenager war er zu gut für seinen verschlafenen Heimatort Westport. Also zog er quer durch Neuseeland, immer dorthin, wo man ihn am besten förderte.

In Neuseeland aussortiert, in Deutschland aufgeblüht

Mit 16 stand Manawatu in der U18-Auswahlmannschaft der Region Canterbury, mit 17 in der U21 von Hawke's Bay. "Dort mochten sie mich irgendwie", sagt Manawatu trocken. "Das war meine Chance, und ich habe sie vertan." 2004 verließ er die Kaderschmiede Hawke's Bay Academy, weil er seine Familie vermisste. Kurz danach kamen die Verletzungen - erst an der Leiste, dann an Knöchel und Schulter. Spritzen und Aufbautraining, immer und immer wieder. "Nichts half."

Anfang 2008 ließ sich Manawatu an der Schulter operieren. Danach war er endlich beschwerdefrei - und hatte doch den Tiefpunkt erreicht: Drei Jahre Spielpraxis waren unwiederbringlich verloren, ebenso der Anschluss an die Top-Talente und der Großteil seiner Liebe zum Spiel. Der Frust saß tief. Manawatu wollte weg, in die Welt hinaus - und der Sport war sein Ticket, seine beste Chance, trotz allem.

Mitte August 2008 rief ihn sein Landsmann Aaron Satchwell an, der damalige Trainer des SC Frankfurt 1880 (SCF): Ob er vielleicht Lust hätte, beim amtierenden Deutschen Meister zu spielen? Ulrich Byszio (47) hatte den Verein im Schnelldurchlauf aus der Dritten Liga geführt. Hauptberuflich ist er Edelmetallhändler, nebenberuflich Manager, Mäzen und Mädchen für alles beim SCF. Er will Erfolg und bietet Chancen. Diese war ein Vertrag - kündbar im Fall einer Verletzung in den ersten drei Monaten. Manawatu griff zu: "Drei Tage nach dem Anruf saß ich im Flugzeug."

Kieran und Bruder Tim spielen gemeinsam für Frankfurt

Doch es lief nicht alles glatt zwischen dem Macher und seinem neuen Star. "Ich hatte das Gefühl, dass er mit angezogener Handbremse spielt", sagt Byszio. Manawatu gibt zu, dass er etwas Zeit gebraucht habe. Als er sie bekam, blühte er auf. Er fühlte sich immer wohler, verbesserte sich von Saison zu Saison. Im Sommer 2010 wechselte auch Kierans älterer Bruder Tim nach Frankfurt, bis dahin der erfolgreichere der beiden. Tim war neuseeländischer Junioren-Nationalspieler gewesen und Leistungsträger in der starken italienischen Liga. "Er war immer mein Vorbild", sagt Kieran über Tim, "und er ist es noch heute."

Doch Kieran hat gleichgezogen - und Herren-Bundestrainer Torsten Schippe weiß, was er an ihm hat: Erfahrung, Schnelligkeit und ein intuitives Spielverständnis. Sobald Manawatu die vom Rugby-Weltverband IRB vorgeschriebenen drei Jahre im Land gelebt hatte, wurde er ins Team berufen. Am Samstag endlich kam sein großes Spiel. Der in Neuseeland Abgeschriebene glänzte im deutschen Dress. Als letzter Mann, als Anker der Verteidigung, als Impulsgeber.

15:0 hatte Deutschland zwischenzeitlich gegen Tschechien geführt, doch wenige Minuten vor Schluss stand es 17:15 für den Gastgeber. "Ich konnte die Sorge meiner Teamkameraden sehen, in ihren Augen und an ihrer Körpersprache", sagt Manawatu. "Ich glaube, sie hatten schon seit drei Jahren kein Auswärtsspiel mehr gewonnen." Der Debütant appellierte an den Kampfgeist der Amateure und Halbprofis. Mit Erfolg: In Minute 79 von 80 wurde er stark in Szene gesetzt und besorgte den 20:17-Sieg.

In Neuseeland schrieb keine Zeitung über diesen knappen, dreckigen, inspirierenden Sieg. Der Name Kieran Manawatu ist beim dortigen Dachverband unbekannt.

Beim deutschen Nationalteam beginnt man indes, heimlich auf den ersehnten Aufstieg in die zweithöchste Spielklasse Europas zu schielen - und auf die Qualifikation zur WM 2015 in England, die eigentlich schon als unrealistisch abgehakt worden war. Sie erwarten keine Wunder von Kieran Manawatu, keine geheimen Tricks. Das Team soll sich ein Beispiel an seiner Siegermentalität nehmen, er soll sie das Siegen lehren. Das ist ihm zuzutrauen. Doch die Mission des Kieran Manawatu ist erst dann erfolgreich beendet, wenn er um seinen eigenen Platz im Kader bangen muss - weil der deutsche Nachwuchs spielstark genug ist.



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