Testlauf für neue Regeln So will sich das Tennis neu erfinden

Kürzere Sätze, mehr Action: Beim Turnier in Mailand versucht sich der Verband daran, den Tennissport zu modernisieren. Die wichtigsten Änderungen im Überblick.

Next-Gen-Talent Denis Shapovalov
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Next-Gen-Talent Denis Shapovalov

Von Philipp Joubert


Der letzte Höhepunkt der Saison steht kurz bevor: Ab kommenden Sonntag stehen sich in London bei den ATP Finals die acht weltbesten Tennisspieler gegenüber. Weniger Beachtung wird das bereits am Dienstag startende Turnier in Mailand finden, die NextGen ATP Finals. Dabei ist das, was der Verband dort ausprobiert, nicht nur sehr interessant. Es könnte den Tennissport grundlegend verändern.

Unter der Marke NextGen sollen die acht vielversprechendsten Talente bis 22 Jahre vermarktet werden, die nächste Generation eben. Auch Alexander Zverev wäre dabei gewesen, wenn er sich nicht für die Finals in London qualifiziert hätte. Interessanter als der sportliche Ausgang des Next-Gen-Turniers ist aber der Umstand, dass die ATP ihre Veranstaltung vor allem als Versuchsplatz für neue Regeln nutzt. Vor allem aus Sicht der Vermarkter ein überfälliges Unterfangen: Dass diese sich nach schnelleren Formaten und mehr Spektakel sehnen, ist seit Jahren bekannt.

Neue Saiten- und Schlägertechnologien sowie die immer bessere Athletik der Spieler haben aus zu vielen Matches vor allem Durchhaltewettbewerbe gemacht. Das belastet nicht nur die Protagonisten, sondern lässt die Verantwortlichen um die Aufmerksamkeit der Zuschauer fürchten. Vor allem Jugendliche, so sehen es viele Veranstalter, haben keine Lust mehr auf mehrstündige Duelle.

So gibt es in Mailand eine Reihe von kleineren Neuerungen, darunter festgelegte Startzeiten der einzelnen Spiele. Bisher werden bei Turnieren meist die ersten Partien auf einem Platz terminiert, die nachfolgenden Matches beginnen anschließend nach einer kurzen Pause. Außerdem wird in Mailand das Coaching von der Tribüne erlaubt, und die Linienrichter werden komplett durch die Hawkeye-Technologie ersetzt.

Die wichtigsten Tests aber gehen tiefer in die Strukturen:

  • No-ad-Scoring: "Ad", wie Advantage, Vorteil. Nach der neuen Regel gewinnt der Athlet das Spiel, der als Erstes vier Punkte erzielt. Die Vorteilsregelung fällt weg. Im Doppel und bei Showveranstaltungen wird längst nach diesem Modus gespielt, durch die Entscheidung beim Stand von 40:40 steigt der Glücks- und Nervenfaktor an. Es nimmt dem Tennis aber auch seine monumentalen Schlachten. Gut möglich, dass das No-ad-Scoring trotzdem bald zumindest außerhalb der Grand-Slam-Turniere zum Standard wird. Denn ein 90-Minuten-Match mit vielen engen Situationen lässt sich besser vermarkten als ein langes, zähes Ringen um die spielerische Oberhand.
  • Verkürzte Sätze: Um einen Satz zu gewinnen, braucht es nicht mehr sechs, sondern nur noch vier gewonnene Spiele. Für den Tiebreak bedeutet das, dass er nicht erst beim Stand von 6:6 eintritt, sondern schon bei 3:3. Dafür muss der Sieger jedoch drei statt nur zwei Sätze gewinnen. Auch hier soll der vermeintlich geringeren Aufmerksamkeitsfähigkeit der jungen Fans Rechnung getragen werden. Nicht ausgeschlossen, dass die verkürzten Sätze zum Standard werden. Gerade bei den oft überraschungsarmen Grand Slams könnten sie zu mehr Nervenkitzel und Überraschungen führen.
  • Shot Clock: Dahinter verbirgt sich eine für alle einsehbare Spieluhr, die zu lange Pausen zwischen den Punkten verhindern soll. Diese Regel hat große Chancen, künftig flächendeckend eingeführt zu werden, bringt sie doch eine enorme Zeitersparnis. Kritiker befürchten, die Regel könne nach tollen Ballwechseln die Stimmung abwürgen. Eine Alternative wäre, den Countdown erst beim Abklingen des Beifalls zu starten.
  • No-let-Rule: Sie besagt, dass Aufschläge, die die Netzkante berühren aber im Servicefeld landen, ausgespielt werden. Was im Amateurtennis oft gang und gäbe ist und ab nächstem Jahr bei den Junioren ausprobiert wird, dürfte auch bald im Profitennis Alltag sein.

In Mailand könnten die Änderungen für manchen zu viel auf einmal sein. Doch das Ausprobieren von alternativen Formaten und Spielmethoden ist eine Chance für den Sport, wie sich schon beim Laver Cup gezeigt hat. Zumindest kann es das Tennis ordentlich durchlüften.

Eine naheliegende Veränderung fehlt dagegen aktuell im ATP-Programm: Die Modifizierung der Bodenbeläge. Mittlerweile ähneln sich die Courts stark, selbst die Unterschiede zwischen schnellen wie Rasen in Wimbledon und langsamen wie Sand in Paris sind geringer geworden. Dieser Entwicklung entgegenzuwirken, wäre nicht ganz so kompliziert, könnte dem Tennis aber seine Vielfalt zurückgeben.



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siebenh 07.11.2017
1. Finde ich fast alles gut
Ich spiele selbst seit Jahrzehnten Tennis. Viele der Neuerungen finde ich gut, vor allem der Netzroller beim Aufschlag ist überfällig. Einzig mit den verkürtzten Sätzen kann ich mich als Spätstarter, der immer einem Rückstand nachläuft, nicht anfreunden. Gerade, dass jemand nach einem hohen Rückstand noch zurück kommt und dann ein Marathonmatch daraus wird, hat für mich als Zuschauer einen enormen Reiz. Auf der anderen Seite ist das Spiel so schnell und dynamisch, dass ich den Einwand der Gesundheit verstehen kann. Andre Agassi hat seinem Buch nach seit Jahren in keinem Bett mehr geschlafen. Wie Boris körperlich beinander ist, sieht man in jeder Spielshow. Da helfen auch die ganzen Millionen nix.
kantirandavivorhodan 07.11.2017
2. Ich weiß nicht, ob das heute noch so ist,
aber ich habe mich vor einigen Jahren als Tenniszuschauer verabschiedet, als ich mir vor allem bei den Frauenspielen wie in einem Billigporno vorkam.
Sibylle1969 07.11.2017
3. My 2 cents
Die No-Let-Regel, dh keine Wiederholung des Aufschlags bei Netzberührung, ist mE sinnvoll. Die No-Advantage-Regel finde ich nicht sinnvoll, denn das nimmt dem Tennis einen Großteil der Spannung. Ich hab mal ein Turnier gesehen, bei dem das im Doppel angewendet wurde. Es gab damit mehr Breaks, und die Spiele wurden kürzer, aber spannend war das nicht allzu sehr.
Christoph 07.11.2017
4.
Wie soll das mit den terminierten Spielzeiten denn funktionieren, wenn gar nicht genug Plätze zur Verfügung stehen? Oder zwar Plätze zur Verfügung stehen, aber der Weltranglistenerste dann auf Platz 28 spielen müsste? Zu den anderen Änderungen: Abgesehen von der "No-let-rule" - müsste die nicht "No-net-rule" heißen? - sind das alles Änderungen die jedenfalls für mich dem Tennis so ziemlich alles seiner besonderen Spannung nehmen würden. Und was die Aufmerksamkeitsspanne jüngerer Leute angeht, sollte man besser bei eben jener Spanne ansetzen.
zaunreiter35 07.11.2017
5. Dagegen!
Wenn man eine gute Neuerung einführen möchte, dann bin ich doch dafür, die Regel abzuschaffen, wonach Major-Turniere mit schwereren Bällen gespielt werden müssen. Aber Sätze zu verkürzen und "No-Ad-Scoring"? Damit tut man dem Tennis keinen Gefallen. Und wenn junge Leute eine geringere Aufmerksamkeitsspanne haben, dann muss man ihnen beibringen, wie man diese Spanne verlängert. Durch Meditationstraining, durch Autogenes Training, etc.
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