Gehörloser Football-Profi Coleman Touchdown mit Hörgerät

Als Kind wurde er verspottet, die Trainer rieten ihm aufzuhören: Derrick Coleman bewies es allen, wurde der erste gehörlose Offensivspieler der NFL und mittlerweile sogar zum Werbestar. Nun will der 23-Jährige mit den Seattle Seahawks den Sieg im Super Bowl.

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Seattle-Profi Coleman: Der Typ, der früher Strumpfhosen auf dem Kopf trug
AFP

Seattle-Profi Coleman: Der Typ, der früher Strumpfhosen auf dem Kopf trug


Die Fans der Seattle Seahawks sind die lautesten der NFL. Im Dezember stellten sie mit 137,6 Dezibel sogar einen Guinness-Rekord für das weltweit lauteste Stadion auf. Derrick Coleman bekommt von dem Lärm um ihn herum jedoch kaum etwas mit. Der Seahawks-Profi ist seit seinem dritten Lebensjahr gehörlos.

Der Weg in die Football-Profiliga ist für viele trotz allen Talents und Aufwands unerreichbar. Für Coleman lag die Hürde noch höher. Solange er sich erinnern kann, trägt er Hörgeräte. Dennoch ist der 23-Jährige dort angekommen, wo er immer hinwollte - und kann sich seinen Traum verwirklichen. Coleman ist Stammspieler bei den Seahawks, mit denen er in der Nacht auf Montag im Super Bowl gegen die Denver Broncos (00.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE, TV: Sat.1) um die Meisterschaft kämpft.

Coleman ist der erste gehörlose Offensiv-Profi der Liga, seine Aufgabe als Fullback ist es vor allem, im Laufspiel Raum zu schaffen für den hinter ihm agierenden Runningback, der den Ball trägt. Mit Bonnie Sloan und Kenny Walter hatte es in der Vergangenheit bereits zwei gehörlose NFL-Spieler gegeben. Beide waren jedoch Verteidiger und hatten es etwas leichter - sie konnte auf die Gegner reagieren. Coleman hingegen muss in den lautstarken Arenen genau verstehen, welchen Spielzug Seattles Quarterback Russell Wilson vorgibt. Er spielt zwar mit Hörgeräten, nimmt seine Umwelt dennoch anders wahr als Mit- und Gegenspieler. Trotzdem klappt die Verständigung.

Denn Coleman hat einen Vorteil: Er kann Lippen lesen. "Russell weiß, dass er mir nicht in die Augen schauen muss, wenn er etwas sagt, sondern nur in meine Richtung. Das reicht mir, um ihn zu verstehen", so Coleman.

Mehrarbeiter nutzt Chance in Seattle

Seine Eltern brachten ihm früh bei, sein Handicap nicht als Ausrede zu benutzen. "Sie haben gesagt, dass ich extra hart arbeiten soll, um ans Ziel zu kommen - unabhängig davon, ob ich Hörgeräte brauche oder nicht", erzählt Coleman. Doch dies umzusetzen war im Kindesalter nicht leicht. Er musste schnell lernen, wie ungerecht und unsensibel Gleichaltrige sein können. Sie verspotteten ihn als "Vier-Ohr" und wenn beim Basketball oder Football Teams gebildet wurden, fiel sein Name stets als Letzter. Die Trainer wussten einfach nicht, wie sie mit ihm reden sollten. Sie ignorierten seine Hörprobleme ebenso wie seine Bemühungen und rieten ihm, einfach aufzuhören.

Doch Coleman kämpfte weiter. Als er anfing, sich auf dem Football-Feld zu behaupten, entstand jedoch ein neues Problem: Seine Hörgeräte fielen oft aus den Ohren, wenn er zu Boden gerissen wurde. Mutter May hatte die Lösung. Sie schnitt ein Stück einer Strumpfhose ab, zog es ihrem Sohn über Kopf und beide Ohren. "Jeder Spieler hat seine eigene Story. Meine ist die, dass ich früher Strumpfhosen auf dem Kopf getragen habe", sagt Coleman und lacht.

An der Highschool stach er erneut aus der Masse hervor - jedoch nicht aufgrund seiner Hörprobleme, sondern wegen außerordentlicher athletischer Fähigkeiten. Allerdings musste Coleman hier und auch später am College härter arbeiten, schneller und stärker sein als andere, um überhaupt in den Fokus zu rücken. Das war für ihn nichts Neues, dennoch schien es nicht für ganz oben zu reichen. Bei der Draft 2012 zeigte kein NFL-Team Interesse, ein Probetraining bei den Minnesota Vikings verlief erfolglos. Nächste Station: Seattle. Von den Seahawks wurde er im Sommer 2013 ins Trainingslager eingeladen.

Coach lobt ihn als "außergewöhnliches Vorbild"

Coleman erzählte Runningback-Coach Sherman Smith sofort von seinen Hörgeräten, machte jedoch klar, dass diese seine Lernfähigkeiten nicht einschränken würden. Er wusste, dass in der NFL kein Platz für Sympathien oder Mitleid ist. In jedem Team sind die 53 Kader-Plätze hart umkämpft. Und Seattle zählt zu den Meisterschaftsfavoriten. Doch Coleman bewies, dass er genauso leistungsfähig ist, wie die anderen. "Herausragende Arbeitsmoral, Härte und Intelligenz", lobt Smith und nennt Colemans größte Stärken.

Coleman absolvierte zwölf der 16 Vorrundenpartien. Am 2. Dezember gelang ihm im Heimspiel gegen New Orleans sein erster Touchdown. Die Massen jubelten, Coleman sah die frenetischen Fans, doch in seinem Kopf kam nur dumpfe Geräusche an. "Ich konnte die Euphorie an meinem Körper spüren, aber nicht viel hören."

Seit den Playoffs ist Coleman nicht mehr nur den Seahawks-Anhängern bekannt. Eine Firma, die Batterien für seine Hörgeräte produziert, hat einen Werbespot veröffentlicht. Der Clip erzählt Colemans Story und wurde in fünf Tagen mehr als vier Millionen Mal angeklickt.

"Derrick ist ein außergewöhnliches Vorbild mit einer großartigen Botschaft", sagt Seahawks-Trainer Pete Carroll. Coleman weiß das. Er besucht regelmäßig Schulen für Hörgeschädigte, macht den Kindern deutlich, dass ihre Behinderung kein Handicap ist. Die Kids haben derartige Sätze schon oft gehört - doch selten sind sie so glaubwürdig gewesen wie bei Derrick Coleman.

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
rakipyt 28.01.2014
1. Respekt
Dort, wo ich und nahezu jeder andere aufgegeben hätte, auch wenn es sein Traum ist, da hat er weitergemacht! Der Artikel zeigt sehr eindrucksvoll was man alles erreichen kann auch wenn man will... und, dass man sich nicht von Rückschlägen entmutigen lassen sollte!
Blutkampf 28.01.2014
2. großen Respekt
Ich habe großen Respekt vor diesem Sportler, er hat gezeigt, wenn man an sich glaubt, selbst wenn andere schon einen abgeschrieben haben, kann man trotzdem alles erreichen.
neu_ab 28.01.2014
3.
Das ist schon eine Leistung, in einem Sport, wo sehr vieles mit Zurufen funktioniert, Taktikommandos etc.
gerhard.hillig 28.01.2014
4. optional
Wenn jemand gehörlos ist, dann ist er taub, und da helfen auch keine Hörgeräte, so wie bei Blindheit keine Brille etwas nutzt. Der Spieler ist vermutlich hochgradig hörbehindert, hat also ein sogen. Restgehör. Mit den heutigen modernen Hörgeräten ist es möglich, auch in derartigen Grenzfällen zu helfen.
mitverlaub 28.01.2014
5. Das mit der Strumpfhose
halte ich für eine liebenswerte Geschichte, doch sie kann insofern nicht stimmen, da Hörgeräte am Ohr frei sein müssen, denn sonst macht sich die Rückkopplung bemerkbar und es piepst für jeden Hörenden hörbar elendig laut.
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