Los Angeles Chargers Fremde in der eigenen Stadt

Sie haben einige Topspieler der NFL, aber keine Fans. Die Los Angeles Chargers kämpfen mit den Folgen ihres Umzugs aus San Diego. Dabei hat die Mannschaft Potential - und einen exzentrischen Quarterback.

Uchenna Nwosu (r.), Damion Square
AFP

Uchenna Nwosu (r.), Damion Square

Von Philipp Joubert


Als wäre die Schmach nicht schon groß genug gewesen, mussten die Los Angeles Chargers auch noch den besten Spruch des Tages dem Gegner überlassen. Nachdem sein Team 26:24 bei den Chargers gewonnen hatte, stellte Jason Mills, Cornerback der Philadelphia Eagles, salopp fest: "Das war heute wie ein Heimspiel, nur waren wir hier näher am Strand."

Die Eagles hatten gerade nicht nur den Fehlstart der Chargers in die Saison 2017 perfekt gemacht - es war ihre vierte Niederlage im vierten Spiel. Noch viel schlimmer: Die Fans der Eagles hatten im wahrsten Sinne des Wortes den Ton angegeben. Während in vielen NFL-Stadien die Fans des Heimteams so laut sind, dass das gegnerische Team sich nur durch Handzeichen und nicht durch Zurufe verständigen kann, blieben die Chargers an diesem warmen Oktobernachmittag in Los Angeles ein Team ohne Unterstützung.

Obwohl die Verantwortlichen den Spott erfolgreich aussaßen und die Spieler die Saison mit einer respektablen Bilanz von 9:7 retteten, bleibt auch ein Jahr nach diesem desaströsen Tag die Frage: Was machen die Chargers eigentlich in Los Angeles? Dort, wo sie kaum Fans haben? Immerhin hatte das Team zuvor 56 Jahre lang im 200 Kilometer südlich gelegenen San Diego gespielt. Nicht immer herausragend und doch mit einer soliden Fangemeinde.

Das neue Stadion wird noch gebaut

Der Grund des Umzugs hat einen Namen: Dean Spanos. Der Besitzer der Chargers hatte die Stadt San Diego mehrfach aufgefordert, ein neues Stadion mitzufinanzieren. Als er mit einem Volksbegehren im November 2016 scheiterte, machte Spanos Ernst und zog mit dem Team nach Los Angeles. Aber nicht ins neue Los Angeles Stadium - das wird noch gebaut. Vom Besitzer der ebenfalls kürzlich nach L.A. emigrierten Rams, deren Untermieter die Chargers ab der Saison 2020 sein werden.

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REUTERS/ USA Today Sports

Die Baukosten des Großprojekts mit angeschlossenen Immobilien und Unterhaltungsbezirk sollen fünf Milliarden Dollar betragen. Solange die neue Superarena nicht fertiggestellt ist, spielen die Chargers im kleinsten Stadion der Liga, der Heimstätte des Fußballteams der Los Angeles Galaxy. Trotz der vergleichsweise geringen Kapazität von 27.000 Zuschauern darf man skeptisch sein, ob Anhänger der Chargers in dieser Saison Auswärtsfans an Anzahl und Laustärke übertreffen können.

Während die Rams als großer Nachbar nicht nur in Sachen Stadion klotzen, sondern die vergangenen Monate zur Akquisition immer neuer Stars genutzt haben, war die namhafteste Verpflichtung der Chargers in der Saisonpause ein Center. Mike Pouncey gehörte lange zu den besten Offensive-Line-Spielern der Liga. Trotzdem ist ein 135-Kilo-Mann, dessen Hauptaufgabe das Beschützen des Quarterbacks ist, nicht unbedingt das, wonach sich Football-Fans sehnen.

Der Quarterback neigt zu Wutanfällen

So sehr sich die Chargers abkämpfen müssen, um aus der negativen Wahrnehmungsspirale zu kommen, so gut ist das Team sportlich aufgestellt. Denn auch ohne große, neue Namen haben die Chargers einen der am breitesten aufgestellten Kader in der NFL. Während die Defensive von Joey Bosa angeführt wird, der schon jetzt zu den besten Footballspielern der Welt gehört, ist das Gesicht des Teams immer noch Quarterback Philipp Rivers.

Quarterback Philip Rivers
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Quarterback Philip Rivers

Der 36-Jährige ist für die Genauigkeit seines Wurfs genau so bekannt wie für öffentliche Wutanfälle, wenn einer seiner Receiver mal wieder einen Ball fallen lässt. Rivers selbst ist nicht nach Los Angeles umgezogen. Stattdessen ließ sich der achtfache Vater einen SUV zum mobilen Filmraum umbauen, um auch noch den Pendelweg zum Studium von Formationen und Gegnern nutzen zu können. "Das hat letztes Jahr wunderbar geklappt," sagt Rivers. "Die Hinfahrt dauert ungefähr 66 Minuten. Mit dem Verkehr auf der Rückfahrt können es auch 90 Minuten sein."

Dass den Chargers in den vergangenen Jahren trotz ihres fortwährenden Status als Geheimfavorit kein großer Playoff-Erfolg gelang, lag nicht am fehlenden Arbeitseifer von Rivers, einem der besten Quarterbacks der Liga. Was die Chargers gerade im vergangenen Jahr nachhaltig schwächte, waren Verletzungspech und ihre schlechten Kicker. Nach vier Spielen und zwei Niederlagen, die durch seine Fehlschüsse mitverursacht wurden, feuerte das Team den Südkoreaner Younghoe Koo. Mit neuem Kicker und weniger Verletzungen soll es in dieser Saison klappen. Zum ersten Mal seit 2013 wollen sie in die Playoffs einziehen und genauso wichtig: in die Herzen der Fans.



insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
frummler 09.09.2018
1. selber schuld !
steht euch mal vor eine bundesligamannschaft wie schalke würde plötzlich nach münchen oder berlin umziehen !
hileute 09.09.2018
2. auch das heimteam kann sich bei lauten fans nur durch handzeicheb verständigen
dieser sinnfreie Satz im Artikel ändert aber natürlich nichts daran, das es völlig bekloppt ist, aus Kommerzgründen fernab der eigenen Fans zu spielen, ohne Fans ist auch das schlechte Spiel völlig irrelevant, es interessiert ja scheinbar niemanden, da das Team sowieso keine Fans hat, aus obengenannten gründen
tulu01 09.09.2018
3. @1und2
zu Nummer 1: Umzüge sind im US Profisport völlige Normalität. zu Nummer 2: mit dem Erfolg kommen auch die Fans von selbst. Die LA Rams sind auch erst kürzlich nach Los Angeles gezogen und hatten zu Beginn der Saison 2017 ebenfalls ein leeres Stadium, mit dem Erfolg des Teams füllte sich auch das Stadium. Das trifft auf alle Profi-Teams im US-Sport zu und 1-2 magere Jahre sind im Finanzplan einkalkuliert. Aber wenn der Plan aufgeht stehen einem knapp 20Millionen potentielle Konsumenten zur Verfügung anstatt ca 1,5 Millionen aus dem Großraum San Diego bzw St.Louis für die Rams.
kp229 09.09.2018
4. @hileute
Waren Sie denn schon mal bei einem Footballspiel? Offensichtlich nicht, denn wer sich auch nur ein bisschen mit American Football auskennt, der weiß genau, dass das einzig sinnfreie an Ihrem Kommentar genau dieser war! Die Fans sind natürlich nur laut, wenn die gegnerische Offensive auf dem Platz ist, denn der Angriff startet in der Regel auf ein akustisches Kommando des Quarterbacks. In manchen NFL-Stadien (z.B. Kansas City) werden Lärmpegel von mehr als 100 dB gemessen, wenn der gegnerische Angriff auf dem Feld ist und genau dieses Kommando unhörbar machen.
widower+2 09.09.2018
5. Schrecklich!
Zitat von tulu01zu Nummer 1: Umzüge sind im US Profisport völlige Normalität. zu Nummer 2: mit dem Erfolg kommen auch die Fans von selbst. Die LA Rams sind auch erst kürzlich nach Los Angeles gezogen und hatten zu Beginn der Saison 2017 ebenfalls ein leeres Stadium, mit dem Erfolg des Teams füllte sich auch das Stadium. Das trifft auf alle Profi-Teams im US-Sport zu und 1-2 magere Jahre sind im Finanzplan einkalkuliert. Aber wenn der Plan aufgeht stehen einem knapp 20Millionen potentielle Konsumenten zur Verfügung anstatt ca 1,5 Millionen aus dem Großraum San Diego bzw St.Louis für die Rams.
Aber die Anfänge können wir ja auch schon in der Fußball-Bundesliga bestaunen. Da zieht ein Team zwar (noch) nicht um, nistet sich aber auf dem Ticket eines Oberligisten in einem durch Steuergelder finanzierten Stadion ein. Und ein Fan, der mit dem Erfolg kommt, ist kein Fan! Der ist ein Kunde! Und sonst nichts!
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