NFL Europe Kirmes, Hot Dogs und Eiertanz

Die NFL Europe wird immer mehr zur NFL Germany. Sehnsüchtig wartet die Liga vor der am Wochenende beginnenden Saison darauf, dass endlich der erste Deutsche den Sprung in die amerikanische NFL schafft. Die Chancen stehen gut, doch die Zeit drängt.

Von Andreas Kröner


Rhein Fire-Cheerleaders: Begleiterscheinungen machen den Reiz aus
Rhein Fire

Rhein Fire-Cheerleaders: Begleiterscheinungen machen den Reiz aus

Sommer 2003. Peter Heyer, 24 Jahre, 1,93 Meter groß und 142 Kilo schwer, kommt sich vor wie ein kleiner Junge. Im Trainingslager der New Orleans Saints sitzt er neben Superstar Joe Horn, der beim abendlichen Würfeln gegen die Kollegen seinen Gewinn gerade auf 50.000 Dollar aufgestockt hat. Aus Mitleid mit dem Gast aus Deutschland, der mit seinem Taschengeld von 250 Dollar nicht mitspielen kann, verspricht er ihm die nächsten 5000 Dollar Einsatz, falls ihm das Würfelglück treu bleibt. Horn gewinnt erneut, worauf ihm Peter Heyer freudig einen Zettel mit seiner Anschrift übergibt.

Sportlich verläuft das Trainingslager für den Offensive-Tackle von Düsseldorf Rhein Fire weniger erfreulich. Zwar hinterlässt er insgesamt einen guten Eindruck, verletzt sich aber und übersteht am Ende den Cut nicht, bei dem das Team von 86 Kandidaten auf 53 Spieler reduziert wird. So wartet die NFL Europe, die Tochterliga der amerikanischen Football-Serie, vor der am Wochenende beginnenden Saison weiter darauf, dass dem ersten Spieler aus Deutschland der Durchbruch in Amerika gelingt - wie Detlef Schrempf und Dirk Nowitzki im Basketball oder Olaf Kölzig und Marco Sturm im Eishockey.

Peter Heyer: "Stärkster deutscher Spieler aller Zeiten"
Rhein Fire

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Die Hoffnungen konzentrieren sich dabei mit Heyer auf einen Mann, der genau das Gegenteil eines exzentrischen NFL-Stars ist. Extravagante Aktionen à la Joe Horn, der im Dezember nach einem Touchdown auf dem Spielfeld kurzerhand sein Handy zückte und seine Mutter anrief, sind nicht Heyers Sache. Zum T-Shirt seines aktuellen Arbeitgebers trägt er die blaue Kappe der New Orleans Saints. "Für sie zu spielen wäre mein Traum", flüstert er ehrfurchtsvoll. Trotz seiner Angst einflößenden Statur wirkt der Mann mit dem Kinnbart introvertiert, fast schüchtern. Doch auf Heyers Position in der Offensive Line, deren Hauptaufgabe es ist, den eigenen Quarterback zu schützen, werden auch ruhige Arbeiter toleriert.

Seit er zehn ist, trainiert Heyer für das Ziel NFL. Zunächst spielte er bei den Köln Crocodiles in der ersten deutschen Liga, seit zwei Jahren bei Düsseldorf Rhein Fire in der NFL Europe. Seine 142 Kilo bestehen größtenteils aus Muskeln, mit 39-mal 100 Kilo im Bankdrücken ist er der stärkste nicht-amerikanische Spieler der Liga. "Diese Leistungen übersteigen selbst die Anforderungen der NFL. Peter wird immer besser und ist der stärkste deutsche Spieler aller Zeiten", sagt Rhein Fires deutscher Trainer Jörn Maier, "er wird den Sprung nach Amerika schaffen."

Trainingskader und Auswechselbänke

In den Trainingskader und auf die Auswechselbank von NFL-Teams haben es deutsche Spieler bereits geschafft, in einem Punktspiel zum Einsatz kamen sie jedoch noch keine Sekunde. Tom Nütten, anlässlich des Super-Bowl-Sieges mit den St. Louis Rams 2000 als deutscher Football-Export gefeiert, ist US-Staatsbürger und verbrachte lediglich wenige Jahre seiner Jugend in Deutschland.

Traumziel NFL: "Wenn nicht bald jemand den Sprung schafft, kann es zappenduster aussehen"
DPA

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Dabei war die Rekrutierung europäischer Spieler ein zentrales Ziel, als NFL-Boss Paul Tagliabue 1991 die Globalisierung des ur-amerikanischen Sports verkündete. Doch auch nach einer zweijährigen Pause und mehreren Umstrukturierungen gedieh die europäische Tochterliga nicht nach Wunsch. Die Teams, die zu Dreivierteln aus Amerikanern bestehen, wurden als Fremdkörper empfunden und das Zuschauerinteresse hielt sich vielerorts in Grenzen: 1998 stellten die London Monarchs den Spielbetrieb ein, letztes Jahr schloss mit den Barcelona Dragons die einzige südeuropäische Filiale.

Bleibt nach der gescheiterten Europäisierung nur noch die Konzentration auf Deutschland. Mit den Cologne Centurions, die für die Football-müden Spanier hinzukommen und Tom Nütten als Coach zugelotst bekamen, Frankfurt Galaxy, Berlin Thunder und Düsseldorf Rhein Fire stammen bereits diese Saison vier von sechs Teams aus Deutschland. Wenn Düsseldorf Rhein Fire nach dem Umbau des Rheinstadions 2005 aus der Arena AufSchalke zurück in die Heimatstadt zieht, wird wohl auch Gelsenkirchen ein eigenes Team erhalten. Schalke-Manager Rudi Assauer hat sich den Fußball der amerikanischen Art vertraglich bis 2007 garantieren lassen und mit Manfred Burgsmüller bereits einen "Coordinator American Football" eingestellt.

Machtwort von Tagliabue

Die Branchenführer Rhein Fire und Galaxy haben in punkto Publikum bereits die heimischen Fußballmannschaften Fortuna und Eintracht übertroffen. Auch im zunächst wenig begeisterungsfähigen Berlin stieg die Zuschauerzahl nach dem Umzug ins Olympiastadion in der letzten Saison um 23 Prozent.

NFL-Boss Paul Tagliabue: Globalisierung des uramerikanischen Sports
AP

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Die Begeisterung basiert dabei weniger auf dem Sport selbst, sondern auf seiner Inszenierung. Schon drei Stunden vor dem Spiel strömen die Zuschauer zur "Power-Party" in die Stadien, einer Mischung aus Kirmes, Fan-Treffen und amerikanischem Lebensstil. Auch während des Matches sind Spare Ribs, Cheeseburger und Hot Dogs den meisten Fans wichtiger als Touchdowns, Fieldgoals und Interceptions. Konzentriert auf Spielfeld blicken viele nur, wenn die Cheerleader mit knappen Höschen und weitem Ausschnitt in den Spielpausen ihr Bestes geben.

"Sicherlich kommen viele Fans in erster Linie wegen der Show", gesteht Rhein-Fire-Coach Jörn Maier, "aber das ist uns egal. Wir haben dadurch die Chance, Football in Deutschland auch sportlich weiter zu entwickeln". Viele "nationals", also nicht-amerikanische Spieler, konnten so in den letzten Jahren auf hohem Niveau Spielpraxis sammeln, die Qualität stieg. Nach dem Trainingslager der "nationals" vor der Saison sprach Rhein Fires amerikanischer Cheftrainer Pete Kuharchek vom "besten Camp, das es jemals in Europa gab, mit stark verbesserten Akteuren und hochinteressanten neuen Talenten".

"Die Qualität der NFL Europe ist groß"

Super-Bowl-Champion Kurt Warner: Europa als zweiter Bildungsweg für Footballprofis
REUTERS

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"Bis vor zwei Jahren galt es als ungeschriebenes Gesetz, dass man in den USA aufs College gehen und dort Football spielen muss, um eine Chance in der NFL zu bekommen" sagt Patrik Venzke, der es auf diese Weise 2001 bis auf die Auswechselbank der Jacksonville Jaguars schaffte und dieses Jahr bei Frankfurt Galaxy spielt. Auch Konstantin Ritzmann, neben Heyer der heißeste Aspirant auf eine NFL-Karriere, wechselte deshalb 1999 an die Universität Tennesse. Vier Jahre spielte er fürs dortige College-Team und hofft nun, auf dem "herkömmlichen Weg" den Sprung in die NFL zu schaffen. "Doch heute ist eine College-Karriere nicht mehr zwingend", glaubt Venzke, "die Qualität der NFL Europe so groß, dass man es auch von dort schaffen kann."

So dürfen auch Spieler wie Peter Heyer, für die aufgrund ihres Schulabschlusses und der immensen Kosten eine College-Karriere nicht möglich ist, von der NFL träumen. "Die NFL Europe ist ein zweiter Bildungsweg für Footballprofis", analysiert Coach Jörn Maier, "für Deutsche und Amerikaner". Superstars wie die Quarterbacks Kurt Warner (St. Louis Rams) und Jack Delhomme (Carolina Panter) oder der Kicker Adam Vinatieri (New England) nahmen den Umweg über Europa, bevor sie in Amerika ihre größten Erfolge feierten. Neun ehemalige NFLE-Spieler standen im Kader des letztjährigen Super-Bowl-Champions New England, insgesamt 237 NFL-Spieler der letzten Saison waren zuvor bereits in der europäischen Tochterliga aktiv.

Trainer Jörn Maier: "Football in Deutschland auch sportlich weiter entwickeln"
Rhein Fire

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Damit nun auch endlich der erste Europäer den Sprung schafft, haben die Amerikaner eine Regeländerung geplant: Der Trainingskader von fünf Spielern, den sich jedes NFL-Team zusätzlich zum Spiel-Aufgebot hält, soll um einen nicht-amerikanischen Spieler aus der NFLE erweitert werden. Die Regeländerung birgt nicht nur Chancen, sondern zeigt auch die Ungeduld vieler amerikanischer Teambesitzer. Bei einer Abstimmung der NFL-Clubchefs im September reichte es nur mit Ach und Krach zur notwendigen Dreiviertelmehrheit für die Fortsetzung der NFLE bis 2005. Die Unkenrufe, dass die NFL ihre defizitäre Tochter nach dem Auslaufen des Kontraktes mit dem US-Fernsehsender Fox 2005 schließen wird, halten sich hartnäckig. Wenn sich nicht bald ein Europäer in der NFL etabliert, "kann es mit der Unterstützung für die NFLE bald zappenduster aussehen", fürchtet Venzke.

Denn wenn es ums Geld geht, hört bei den Amerikanern der Spaß auf - selbst im Football. Das hat auch Peter Heyer zu spüren bekommen. Auf die 5000 Dollar aus New Orleans, die ihm Joe Horn im Trainingslager versprochen hatte, wartet er noch heute.



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