NFL Mit dem Kopf durch die Wand

Die NFL führt mit der neuen Saison eine Regel ein, die heftig diskutiert wird. Die Gesundheit soll dadurch besser geschützt werden, doch die Spieler sind dagegen.

Boston Scott (M.) wird von Channing Stribling (l.) und Hayes Pullard getacklet
PETER JONELEIT/EPA-EFE/REX/Shutterstock

Boston Scott (M.) wird von Channing Stribling (l.) und Hayes Pullard getacklet

Von Fabian Held


In der Nacht zu Freitag beginnt die neue NFL-Saison. Im Rampenlicht stehen wieder die Quarterbacks. Nick Foles, amtierender Super-Bowl-Champion mit den Philadelphia Eagles, trifft zum Auftakt auf Matt Ryan und die Atlanta Falcons.

Neben spektakulären Aktionen der Spielmacher freuen sich die Zuschauer auch auf harte Hits und Tackles. Passt der Quarterback zu einem Mitspieler oder übergibt er den Ball an seinen Running Back, müssen die gegnerischen Verteidiger diesen so schnell es geht und mit allen Mitteln zu Boden bringen. Ein brutales Spektakel, das für die Liga zum Problem wird.

Seit immer mehr über die Spätfolgen von Kopfverletzungen bei Football-Spielern bekannt und nachweisbar wird, ist die NFL bemüht, die Spieler besser zu schützen. Schließlich ist CTE, also die Krankheit, die durch die vielen Vollkontakte im Football und den daraus resultierenden Gehirnerschütterungen entsteht, nicht nur ein Martyrium für die Betroffenen. Sie ist auch ein Image-Schade für die Liga und eine Bedrohung für die Zukunft des Sports. Wie lange wollen Fans und Zuschauer dabei zusehen, wie sich traurige Helden auf dem Spielfeld ihren Körper zerstören und danach in Drogen- und Gewaltproblemen versinken?

Ehemalige NFL-Profis mit CTE

Als er mit Football fertig war, war Mike Webster ein Wrack. 17 Jahre in der NFL hatten Spuren bei Nummer 52 hinterlassen: Bandscheibenvorfälle, gerissene Sehnen, gebrochene Wirbel. Es war der Preis für eine beeindruckende Karriere für die Pittsburgh Steelers und Kansas City Chiefs. Viermal wurde war Webster Meister, wurde ins Team der besten NFL-Spieler aus 75 Jahren gewählt, in die NFL-Ruhmeshalle aufgenommen.

Wie sehr sein Körper gelitten hatte, zeigte sich erst, als Websters Karriere vorbei war. Er vergaß, wo sein Haus war, fand den Supermarkt nicht mehr. Er litt an Schlaflosigkeit, hatte Wutausbrüche, verlor sein Vermögen, lebte zeitweise im Auto. 2002 starb er im Alter von 50 Jahren. Als Webster obduziert wurde, fand der Pathologe CTE. Es war der erste derartige Befund bei einem ehemaligen NFL-Spieler – der Beginn einer Entwicklung, die die NFL und Football verändern sollte.

Junior Seau war einer der größten NFL-Stars seiner Zeit. 20 Jahre spielte der Linebacker in der Liga, für die San Diego Chargers, Miami Dolphins und New England Patriots. Als er Suizid beging, war Seau 43. Schon seit Jahren hatten Freunde und Angehörige beobachtet, wie sich sein Verhalten veränderte. Er verzockte Zehntausende Dollar, trank exzessiv, war launisch, wirkte geistig abwesend, hatte völlig unerklärliche Wutausbrüche.

Die Untersuchung seines Gehirns zeigte, dass Seau CTE hatte. In Seaus Karriere war nie eine Gehirnerschütterung festgestellt worden.

Tom McHale spielte neun Jahre in der NFL, für Miami, Philadelphia und Tampa Bay. McHale besuchte die renommierte Uni Cornell, machte nach seinem Karriereende seinen Traum wahr und eröffnete sein eigenes Restaurant. Er galt als freundlich, hilfsbereit, klug. Doch allmählich änderte er sein Verhalten. Er zog sich zurück, war abweisend, wirkte entfremdet, entfernte sich von seinen Angehörigen. Tom McHale starb am 25. Mai 2008 an einer Überdosis Drogen. Er war der sechste ehemalige NFL-Spieler, bei dem CTE diagnostiziert wurde. Sein Gehirn sah nicht wie das eines 45-Jährigen aus, sondern wie das eines 72-jährigen Ex-Boxers.

Chris Henry spielte als Wide Receiver für die Cincinnati Bengals. Am 16. Dezember 2009 wurde er bei einem Autounfall so schwer verletzt, dass er einen Tag später starb. Die Obduktion seiner Leiche ergab, dass Henry CTE hatte.

Henry gilt als als erster aktiver Spieler, bei dem die Krankheit festgestellt wurde. Bei seinem Tod war er erst 26 Jahre alt. „Die Tatsache, dass er mit Mitte 20 schon erkrankt war“, schrieb die „New York Times“ zu seinem Tod, „wirft Fragen auf, wie viele derzeitige Spieler betroffen sind, ohne es zu wissen.“ http://www.nytimes.com/2010/06/29/sports/football/29henry.html

Tatsächlich hatte Henry – hier im September 2009 mit Frau und Kindern - während seiner fünf Jahre in der NFL sich einen Ruf als enfant terrible erarbeitet. Er hatte wegen Alkohol am Steuer, Prügeleien und Drogenmissbrauchs juristischen Ärger. Nicht nur die „New York Times“ mutmaßte, diese Verhaltensprobleme seien möglicherweise zumindest in Teilen durch CTE verursacht worden.

Am 1. Dezember 2012 erschoss Jovan Belcher, Linebacker bei den Kansas City Chiefs, seine Freundin. Dann fuhr er zum Trainingszentrum des Klubs und beging auf dem Parkplatz Suizid. Belchers Leiche wurde etwa ein Jahr später exhumiert. Sein Gehirn wies Charakteristika auf, die auf ein CTE-Leiden hinweisen. http://espn.go.com/espn/otl/story/_/id/11612386/jovan-belcher-brain-showed-signs-cte-doctor-says-report.

Als der American Football um 1870 entstand, war er ein eher langsames Spiel. Im Laufe der Jahrzehnte sind die Athleten durch gezieltes Training und den Einsatz modernster sportwissenschaftlicher Methoden immer schneller und stärker geworden. Dadurch wurden auch die Tackles immer härter.

Um der neuen Physis der Spieler Rechnung zu tragen, müsste sich der Sport grundlegend ändern. Die Angst ist, dass dann die Fans wegbleiben könnten. Football definiert sich neben Athletik, Strategie und Taktik eben auch über Brutalität.

Um die Spieler besser zu schützen, gibt es eine neue Regel, die "Helmet Rule", also Helm-Regel. Vereinfacht formuliert ist es jetzt verboten, absichtlich mit dem Kopf voran in einen Gegenspieler donnern. Das Kalkül: Weniger Gehirnerschütterungen und damit weniger CTE-Fälle. Doch das Tackeln ist ein wesentlicher Bestandteil des American Football, weshalb die Regel den Kern des Sports berührt.

"Diese Regel ist idiotisch"

Die neue Regel "wird Leute ihre Jobs kosten", flucht Mike Zimmer, Cheftrainer der Minnesota Vikings. In kaum einer Liga entscheiden so wenige Spiele über Wohl und Wehe einer Saison. Eine 15-Yards-Strafe für die Verletzung der Helm-Regel im falschen Moment kann darüber entscheiden, ob ein Team in die Playoffs kommt oder nicht.

Verteidiger Richard Sherman
AFP

Verteidiger Richard Sherman

Auch bei den Spielern regt sich Unmut. "Diese Regel ist idiotisch und sollte direkt abgeschafft werden", findet Richard Sherman, einer der besten Verteidiger der NFL. "Selbst bei einem perfekten Tackle wird der Körper vom Kopf geführt." Andere Spieler befürchten, dass sie auf dem Feld zu sehr über die Regel nachdenken und dadurch schlechter spielen. "Ich weiß nicht, warum es ein Foul ist, wenn es sauber ist. Ich habe keine Ahnung", meint Tyrann Mathieu.

Vier Wochen lang lief die sogenannte Pre Season, in der alle 32 Teams ihre Testspiele absolvieren. Dabei kam es vor allem in den ersten beiden Wochen zu vielen Strafen: 51 Mal wurde in den ersten 33 Partien gegen die neue Regel verstoßen.

"Das Wohlergehen der Spieler steht an erster Stelle"

Entsprechend wütend waren die Reaktionen von Fans und Spielern, vor allem in den sozialen Netzwerken. Die NFL überprüfte die Helm-Regel und hielt an ihr fest. "Da jeder sich noch an die Regel anpassen muss, werden wir Video-Feedback und Beispiele für Fouls zur Verfügung stellen", hieß es in einem nüchternen Statement. Nochmals betonte die Liga: Es geht nur um Tackles, bei denen der Kopf absichtlich vorangenommen wird.

Die vielen Strafen in den ersten Testspielen hatten sicher auch damit zu tun, dass die Schiedsrichter die neue Regel zunächst besonders streng auslegten. In den beiden letzten Pre-Season-Wochen gingen die Strafen deutlich zurück: Laut dem US-amerikanischen Sender ESPN von 1,55 auf 0,625 pro Spiel.

"Die Offiziellen und die Spieler werden sich anpassen", sagt John Mara, Besitzer der New York Giants. "Es gibt immer einen Aufschrei am Anfang. Das Wohlergehen der Spieler steht an erster Stelle." Einigen Spielern scheint ihr Wohlergehen aber auch egal zu sein. Andrew Sendejo von den Vikings trug vor einigen Wochen eine Kappe mit der Aufschrift "Make Football Violent Again".

Anmerkung der Redaktion: Ursprünglich wurde in diesem Text ein mögliches Meisterschaftsfinale zwischen den Eagles und den Falcons beschrieben. Das ist jedoch nicht möglich, da beide Teams in der NFC und damit in derselben Conference spielen. Wir haben den Fehler korrigiert.



insgesamt 16 Beiträge
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Affenhirn 06.09.2018
1. Wie die Einführung der Gurtpflicht
Es gibt einen netten Spruch am Schaufenster eines Geschäfts in der Nachbarschaft: "Die Verständigen wissen, dass man sein Fahrrad nicht an die Fensterscheibe anlehnt. Den Anderen verbieten wir es. " So ähnlich war es mit der Gurtpflicht. Und in der NFL müssen diejenigen, die den Schuss noch nicht gehört haben, eben mit dem Zwang leben, ohne diese Schutzmaßnahme zu akzeptieren.
nitram.reduam 06.09.2018
2. jaja vielleicht,
wenns schnell die regeln ändern, dann können sicher zwei nfc-teams im superbowl gegeneinander spielen, sonst eher nicht so wahrscheinlich - omg
mwroer 06.09.2018
3.
Zitat von AffenhirnEs gibt einen netten Spruch am Schaufenster eines Geschäfts in der Nachbarschaft: "Die Verständigen wissen, dass man sein Fahrrad nicht an die Fensterscheibe anlehnt. Den Anderen verbieten wir es. " So ähnlich war es mit der Gurtpflicht. Und in der NFL müssen diejenigen, die den Schuss noch nicht gehört haben, eben mit dem Zwang leben, ohne diese Schutzmaßnahme zu akzeptieren.
Die Regel per se ist sicherlich gut, ich sehe nur erhebliche Probleme bei der Auslegung. Der Verteidiger hat schon Recht - selbst bei einem perfekten Tackle ist der Kopf zwangsweise vorne, das zu vermeiden führt zu mehr unnatürlichen Bewegungen und bei Zusammenstößen ggf zu schwereren Verletzungen als jetzt. Wir werden sehen wie es sich bewährt und wenn es funktioniert: Prima.
@TheRealJogi 06.09.2018
4. Fehlende Sachkenntnis
Fabian Held möge mir bitte erläutern, wie sich Anfang Februar die Atlanta Falcons und die Philadelphia Eagles im Finale um die Meisterschaft (ich nehme an, er meint damit den Super Bowl) wiedersehen könnten? Um es kurz zu machen: dies ist aufgrund der Konstellation der Liga sowie dem Playoff-Modus definitiv nicht möglich!
ynwa_ 06.09.2018
5. Vielleicht
Sollten sich die NFL Spieler mal ein Rugby Match anschauen, dort tackled auch niemand mit der Rübe voraus, ein gutes Tackle braucht halt eine gute Technik und richtiges Timing , vielleicht liegt da das eigentliche Problem.Ein gutes hartes Tackle , sieht , meiner Meinung nach, auch besser aus als einfach stumpfsinnig in den Gegner zu laufen .
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