Rassismus in der NFL Wir sind schwarz, und wir sind Quarterbacks

Der Quarterback ist der Spielmacher im American Football. Lange war diese Position ausschließlich Weißen vorbehalten - zumindest dieses Kapitel endet bei einem Match am Sonntag.

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Die Meldung war eine Überraschung - und etwas Besonderes. "Geno Smith wird am Sonntag als Quarterback beginnen", hatten die New York Giants zur Wochenmitte via Twitter ihren 1,74 Millionen Followern mitgeteilt.

Damit geht eine Serie zu Ende: Denn New Yorks Quarterback-Legende Eli Manning stand bei allen Partien seit dem 21. November 2004 von Beginn an auf dem Platz. 210 Spiele nacheinander. 13 Jahre lang.

Mindestens ebenso interessant ist jedoch die Tatsache, dass nun mit dem genannten Geno Smith im Spiel gegen die Oakland Raiders erstmals in der 92-jährigen Vereinsgeschichte der Giants ein schwarzer Playmaker die Offensive anführt.

Smith kennt die NFL, ist seit 2013 in der Liga, hat 33 Spiele absolviert - davon 30 von Beginn an. Dennoch wird es ein besonderer, ein historischer Augenblick sein - wenn dieser Eugene Cyril Smith III aus Lakemont im US-Bundesstaat Georgia die Giants aufs Feld bringt. Damit sind die Giants das 32. und letzte NFL-Team, das einen Afroamerikaner als Starting Quarterback aufstellt.

Ob Russell Wilson, Cam Newton oder auch Dak Prescott - heute gehören schwarze Quarterbacks zu den größten Entertainern im Showgeschäft NFL. Bei den Buffalo Bills kämpften 2016 mit Tyrod Taylor, EJ Manuel und Cardale Jones sogar drei afroamerikanische Quarterbacks um den Job des Starters.

Marlin Briscoe machte den Anfang

Vor einem halben Jahrhundert hatte es noch keinen einzigen Klub gegeben, der die wohl wichtigste Position im nordamerikanischen Profisport von Beginn an einem Afroamerikaner zugetraut hatte. Wie schwer sie es hatten, zeigt die Story von Playmaker-Pionier Marlin Briscoe. Er war am 6. Oktober 1968 der erste Schwarze, der ein NFL-Team, die Denver Broncos, aufs Feld führte. Briscoe war bereits damals ein Spielertyp, wie es viele Jahre später ein Russel Wilson in Seattle auch werden sollte - smart, gewieft, klein, mit starkem Wurfarm.

Briscoe hatte immer Quarterback gespielt - vom Flag Football bis hin zum College. 1968 griffen die Broncos bei der Draft an 357. Stelle zu - allerdings verpflichteten sie Briscoe als Cornerback, was ihn weder überraschte noch verletzte, wie er stets betonte.

Briscoe hatte keinen Manager, sondern handelte seine Verträge allein aus - und er einigte sich mit den Broncos auf ein dreitägiges Probetraining als Quarterback. Sollte er durchfallen, so der Deal, würde er es als Basketballer in der American Basketball Association (ABA) versuchen - oder einen Lehrerberuf anstreben. "Alles, was ich wollte, war eine Chance, ihnen zu zeigen, was ich kann", sagt Briscoe.

Er war mit 1,78 Metern eigentlich zu klein für einen Quarterback - und galt mit seinen 81 Kilogramm als Leichtgewicht. Aber es waren eben die Sechziger in den USA. Eine Zeit, in der Afroamerikaner ihre Meinung nicht mehr nur daheim äußerten, sondern auch öffentlich. So auch im Sport. So auch Briscoe. "Wären es noch die Fünfziger gewesen, niemals hätte ich mich getraut, den Mund so aufzumachen und Forderungen zu stellen", sagt er.

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Protest in der NFL: Arm in Arm

Zu Beginn des Trainingscamps wurde Briscoe noch als Cornerback geführt. Es dauerte einige Wochen, bis er seine Chance als Playmaker bekam. Als sich jedoch der etatmäßige Quarterback Steve Tensi schwer verletzte, war Briscoe endgültig die Nummer eins. Doch mit seiner Beförderung entstanden Fragen. Fragen, die bis dato nie gestellt werden mussten, weil sie sich einfach nicht ergaben. Weil die Starting Quarterbacks der NFL bis dahin immer durch weiße Spieler besetzt gewesen waren. Fragen wie: Würden Fans Geld bezahlen, um einen schwarzen Quarterback zu sehen?

In den Siebzigerjahren brach die alte NFL-Welt um

Briscoe antwortete auf seine Weise. An seine 14 Touchdowns kam selbst Klublegende John Elway Jahre später in seiner ersten Saison nicht heran. "Als wir Marlin spielen sahen, hatten wir alle Hoffnung bekommen. Quarterback erschien plötzlich als realistische Möglichkeit", erinnert sich James Harris. Er fand seinen Platz in der NFL-Geschichte als erster schwarzer Starting Quarterback, der in den Pro Bowl gewählt wurde. Auch wenn Briscoe 1969 die Broncos verließ und anschließend bei anderen NFL-Teams als Wide Receiver eingesetzt wurde, blickt er stolz auf seine Zeit als Football-Verteiler zurück. "Es wurde viel erreicht, weil ich nicht versagt habe."

Laut "New York Times" hatten neun Teams bis Ende der Siebziger einen schwarzen Quarterback als Starter gehabt, aber 2010 gab es immer noch fünf Mannschaften ohne einen afroamerikanischen Spielmacher. Die Tampa Bay Buccaneers verpflichteten 1978 mit Doug Williams als erster Verein in der ersten Draftrunde einen schwarzen Quarterback. "Was ich an jenem Tag geschafft habe, war für viele Afroamerikaner von großer Bedeutung", betont Williams noch heute.

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Colin Kaepernick: Vom Star zum Ausgestoßenen

Derzeit sind 70 Prozent der NFL-Profis Afroamerikaner - aber im Vergleich zur Basketball-Liga NBA (75 Prozent) gilt sie trotzdem nicht als Liga der Schwarzen. Denn Touchdowns und Tackles werden bejubelt von Fans, die zu 83 Prozent weiß sind. Und die Akteure spielen für Vereine, die bis auf die Jacksonville Jaguars ausschließlich weißen Milliardären gehören.

Eine Konstellation, die für Zündstoff sorgt, wie das Beispiel Colin Kaepernick zeigt, der sich in der Vorsaison aus Protest gegen Rassismus in den USA bei der US-Nationalhymne vor jedem Spiel niederkniete und damit den Zorn von Donald Trump auf sich zog. Für den US-Präsidenten sind Spieler wie Kaepernick schlicht "Hurensöhne".

Marlin Briscoe erinnert sich an den Rassismus von damals. Vor allem habe man immer wieder die Frage gestellt, ob er, der Afroamerikaner, "schlau genug" sei, um Quarterback zu spielen? Heute, sagt er, gehe es nicht mehr um die Hautfarbe des Quarterback, "sondern nur noch um den Quarterback." Die Spielmacher, so Briscoe, würden nach ihren Leistungen beurteilt. "Das ist eine Errungenschaft. Ich bin froh, dass ich das noch erleben kann."



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chramb80 03.12.2017
1. Was will uns der Artikel jetzt sagen?
Die Giants haben ihren ersten schwarzen Quaterback, so what? Seit fast 100 Jahren stehen im Profi-Football schwarze Quaterbacks auf dem Feld nun stellen die Giants zum ersten mal einen schwarzen QB aufs Feld. Die Überschrift suggeriert aber das es ein bisher irgendwie ungeschriebenes Gesetz gegeben hätte das schwarzen die Position des QB verwehren würde?
packers1963 03.12.2017
2. Fehler im Artikel
Es ist ja durchaus angebracht, sich mit dem zum Teil noch immer grassierenden Rassismus in der NFL zu befassen. Aber dafür ist der Artikel insgesamt doch recht oberflächlich und zu dem ungenau recherchiert. Wenn der Autor schreibt, dass lediglich die Jacksonville Jaguars nicht einem weißen Milliardär gehören, irrt er sich leider gewaltig. Die Green Bay Packers sind das einzige Team der NFL, das nicht Eigentum eines einzelnen Besitzers, sondern eine gewinnorientierte Gesellschaft (non-profit corporation) ist und aktuell mehr als 350.000 Anteilseignern gehört. Übrigens besteht dieses Gesellschaftsmodell in Green Bay seit 1923.
stuehler 04.12.2017
3. Quarterbacks ohne Ende
Es gibt seit vielen Saisons farbige Quarterbacks von gradios bis mäßig, wie Wilson, Mariota, Newton, Kaepernick, RGIII, Taylor, Vick und ich bin gespannt auf Geno Smith an diesem Sonntag. Interessanter wäre doch eine Quote für Tight Ends, Kicker und Punter. Da gab es mal einen Marquette King als Punter. Warum ist das da so?
Lisa_can_do 04.12.2017
4. Danke für den Artikel
Ja, es ist auch im Jahr 2017 eine gute Meldung wert, wenn Schwarze in den USA auch solche herausragenden Führungspositionen einnehmen. In Deutschland unvorstellbar, immer noch. Und na klar, meint die weiße Leserschaft hier: hä, Rassismus - gibts doch gar nicht mehr. Na dann, herzlich willkommen im 21. Jahrhundert mit fast tagtäglicher Diskriminierung gegen z. B. schwarze Deutsche. Nein, nicht als Opfergeheule, sondern als Tatsache - leider. Und da helfen auch die vermeintlich tolerant offenen Kommentare von Weißen nix, die meinen, dass sie auch alles darüber wissen, was Schwarze so tagtäglich erleben müssen.
solltemanwissen 04.12.2017
5.
Zitat von packers1963Es ist ja durchaus angebracht, sich mit dem zum Teil noch immer grassierenden Rassismus in der NFL zu befassen. Aber dafür ist der Artikel insgesamt doch recht oberflächlich und zu dem ungenau recherchiert. Wenn der Autor schreibt, dass lediglich die Jacksonville Jaguars nicht einem weißen Milliardär gehören, irrt er sich leider gewaltig. Die Green Bay Packers sind das einzige Team der NFL, das nicht Eigentum eines einzelnen Besitzers, sondern eine gewinnorientierte Gesellschaft (non-profit corporation) ist und aktuell mehr als 350.000 Anteilseignern gehört. Übrigens besteht dieses Gesellschaftsmodell in Green Bay seit 1923.
Wie kann denn eine gewinnorientierte Gesellschaft eine non-profit corporation sein?
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