Raiders-Coach Jon Gruden "Das Spiel zurück ins Jahr 1998 bringen"

Das Football-Team der Oakland Raiders will an große Zeiten anknüpfen. Darum haben sie Jon Gruden verpflichtet, mit dem sie einst erfolgreich waren. Er gilt als exzellenter Trainer - trotzdem ist der Deal riskant.

Jon Gruden
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Schmeichelhaft ist der Spitzname von Jon Gruden nicht: Man nennt ihn "Chucky", in Anlehnung an die Mörderpuppe aus den Horrorfilmen. Der 55-Jährige wird so genannt, weil er als Trainer früher sehr emotional war und dabei öfter Grimassen geschnitten hat, die ihn aussehen ließen wie die Filmfigur.

Jetzt ist Gruden als Trainer in die NFL zurückgekehrt. Er unterschrieb einen Vertrag über zehn Jahre und verdient dabei 100 Millionen US-Dollar. Sowohl die Laufzeit als auch die Summe sind neuer NFL-Rekord. Doch der Deal ist umstritten. Die Frage lautet: Ist Gruden das wert?

Der 55-Jährige hat seit neun Jahren kein NFL-Team mehr gecoacht. In dieser Zeit hat sich die Liga stark verändert. Es wird zum Beispiel viel mehr Wert auf "Analytics" gelegt, also auf die statistische Auswertung des Sports. Das hat nicht nur die Spielweise auf dem Feld verändert, sondern auch das Rekrutieren von Spielern.

"Nicht auf die moderne Technik verlassen"

"Ich will das Spiel zurück ins Jahr 1998 bringen", sagte Gruden, der in den vergangenen Jahren TV-Experte bei ESPN war. Bei diesem Job ist er viel rumgereist, hat sich angesehen, wie die Teams arbeiten. "Es ist eine Sache, diese Daten zu haben. Es ist aber eine andere Sache, zu wissen, wie man diese verdammten Daten lesen kann."

Jon Gruden (Mitte) im Gespräch mit James Stone
AP

Jon Gruden (Mitte) im Gespräch mit James Stone

Der Trainer will sich von Raiders-Mitarbeitern helfen lassen, Analytics auch nutzen. Aber: "Ich will mich nicht auf diese moderne Technik verlassen", sagt Gruden. "Der altmodische Weg ist ein guter Weg." Die Raiders sind sich sicher: Dieser Weg wird zum Erfolg führen, wie es ihn mit Gruden schon einmal in Oakland gegeben hat. Von 1998 bis 2001 war er Cheftrainer der Raiders. Unter Gruden gewann das Team in jeder Saison mindestens die Hälfte ihrer Spiele und schaffte es zweimal in die Playoffs.

Trotzdem wollte Oakland ihn damals loswerden, gab ihn für die Rechte an vier Nachwuchsspielern und acht Millionen US-Dollar an die Tampa Bay Buccaneers ab. Gleich in seiner ersten Saison (2002/2003) coachte Gruden das Team in den Super Bowl und gewann das Endspiel der NFL 48:21 - ausgerechnet gegen seinen Ex-Klub, die Oakland Raiders. Gruden war damals 39 Jahre alt und der jüngste NFL-Trainer, der einen Super Bowl gewinnen konnte.

"Der Mann muss 20 Kaffee trinken"

Die Raiders hoffen, dass Gruden den Klub nun wieder auf Erfolgskurs bringt. Seit dem Super-Bowl-Einzug 2003 gelang es Oakland nur in einer Saison, mehr Siege als Niederlagen zu holen. "Die Raiders brauchen jemanden, der ihnen in den Hintern tritt", glaubt Sportreporter Adam Schein. "Mit Gruden werden die Raiders sofort um den Super Bowl mitspielen. Gruden macht das Team mit seiner unglaublichen Energie und Intensität besser."

Letzteres bestätigt Raiders-Quarterback Derek Carr. "Der Mann muss 20 Kaffee trinken, schätze ich mal", sagte der Spielmacher über seinen neuen Trainer. "Wenn er loslegt, ist er auf einem anderen Level, und er hört nicht damit auf."

Raiders-Quarterback Derek Carr (r.)
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Raiders-Quarterback Derek Carr (r.)

Mit Carr hat Gruden einen guten Spielmacher, der gesetzt ist. Im Sommer wurde Jordy Nelson geholt. Ein erfahrener Wide Receiver, der bisher bei den Green Bay Packers Pässe von Star-Quarterback Aaron Rodgers fing. Mit Doug Martin kam aus Tampa ein neuer Ersatzmann für Running Back Mashawn Lynch.

Schwächung in der Verteidigung

Die Verteidigung der Raiders wurde kurz vor Saison-Start allerdings geschwächt: Defensive End Khalil Mack ist einer besten Pass Rusher der Liga. In der vergangenen Saison kam er auf 10,5 Sacks - nur fünf NFL-Profis hatten mehr. Aber die Raiders tradeten ihn zu den Chicago Bears. "Das war nicht mein Ziel", sagte Gruden. "Er ist einer der Gründe, warum ich hier bin. Aber wir konnten uns nicht auf einen neuen Vertrag einigen."

Es ist ein Rückschlag für den 100-Millionen-Coach, der mit seinem Team in der Nacht auf Dienstag (11. September) gegen die Los Angeles Rams in die neue Saison startet. Die Raiders gelten als einer der traditionsreichsten NFL-Klubs. Schauspieler Tom Hanks sagte einmal: "Du kannst überall auf der Welt hingehen und sagen: 'Ich komme aus Oakland.' Und die Leute werden dich fragen: 'Ist das nicht da, wo die Raiders spielen?'"

Ab 2020 ist das vorbei. Dann werden die Raiders nach Las Vegas umziehen. Mit oder ohne Gruden als Headcoach.

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insgesamt 2 Beiträge
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bigmitt 10.09.2018
1. Das klappt leider .....
...eher selten....also das man einfach einen damals erfolgreichen Trainer zurückholt und davon ausgeht das damit automatisch auch der Erfolg zurückkommt. Alleine wenn man sich anschaut wie unterschiedlich das Spiel durch neue striktere Regeln mittlerweile im Vergleich zu 1998 ist dann wird Gruden es kaum schaffen erfolgreich zu sein. Die Raiders gelten historisch als undiszipliniert spielende Mannschaft ( Penalty yards als Massstab) . Da werden wir öfter "Chucky" an der Seitenlinie im Clinch mit den Refs sehen. Heute wird fast alles abgepfiffen was vor 20 Jahren noch legal war. Unerwähnt lässt der Autor auch das die Raiders wohl gegen die Rooney Regel verstossen haben als Gruden verpflichtet wurde. Es hätte vorher Bewerbungsgespräche von Trainern geben müssen die Minderheiten angehören.
tulu01 11.09.2018
2. hat ja gut funktioniert
Wenn man auf seinem Höhepunkt stehen geblieben ist, versucht man halt verzweifelt zu klammern. Wie gut das funktioniert hat man heute morgen gesehen. Zu seiner Zeit ein super Coach aber das wird nichts mehr, die Verpflichtung war wohl auch eher ein Publicity Stunt, gerade bei dem Vertrag, denn nach dem Umzug wird das Team eh komplett umgestellt. PS: Der Mann heißt Marshawn nicht Mashawn Lynch. bei Artikeln über NFL bzw American Football könnte man wirklich langsam jemanden schreiben lassen der das auch wenigstens nebenbei mal verfolgt.
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