NFL-Playoffs Kampf der Kulturen

Meisterschaften werden in der Defensive entschieden, heißt es. Doch in den NFL-Playoffs wird sich diese Saison zeigen, ob auch eine offensive Spielweise Titel einbringen kann.

New-England-Quarterback Tom Brady (l.), Trainer Bill Belichick
DPA

New-England-Quarterback Tom Brady (l.), Trainer Bill Belichick


Es war ein Ergebnis, das wie aus einer anderen Zeit wirkte. Als American Football noch wesentlich Rugby-ähnlicher war und vornehmlich aus Laufspielzügen und Field Goals bestand. 16:15 gewann der amtierende Meister aus Philadelphia bei den Chicago Bears - die Partie war 6:3 in die Pause gegangen.

Während zu Beginn der Saison die Angreifer die Liga nahezu nach Belieben dominierten, zeigte sich zu Anfang der Playoffs, dass die Verteidigungsreihen immer noch gewichtig sind: Ganze sieben Punkte gelangen zum Beispiel den Houston Texans bei ihrem Ausscheiden gegen Indianapolis.

Dieses Wochenende stehen sich in mehreren Viertelfinal-Duellen verschiedene Spielphilosophien gegenüber, die zeigen werden, ob in den Playoffs tatsächlich nach wie vor die Verteidigung der Schlüssel ist - oder überlegene Angriffsreihen Spiele im Alleingang entscheiden können.

Indianapolis Colts - Kansas City Chiefs (Samstag, 22.35 Uhr MEZ; TV: ProSieben, DAZN)

Kansas-Quarterback Patrick Mahomes
AP

Kansas-Quarterback Patrick Mahomes

Keine andere Angriffsmaschinerie erscheint so eingespielt wie die der Kansas City Chiefs: Quarterback Patrick Mahomes hat bereits in seiner ersten Saison als Starter mehr als 5000 Yards geworfen, davon 50 Touchdown-Pässe bei nur zwölf Interceptions. Es ist vor allem die Stärke seines Wurfarms, die viele Fans und Gegenspieler in ungläubiges Staunen versetzt.

Mahomes wirft nicht einfach nur klassisch aus der eingedrehten Schulter, sondern auch seitwärts - und manchmal sogar mit links. Die Vergleiche mit dem Werfen eines Baseballs kommen dabei nicht von ungefähr, denn der 24-Jährige ist der Sohn des ehemaligen Major-League-Pitchers Pat Mahomes, der unter anderem für die Minnesota Twins und Boston Red Sox spielte. Mit Wide Receiver Tyreek Hill und Tight End Travis Kelce stehen mindestens zwei weitere Top-Waffen in der Starting Offense der Chiefs.

Und trotzdem glauben viele Experten, dass sich die Chiefs die Zähne an den Indianapolis Colts ausbeißen könnten. Das liegt zum einen am Traum-Comeback von Quarterback Andrew Luck, der bei den Colts so etwas wie seinen zweiten Frühling erlebt - und mittlerweile so populär ist, dass sogar ein Twitter-Account, der Luck als Offizier im amerikanischen Bürgerkrieg darstellt, zur nationalen Berühmtheit geworden ist.

Videoanalyse: Jetzt kommen die Favoriten

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Zum anderen liegt es daran, dass die Chiefs und vor allem ihr Trainer Andy Reid als notorische Playoff-Loser gelten - und daran, dass die Defense nur auf Rang 31 aller NFL-Teams rangiert - dem vorletzten Platz also.

Dallas Cowboys at Los Angeles Rams (Sonntag, 2.15 Uhr MEZ; TV: ProSieben, DAZN)

Running Back Ezekiel Elliott
AP

Running Back Ezekiel Elliott

Ein ähnliches Ungleichgewicht haben die Los Angeles Rams, die 2016 von St. Louis in die Hollywood-Metropole umgezogen sind. Die hochgerüstete Offensive der Gastgeber (die zweitbeste der NFL nach den Chiefs) wird von einer Verteidigung ergänzt, die auf Rang 19 steht.

Nun treten die Rams gegen ein Team an, das sich nach einem verkorksten Start mitten in der Saison vor allem als defensives Schlachtross (Platz sieben der Liga) neu erfand: die Dallas Cowboys. Bemerkenswert ist, dass auf beiden Seiten der Superstar des Teams kein Quarterback ist, sondern zwei der besten Running Backs (Ballträger) der Liga, Todd Gurley bei den Rams und Ezekiel Elliott bei den Cowboys.

Philadelphia Eagles at New Orleans Saints (Sonntag 22.40 Uhr MEZ; TV: ProSieben, DAZN)

New-Orleans-Quarterback Brees
AFP

New-Orleans-Quarterback Brees

New Orleans hingegen setzt aufs Passspiel: Drew Brees, Quarterback und Superstar der Saints, stellt seit Jahren einen Rekord nach dem anderen auf. 504 Punkte erzielten die Saints in der regulären Saison, ein für die NFL herausragender Schnitt von 31,5 Punkten pro Spiel. Zum Vergleich: Die Cowboys, immerhin ja auch unter den letzten acht Playoff-Teams, kamen gerade mal auf gut 21 Punkte pro Partie.

Gegen die Cowboys kassierten die Saints in der regulären Saison eine bittere Niederlage - weil die Verteidigung der Texaner den Angriffsfluss empfindlich störte - und gerade einmal zehn Punkte zuließ. Die Saints sind im heimischen Superdome klarer Favorit gegen den amtierenden Super-Bowl-Champion aus Philadelphia. Beim ersten Aufeinandertreffen in dieser Saison verloren die Eagles in New Orleans 7:48.

Los Angeles Chargers at New England Patriots (Sonntag 19.05 Uhr MEZ; TV: ProSieben, DAZN)

Tom Brady
AFP

Tom Brady

Und dann sind da noch die New England Patriots mit Altmeister Tom Brady. In dieser Saison hat die Mannschaft noch kein Heimspiel verloren, in der gesamten Ära von Trainer Bill Belichick, der in seiner 19. Saison in Boston ist, waren es ganze 3 von 22 Playoff-Heimspielen. Und auch gegen die Chargers dürfte kaum eine weitere dazu kommen.

Das Erfolgsduo Belichick & Brady kann übrigens als Prototyp eines offensiven Spielverständnisses gelten: Schließlich setzen die Patriots schon seit geraumer Zeit eher darauf, dass Brady im letzten Drive einer Partie seine Offense noch einmal das Feld herunterführt - als darauf, dass ein Cornerback die entscheidende Interception fängt (wie Malcom Butler im SUPER BOWL XLIX).

Defense wins Championships? An diesem Wochenende wird sich zumindest für diese Saison womöglich das Gegenteil erweisen.

Anmerkung der Redaktion: Wir haben den Namen der Stadt korrigiert, aus der die Rams nach Los Angeles gekommen sind. Nicht aus San Diego siedelte das Team über, sondern aus St. Louis. Auch den Namen der Los Angeles Chargers haben wir korrigiert.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
papelbon 12.01.2019
1.
Die Rams sind von San Diego nach Los Angeles gezogen? Danke für diese Info Spiegel online.
Athlonpower 12.01.2019
2. Die beiden stärksten Abwehrmannschaftn sind schon draußen
Die wohl mit Abstand stärksten Verteidigungen der Play-Offs, die Baltimore Ravens und Chicago Bears sind bereits in der ersten Runde und im eigenen Stadion ausgeschieden, eine gute bzw. sehr gute Offensive ist also doch etwas vorteilhafter, vor allem weil der gewichtsstarken Defense mit längerer Spielzeit, wenn sie ständig auf dem Platz stehen schlicht und einfach die Puste ausgeht und dann von den schnellen Angreifern überrollt werden, konnte man gerade bei Ravens gegen Chargers sehen!
bolla 12.01.2019
3. San Diego Chargers?
... das ist leider ein Anachronismus. Meines Wissens sind die Chargers in Los Angeles angesiedelt.
Mr Bounz 13.01.2019
4.
Es gab bereits vor einiger Zeit einen Artikel bei SPON der statistisch sauber belegte das der Offence/Defence Spruch Blödsinn ist. In Ligen, also wie z.B. die Buli ist der Vorsprung eines offensiven Spielweise nur gering, ABER gerade bei Meisterschaften die in Playoffs ausgespielt werden liegt diese Spielweise klar vorne. Es muss also Offence wins heißen!
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