NFL-Skandal Football-Stars als Prügler

Amerikas Football-Liga hat ein Gewaltproblem, die Fälle häuslicher Gewalt häufen sich: Jetzt erschüttert ein Prügelvideo mit Ex-Baltimore-Star Ray Rice das Land und bringt die NFL-Führung unter Druck. Für Abhilfe könnte eine frühere Außenministerin sorgen.

Ray Rice (im Trikot der Baltimore Ravens): "Falsch eingeschätzt"
REUTERS

Ray Rice (im Trikot der Baltimore Ravens): "Falsch eingeschätzt"

Von , Washington


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Es ist Amerikas liebster Sport. Rund 111 Millionen Menschen haben im Februar den Super Bowl zwischen den Seattle Seahawks und den Denver Broncos im Fernsehen verfolgt, das Endspiel der nordamerikanischen Football-Profiliga NFL. Ein Rekord, mal wieder.

Gut ein Drittel der Amerikaner erklärt in Umfragen regelmäßig seine Zuneigung zum Football; auf Platz zwei folgt der einstige Nationalsport Baseball, abgeschlagen mit 14 Prozent. Football-Spieler sind Superstars in Amerika, Vorbilder für viele.

Das ist die eine Seite.

Die andere ist geprägt von Schlagzeilen über Schlägereien, Drogenmissbrauch und häusliche Gewalt gegen Ehefrauen, Verlobte, Freundinnen, Kinder. Und immer wieder haben die Liga-Verantwortlichen betroffenen Spielern solches Fehlverhalten durchgehen lassen, eventuelle Strafmaßnahmen waren lax. Jetzt erschüttert ein Skandal Land und Liga, der all das wie durch ein Brennglas bündelt: der Fall Ray Rice.

Verlobte bewusstlos geprügelt

Rice hatte im Februar seine damalige Verlobte Janay Palmer im Aufzug des Revel-Hotels in Atlantic City bespuckt und bewusstlos geschlagen. Die Klatschseite TMZ.com veröffentlichte damals erste Aufnahmen einer Überwachungskamera, die zeigen, wie der 27-jährige Running Back der Baltimore Ravens seine bewusstlose Verlobte aus dem Fahrstuhl zieht. Doch die gegen Rice erhobene Anklage blieb weitgehend folgenlos, NFL-Boss Roger Goodell sperrte ihn für gerade mal zwei Spiele - und Janay Palmer heiratete schließlich den Mann, der sie verprügelt hatte. Mehr noch: Auf einer Pressekonferenz der Ravens entschuldigte sich Janay, das Opfer, mehr oder weniger für den Vorfall im Hotel.

Janay und Ray Rice während einer Pressekonferenz im Mai
AP/dpa

Janay und Ray Rice während einer Pressekonferenz im Mai

Ende August aber musste Goodell eingestehen: "Ich habe das falsch eingeschätzt." Künftig, so kündigte er an, würden Spieler bei einem ersten solchen Vergehen für sechs Spiele gesperrt. Und dann, am vergangenen Montag legte TMZ.com nach. Ein neuerlicher Ausschnitt aus einem Überwachungsvideo des Revel-Hotels, diesmal allerdings Aufnahmen vom Inneren des Fahrstuhls: Zu sehen ist, wie Rice seine damalige Verlobte mit einem Schlag derart niederstreckt, dass sie mit dem Kopf auf die Handreling des Aufzugs knallt und bewusstlos zusammensackt. Seitdem wogt eine neue Welle der Empörung durchs Land, die nun auch NFL-Chef Goodell seinen Posten kosten könnte.

"Der Ruf der NFL ist ruiniert", kommentiert die "Washington Post". Die "New York Times" bemerkt: "Janay Rice ist zur berühmtesten verprügelten Ehefrau des Landes geworden."

Dermaßen unter Druck handelten jetzt auch die Baltimore Ravens und feuerten ihren Star; die NFL verhängte eine Sperre "auf unbegrenzte Zeit". Man habe in dem ursprünglichen Video ja nur das Ergebnis der Tat sehen können, rechtfertigte sich Goodell, das Prügelvideo selbst habe man erst diese Woche zu Gesicht bekommen. Aber war die Tat denn je umstritten? War der Polizeibericht nicht deutlich genug? Und haben die NFL-Verantwortlichen das entscheidende Video nicht möglicherweise doch zuvor gesehen?

Die Nachrichtenagentur AP jedenfalls zitiert einen Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörden, der sagt, er habe der NFL das Video bereits vor fünf Monaten zugespielt. Zum Beleg soll er eine Tonbandaufnahme vorgespielt haben, in der eine NFL-Mitarbeiterin den Eingang der DVD bestätigt: "Sie haben recht, das ist fürchterlich." Hat also Roger Goodell die Unwahrheit gesagt? Er selbst setzte am Mittwoch eine unabhängige Kommission unter dem früheren FBI-Direktor Robert Mueller ein, die den Vorfall aufklären soll. Mueller gilt tatsächlich als unabhängig - und als harter Hund. Für Goodell, den wohl mächtigsten Mann des US-Sports, könnte es sehr schnell sehr eng werden.

Kein Einzelfall

Dass die Causa Ray Rice tatsächlich kein Einzelfall ist, das bestätigte sich am Freitagabend. Da wurde bekannt, dass Adrian Peterson, NFL-Spieler in Diensten der Minnesota Vikings, unter dem Verdacht der Kindesmisshandlung steht: Er soll seinen Sohn mit einem Zweig oder einer Gerte geschlagen haben. Peterson, so erklärte sein Anwalt, bedauere den Vorfall.

NFL-Boss Roger Goodell
AP/dpa

NFL-Boss Roger Goodell

Eine Datenbank der Lokalzeitung "U-T San Diego" listet seit dem Jahr 2000 alle Vergehen von NFL-Profis auf, die über ein Knöllchen im Straßenverkehr hinausgehen. Der aktuelle Zählerstand (ohne Vikings-Mann Peterson): 723. Ray Rice war Fall Nr. 692. Der letzte Eintrag stammt vom 31. August. Da verhaftete die Polizei Ray McDonald von den San Francisco 49ers. Vorwurf: häusliche Gewalt. McDonald soll seine schwangere Verlobte verprügelt haben. Auch in anderen US-Sportarten gibt es ähnliche Fälle - im Baseball, beim Eishockey, in der NBA. Ihnen allen gemein ist, dass Vereine und Ligen im Nachgang stets lasch reagieren. Wer will sich schon, finanziell und sportlich, den Verlust eines Stars leisten?

Allerdings droht nun weit größerer Schaden: einer am Image. Über Jahre etwa hat die NFL versucht, attraktiver für weibliche Fans zu werden. Auch diese Bemühungen sind nun erstmal zunichte gemacht. Vielleicht bedarf es eines echten Neuanfangs bei Amerikas (noch) liebstem Sport. Gerade hat die "Washington Post" den klingenden Namen einer Frau ins Spiel gebracht, die genau dafür stehen könnte: Condoleezza Rice, einst Außenministerin unter US-Präsident George W. Bush.

Die Professorin Rice, weder verwandt noch verschwägert mit Ray, hatte im Jahr 2002 zu Protokoll gegeben, dass sie sich irgendwann "ernsthaft" vorstellen könne, die NFL zu führen. Sie liebe den Sport, der sei schließlich "eine amerikanische Institution". Rice verpasste auch während ihrer Jahre in Washington nicht die wichtigen Spiele, in ihrem Büro lagerten signierte Football-Helme.

Rice als Rettung der NFL? Mal abwarten. Noch lehrt sie an der Stanford University in Kalifornien.



insgesamt 34 Beiträge
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Atheist_Crusader 13.09.2014
1.
Football (und diverse andere Profisport-arten zu einem geringeren Grad) ist übertriebene Macho-Kultur und glorifizierte Gewalt in Reinform. Die Spieler stehen irgendwo zwischen Krieger und Rockstar, und es wird praktisch von ihnen erwartet (oder auch mal aufgezwungen, falls Jemand nicht mitspielen will), dass sie die Männlichkeits-Definitionen von Berggorillas verkörpern. Und da gehört Gewalt als Problemlösung oder zum Definieren der sozialen Hackordnung dazu. Da wird Rice gar nichts ändern können. Das ist ein Problem des Systems, der Gesellschaft, der selbst verordneten Werte. Alles was sie tun kann ist ein bisschen Makeup auf die blauen Flecken auftragen. Das hilft aber weder den Opfern noch sonst irgendwem.
genugistgenug 13.09.2014
2. einfache Antwort
wer schlägt, fliegt! Auch wenn die auf Action, Aggressivität hochgezüchtet wurden ist das keine Entschuldigung für Schläge. Entschuldigungen, Erklärungen sollen alles nur abmildern und die Täter und vor allem Zuseher=Mitmacher/Dulder/Unterstützer so entlasten.
BlakesWort 13.09.2014
3.
Macho-Kultur und Gewalt hin oder her, der Sport ist mit den Jahren brutaler geworden, weil die Spieler immer mehr auf Hochleistung gezüchtet werden und die Zuschauer Action sehen wollen. Die Verbindung zwischen schweren Kopfverletzungen, wie sie Hirnerschütterungen darstellen und gewaltätigem Verhalten aufgrund gestörter Impulskontrolle ist ein Thema, welches die amerikanischen Ligen totschweigen möchten. Die Zahlungen würden immens hoch sein.
gelegenheitsposter2 13.09.2014
4. Dopingtests
Wenn ich mir die Masse und die Brutalität der *Sportler* anschaue frage ich mich immer wie man so einen Körperbau ohne Hilfsmittel aufbauen kann. Weiter ist zunehmende Unbeherrschtheit und Brutalität insgesamt ein Indiz für die Einnahme merkwüdiger Substanzen. Werden in der NFL überhaupt ähnliche Dopingtests durchgeführt wie in olympischen Sportarten ?
EboGeowan 13.09.2014
5.
Ich hoffe, die Amis zeigen gegen jegliche Gewalt abseits des Felds jetzt endlich Härte! Keine Toleranz gegen gewalttätiges Verhalten abseits des Felds! Dann aber bitte auch schon ab der Highschool. American Football ist ein super Sport, der nicht durch männliche Machos verkommen darf.
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