NFL-Trainerstar McVay-Mania

Jung, offensiv, erfolgreich: Rams-Coach Sean McVay hat sich bereits mehrfach in die NFL-Geschichtsbücher eingetragen. Seine Erfolgsgeschichte hat einen erstaunlichen Trend ausgelöst.

AP

In der National Football League geht ein Witz rum. "Wie wird man NFL-Cheftrainer?" Die Antwort: "Du musst Sean McVay kennen." Ganz so einfach ist es natürlich nicht - ganz so abwegig aber auch nicht. Denn der Chefcoach der Los Angeles Rams ist der Trendsetter der Liga: Jung, offensiv eingestellt, erfolgreich.

Auf der NFL-Internetseite wird er als "Coaching Supernova" bezeichnet, die Nachrichtenseite "Business Insider" nennt Sean McVay ein "offensives Superhirn, das die NFL im Sturm erobert hat". Und obwohl er erst seit zwei Jahren im Amt ist, steht sein Name bereits mehrfach in den NFL-Geschichtsbüchern: jüngster Chefcoach, jüngster Trainer der Jahres, jüngster Trainer mit einem Playoff-Sieg.

Um die Ecke gedacht

McVay war gerade mal 30 Jahre alt, als ihn die Rams am 12. Januar 2017 zum Head Coach ernannten. Zwischen 2004 und 2016 hatte der Verein maximal die Hälfte seiner 16 Vorrundenspiele gewonnen - oftmals aber weitaus weniger. Im letzten Jahr vor McVay lautete die Bilanz 4:12.

Es war keine Überraschung, dass Trainer Jeff Fisher gehen musste. Es war aber sehr wohl eine gewisse Verblüffung zu erkennen, als McVay sein Nachfolger wurde. "Man kann nicht sagen, dass da eine große Nachfrage nach McVay bestand. Die Rams haben ihn bekommen, weil sie um die Ecke gedacht haben", sagt Albert Breer, NFL-Experte des US-Magazins "Sports Illustrated".

McVays Vita war in der Tat übersichtlich. Sein Großvater John hatte einst als Vizepräsident bei den San Francisco 49ers gearbeitet, als diese fünf Super Bowls gewannen. Aber das öffnete Sean McVay keine Türen. Er musste sich hocharbeiten - und tat dies bei den Washington Redskins, wo er es vom Assistenz-Trainer der Tight Ends bis zum Offensive Coordinator schaffte. McVay verfeinerte das Angriffsspiel so sehr, dass die Redskins-Offensive 2016 zahlreiche Vereinsrekorde aufstellte.

Harmlose Rams sind nun echte Rammböcke

Als McVay in L. A. anfing, verspürte Quarterback Jared Goff umgehend eine "frische, neue Energie". Defensive Tackle Aaron Donald schwärmt von McVays "Siegermentalität" und der Philosophie, den Spielern keine Komfortzone zu erlauben: "Er will, dass wir für unsere Fehler die Verantwortung tragen. Genau das brauchen wir."

McVays erste Saisonbilanz von 11:5-Siegen war die beste der Rams seit 2003. Innerhalb eines Jahres hat er aus der nach Punkten schwächsten Offensive der Liga den besten Angriff geformt. Runningback Todd Gurley wurde zum "Offensivspieler des Jahres" gewählt. Längst ist klar: die harmlosen Rams sind unter McVay zu echten Rammböcken geworden und wollen nun in den Super Bowl einziehen. Dazu fehlt noch ein Sieg am Sonntag bei den New Orleans Saints. Gelingt das, wäre McVay der jüngste Coach der NFL-Geschichte im Endspiel.

Jeder will eine McVay-Erfolgsgeschichte

Seine Erfolgsstory hat eine Trend ausgelöst, hin zu einem jungen, offensiv eingestellten Trainer, der die Spielzüge selbst ansagt und dies nicht seinem Offensive Coordinator überlässt. "Jeder versucht, um die Ecke zu denken und nicht nur Leute aufgrund ihres bisher Erreichten zu verpflichten. Und weil es mit McVay geklappt hat, gehen andere Teams jetzt auch das Risiko ein", sagt NFL-Experte Breer.

Anfang Januar waren acht Klubs auf der Suche nach neuen Cheftrainern. Die Arizona Cardinals holten den 39-jährigen Kliff Kingsbury, der bislang nur am College gecoacht hat. Kingsbury soll ein Bekannter von McVay sein. Green Bay setzt ab sofort auf Matt LaFleur (39), der 2017 als Offensive Coordinator unter McVay arbeitete. Und der 35 Jahre alte Zac Taylor, derzeit noch Quarterback-Coach der Rams, wird nach Saisonende Trainer der Cincinnati Bengals.

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Sean McVay: Der NFL-Wundertrainer

Vor 20 Jahren hieß der Sean McVay der NFL Mike Martz. Er eroberte die Liga mit seiner innovativen und offensiven Spielweise. Martz war 1999 Offensive Coordinator, als die Rams (damals noch in St. Louis) den Super Bowl gewannen und anschließend bis 2005 Cheftrainer. Aufgrund ihrer begeisternden Offensive gingen Martz's Mannen als "The Greatest Show on Turf" in die NFL-Geschichte ein.

Angesichts der McVay-Mania schüttelt der einstige Trendsetter den Kopf. "Jetzt glauben sie in der NFL, dass es etliche McVays gibt. Aber die gibt es nicht. Sean ist einzigartig", sagt Martz und ergänzt: "Nur weil jemand mit ihm gearbeitet hat, bedeutet das nicht, dass er der nächste Sean McVay ist. So einfach läuft das nicht."

Wie weit die Magie von McVay reicht, wird sich jetzt zeigen. Unter den verbliebenden vier Trainern ist er das Küken, das auf das Establishment trifft. Saints-Trainer Sean Payton ist 55 Jahre alt. Im Super Bowl würden der Gegner Andy Reid (Kansas City/60) oder Bill Belichick (New England/66) heißen. Jeder von ihnen hat mehr Jahre auf Amerikas Footballplätzen verbracht als McVay auf dieser Welt.

Wir haben die Bilanz der Rams in ihrer letzten Saison vor McVay korrigiert.

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insgesamt 5 Beiträge
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tomkey 20.01.2019
1. Vorfreude
Ich erwarte 2 Hammerspiele heute Abend und bin sehr auf die Auftritte der Chiefs und der Rams gespannt. Beide haben für mich die Erwartungen in den Play-Offs erfüllt. Und ihre Gegner - die Pats und die Saints - sind Erfahrung pur. Da die Saints beim Sieg letzte Woche ein wenig schwächelten stehen die Chancen für die Rams nicht schlecht. Mein Tip: Superbowl Pats - Rams.
lattenkracher11 20.01.2019
2. Bilanz 4:16?
Wie kann die Bilanz im Jahr vor dem Trainerwechsel bei 16 spielen 4:16 gewesen sein? Vielleicht 4 aus 16, was in der üblichen Schreibweise 4:12 wäre? Vielen Dank für den Hinweis. Wir haben den Fehler korrigiert. Die Redaktion
der_ba_be 20.01.2019
3.
Weit mehr als McVeigh, sollte es bei dem Erfolg der Rams um das Management gehen. Langfristiger Rebuild nach dem Lehrbuch: Erst Picks gehamstert, dann im Draft ordentlich und überlegt zugeschlagen, dann den zuvor geschaffenen Spielraum im Salary Cap genutzt, um in der Free Agency gestanden NFL Spieler zu holen. So kommt man zu einem Zeitfenster von 3-4 Jahren (so lange die Rookie contracts der Riesentalente aus dem draft laufen), um in den Superbowl zu kommen, danach greifen die regulative Mechanismen der Liga... die Talente wollen bezahlt werden und weil man die gestandenen Spieler nur mit hochdotierten Verträgen bekommen hat (Cooks, Talib) ziehen die jungen weiter und machen andernorts Kasse. Die einzige Franchise die da einen anderen Weg erfolgreich (!) geht, sind die New England Patriots. Aber die sind halt auch eine Ausnahmeerscheinung mit der besonderen Kombination von bestem Coach aller Zeiten plus bestem QB aller Zeiten. McVeigh ist natürlich alleine durch sein auftreten ein Medienmagnet... aber von diesen gehypten jungen, offensiv ausgerichteten Coaches gab es einige, nur wirklich nachhaltig erfolgreich als headcoach war bis jetzt kaum einer.
Lankoron 20.01.2019
4. Erst einmal abwarten,
was heute passiert, was eventuell im Superbowl passiert, was nächste Saison passiert. Ja, die Rams haben einen Lauf...doch heute abend werden sie zum ersten mal richtig gefordert. Und was aus vermeintlichen jahrelangen Überfliegern wird, sieht man an den Cowboys, an den Falcons etc...alles Vereine, die EINE gute Saison hatten und seitdem nur noch Durchschnitt sind. Also abwarten, was aus den RAMs wird. Und der Hype um neue junge Trainer...naja, hire and fire ist ja im Football gang und gäbe.
bigmitt 21.01.2019
5. Glückwunsch Rams,...
...aber es war leider nicht McVay der euch in den Super Bowl gecoacht hat sondern die Schiedsrichter die einen ganz klaren Call verpasst haben....Schade Saints...
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